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7) Michal Ajvaz: „Die andere Stadt“

Quelle: Verlag Petrov
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Prag und seine magische Atmosphäre sowie die mysteriöse Parallelwelt neben und unter der Stadt. Darum geht es bei Michal Ajvaz. Der Erzähler kommt bei seinen Nachtwanderungen durch ihre Straßen und Häuser zu dem Schluss, dass es nur einen Weg geben kann, die Parallelwelt zu verstehen: Man muss aus der gewohnten Wirklichkeit heraustreten und der „anderen Stadt“ entgegengehen.

Michal Ajvaz (Foto: Ondřej Lipár, Wikimedia Commons, CC BY-SA 2.0)

Michal Ajvaz: „Die andere Stadt“ (Quelle: Verlag Petrov)
„Die andere Stadt“ – die ganze Geschichte nimmt mit einem Buch mit violettem Einband ihren Anfang. Die Handlung des Romans von Michal Ajvaz beginnt in einem Antiquariat in der Prager Altstadt. Ein namenloser Erzähler entdeckt hier eines Tages ein mit unbekannten Zeichen geschriebenes Buch und beginnt darin zu lesen...

„Im Antiquariat in der Karlova schlenderte ich die Bücherreihen entlang, zuweilen sah ich durch das Schaufenster nach draußen: Mittlerweile schneite es stark, mit einem Buch in der Hand beobachtete ich, wie die Schneeflocken vor der Mauer der Salvatorkirche wirbelten, wandte mich wieder dem Buch zu, atmete seinen Duft ein, ließ meinen Blick über die Seiten schweifen und las hier und da ein aus dem Kontext gerissenes Satzfragment, das geheimnisvoll und gleißend aufleuchtete.“ (übersetzt von Veronika Siska)

Zwischen Realität und Imagination

Nach und nach stellt sich heraus, dass es unter dem echten Prag eine geheimnisvolle „andere Stadt“ gibt. Unter der Erdoberfläche und dem Alltag der Hauptstadt existiert also eine Parallelwelt – ein „zweites Leben“, das weder mit unseren Sinnen noch mit unserem Verstand vollkommen zu erfassen ist. Auf der Karlsbrücke leben Elche, an der Universität finden des Nachts sonderbare Vorlesungen statt, und in düsteren Kleiderschränken wird ein Krieg geführt. Durch das nächtliche Prag fährt eine mysteriöse grüne Straßenbahn, die die Menschen in die andere Stadt bringt. Doch wer in die Tram steigt, wird niemals wiedergesehen.

Jan Malura (Foto: Archiv Post Bellum)
Jan Malura ist Professor für tschechische Literatur an der Universität in Ostrava / Ostrau:

„Michal Ajvaz schafft es nicht nur in ‚Der anderen Stadt‘, sondern auch in seinen weiteren Romanen, den Leser in eine parallele, fantastische Welt zu führen. Genauer gesagt handelt es sich um keine völlig andere Welt, keine fiktive Mittelerde, in der sich Elfen und Nazgûlen tummeln. Solche Wesen findet man bei Ajvaz nicht. In ‚Der anderen Stadt‘ bleibt der Leser immer in Prag, es gibt dort bekannte Orte, wie den Laurenziberg, das Klementinum, den Altstädter Ring. Der Leser stellt aber fest, dass neben dieser Stadt Prag und neben unseren Wohnungen noch eine alternative Welt existiert. Der Autor balanciert an der Grenze zwischen der realen und imaginativen Welt, zwischen der rationalen und surrealen Sphäre.“

Zum Erfolg bei den Lesern trage auch bei, dass die Geschichten von Ajvaz sehr spannend seien, betont Malura:

„Am Anfang trifft man immer auf ein Geheimnis. In diesem Fall kauft der Erzähler ein in unbekannter Schrift verfasstes Buch und will herausfinden, was darin steht. Das Buch verweist ihn auf eine alternative Welt. Er sucht nach der anderen Stadt und stößt dabei auf verschiedene Spuren – in dunklen Winkeln der Bibliotheken, in unterirdischen Räumen, hinter den Spiegeln in Wohnungen. Für den Leser ist es spannend, diese Suche zu verfolgen.“

Paralellwelt

Quelle: Verlag Petrov
„…Die Grenze unserer Welt ist nicht fern, sie liegt nicht am Horizont oder in den Tiefen; sie schimmert in nächster Nähe, an den halbdunklen Rändern unseres engen Lebensraums – aus den Augenwinkeln blicken wir ständig, ohne es zu merken, in die andere Welt. Stets gehen wir am Ufer, am Urwaldrand entlang, unsere Gesten scheinen zu den verleugneten Räumen zu gehören, sich aus ihnen zu erheben und auf seltsame Weise deren geheimnisvolles Leben zu offenbaren; Wellengetöse und Tiergeschrei begleiten unsere Worte und beunruhigen uns, doch nehmen wir es nicht wahr (obwohl unsere Sprache vielleicht heimlich gerade im Meer oder Urwald geboren ist), die glitzernden Juwelen im unbekannten Land der Nischen und Winkel beachten wir nicht, für gewöhnlich kommen wir im ganzen Leben kein einziges Mal vom Wege ab. Zu welchen Goldtempeln würden wir gelangen? Mit welchen Tieren, welchen Ungeheuern würden wir kämpfen, auf welchen Inseln unsere Pläne, unsere Ziele vergessen?“

Soweit ein Ausschnitt aus dem ersten Kapitel des Romans. Übersetzt wurde der Text von Veronika Siska. Die in München lebende Bohemistin und Übersetzerin Veronika Siska ist eine begeisterte Leserin von Michal Ajvaz. Worin sieht sie die Stärke seiner Bücher?

„Die Bücher von Ajvaz verändern einem das Leben.“

„Sie verändern einem das Leben. Als Übersetzer befasst man sich natürlich intensiv damit. Man denkt über jedes Wort oder Komma, jeden Gedankenstrich oder Punkt nicht nur zweimal, sondern vielleicht fünfmal nach. Da ist man mehr im Text drin, als ein normaler Leser. Aber ich kann einerseits nicht mehr an halb geöffneten Türen vorbeigehen, ohne dass mir eine Textstelle einfällt und ohne, dass ich denke: ‚Wer weiß, was für eine andere Welt sich dahinter verbirgt.‘ Oder wenn ich Schneegestöber sehe, versetzt es mich sofort in ein Antiquariat in Prag. Andererseits sind immer mal wieder Lebensweisheiten eingestreut, Sätze, die für einen neu sind – als Satz, Aphorismus oder eben Lebensweisheit. Sätze, die den Nagel auf den Kopf treffen, sodass man sich denkt: ‚Das ist wahr. Das stimmt. Das habe ich auch schon so erlebt‘.“

Quelle: Verlag Petrov

„Meine Bücher gehen von einem primären Gefühl aus, der oft auf dem Eindruck eines bestimmten Ortes basiert.“

Der Dichter und Prosaautor Michal Ajvaz hat im Oktober vergangenen Jahres seinen 70. Geburtstag gefeiert. Er schreibt seit den frühen Jugendjahren, veröffentlichte sein erstes Buch aber erst im Alter von 40 Jahren. An „Der anderen Stadt“ arbeitete Ajvaz in den frühen Neunzigern, herausgegeben wurde der Roman 2005 im Brünner Petrov-Verlag. Gegenüber Radio Prag International schildert der Schriftsteller, wie seine Texte entstehen:

Quelle: Verlag Petrov
„Die Bücher gehen von einem primären Gefühl aus, der oft auf dem Eindruck eines bestimmten Ortes basiert. Dann entwickelt sich der Text ohne einen im Voraus festgelegten Plan, im schrittweisen Prozess, wobei ich den Text immer wieder überschreibe. Bei dieser Art des Schreibens kommt es häufig dazu, dass die Bücher sehr lang werden. Die Handlung ist sehr verzweigt, und in der Hauptlinie findet man viele Einschaltungen und eingeschobene Geschichten.“

Magisches Prag

Spielerisch, fantastisch, voll von Symbolen – so werden die Bücher von Michal Ajvaz charakterisiert. Über den Stil und das Genre gehen die Meinungen auseinander. Manchmal wird der Autor dem magischen Realismus zugeordnet, der vor allem die lateinamerikanische Literatur geprägt hat. Der Literatur-Professor Jan Malura sieht aber eine andere Verbindung:

„‚Die andere Stadt‘ lässt sich dem Genre der Romane über das magische Prag zuordnen. Das ist eine starke Strömung in der tschechischen und auch der deutschböhmischen Literatur. Zu erwähnen sei etwa das Romanetto ‚Der heilige Xaverius‘ von Jakub Arbes, in dem anhand eines Gemäldes ein Geheimnis aufgespürt wird. Oder ‚Der Golem‘ von Gustav Meyrink. Da vermittelt ein geheimnisvolles Buch den Einbruch in eine alternative Welt. Zu dieser Strömung gehört auch Franz Kafka mit seinen Figuren, die immer wieder etwas suchen und irgendwohin gelangen wollen. Das schaffen sie aber nicht. Begleitet ist dies von der Schilderung der Atmosphäre in Prag.“

Foto: Štěpánka Budková
Die alternative Welt, die sich in den Romanen von Michal Ajvaz öffne, sei nicht ganz ernst zu nehmen, obwohl es auf den ersten Blick so scheinen könne, sagt Malura:

„Seine Texte sind gefüllt mit grotesken Überzeichnungen, Scherzen und Parodien auf die Wissenschaft. Ajvaz verspottet und parodiert die vernunftbestimmte wissenschaftliche Erkenntnis. In ‚Der anderen Stadt‘ forschen Wissenschaftler zum Beispiel zur ‚Archäologie der Steckdosen‘. Es gibt da parodistische geheimnisvolle Wesen wie den Rezitationsvogel Felix, unter den Regalen der Nationalbibliothek in Prag tanzen verwilderte Nachkommen der Bibliothekare. Ajvaz ist ein sehr origineller Autor mit einer immensen Vorstellungskraft. Er erzählt davon, dass in der Stille und Leere ein Zauber verborgen liegt, dass hinter unauffälligen Sachen etwas Merkwürdiges steckt, dass darin etwas Wichtiges geboren wird.“

Keine Übersetzungen ins Deutsche

Die Texte von Michal Ajvaz sind in Deutschland nur wenig bekannt. Für die Übersetzerin Veronika Siska ist dies kaum zu verstehen, denn sie kennt die Werke des Autors schon relativ lange:

Veronika Siska (Foto: Archiv von Veronika Siska)
„Ich habe ja tschechische Literatur studiert. Damals habe ich mich aber noch nicht für Literaturübersetzung interessiert. Deswegen habe ich auch nicht darauf geachtet, ob es die Texte auf Deutsch gibt. Später dann war ich aber doch sehr überrascht. Ich dachte mir: ‚Das kann nicht sein, das sind so starke Texte. Wie kann es sein, dass sie noch nicht übersetzt sind?‘. Ich habe viel recherchiert und kein übersetztes Buch von Michal Ajvaz gefunden. Es gibt Auszüge in Zeitschriften, die immer mal wieder herausgekommen sind, aber kein komplettes Werk. Ich habe dann Dana Blatná angesprochen, die Literaturagentin von Michal Ajvaz. Sie hat mir bestätigt, dass es tatsächlich keine Übersetzungen gibt. Keiner verstünde das, es sei wie verhext.“

„Die andere Stadt“ wurde bisher in sieben Fremdsprachen übertragen, aber nicht ins Deutsche. Ausgewählte Kapitel lassen sich in Übersetzung von Veronika Siska in Zeitschriften lesen. Die Bohemistin hat auch „Die Rückkehr des alten Warans“ übersetzt – es ist das einzige Buch von Michal Ajvaz, das auf Deutsch vorliegt. Es wurde anlässlich des tschechischen Gastauftritts bei der Leipziger Buchmesse 2019 herausgegeben.

„Ich habe zuvor schon etwa zwei Jahre lang versucht, ein Buch von Michal Ajvaz bei einem deutschen Verlag unterzubringen. Dazu habe ich mit etwa 20 Verlagslektoren und verschiedenen Literaturzeitschriften gesprochen. Mit den Verlagen klappte das zunächst nicht, mit den Zeitschriften schon. Bei ihnen konnte ich einige Texte unterbringen. Daraufhin hat sich der tschechische Verlag ‚Větrné mlýny‘ bei mir gemeldet. Ich wurde angefragt, ob ich den Erzählband übersetzen möchte. Das Buch ist dort als Teil der zehnbändigen Edition ‚Tschechische Auslese‘ erschienen.“

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