Tschechien holt wirtschaftlich auf und will 2010 reif für den Euro sein

Foto: Europäische Kommission

Im nun folgenden Wirtschaftsmagazin setzt sich Lothar Martin mit mehreren Zahlen und Eckdaten der tschechischen Wirtschaft auseinander. Und dabei spielt das Geld natürlich die wesentliche Rolle. Also bleiben Sie dran!

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Die tschechische Wirtschaft setzt mehr und mehr auf den Export. Dem Prager Statistikamt zufolge war die Warenausfuhr im Januar um 3,4 Milliarden Kronen höher als die in die Tschechische Republik getätigten Importe. Und dieser Trend wird weiter zunehmen. Denn die in Tschechien und weiteren mitteleuropäischen Ländern ansässigen Firmen ziehen ihren Vorteil daraus, indem sie es verstehen, kostengünstiger als ihre westlichen Konkurrenten zu produzieren. So hat zum Beispiel die tschechische Siemens Gruppe im vergangenen Jahr zum ersten Male einen Auftrag zur Lieferung von Zügen für die Schweizer Eisenbahnen in einem Gesamtvolumen von 320 Millionen Euro erhalten. Und auch die sich bei Skoda Auto, dem Mitglied des VW-Konzerns als sehr gut, flexibel und zuverlässig erwiesenen tschechischen Zulieferer drängen weiter auf den europäischen Markt. So werden ihre Produkte und Leistungen inzwischen auch von solch renommierten Automarken wie BMW, Citroen und Opel in Anspruch genommen. Dieser Entwicklung ein wenig entgegen stand zuletzt nur der sich ständig im Aufwind befindliche Wechselkurs der Tschechischen Krone gegenüber dem Euro und dem US-Dollar. So hatte die tschechische Währung in der ersten März-Dekade erstmals die 22-Kronen-Grenze im Verhältnis zum Dollar durchbrochen, während sich ihr Kurs zur europäischen Währung schon ziemlich der Marke von 29 Kronen je Euro genähert hatte. Eine solch rasche Kursentwicklung weist immer zwei Seiten einer Medaille auf, wie auch der tschechische Vizepremier für Ökonomie, Martin Jahn betonte:

"Auf der einen Seite ist die Aufwertung der Krone ein positives Signal in der Hinsicht, dass die tschechische Ökonomie von den ausländischen Kapitalinhabern als eine Wirtschaft mit potenziellem Zuwachs wahrgenommen wird, und dass darüber hinaus auch die tschechische politische Szene im Wesentlichen als stabil angesehen wird. Auf der anderen Seite hat eine solch sprunghafte Aufwertung der Tschechischen Krone eine gehörige Auswirkung auf den Export und sie kann auch den positiven Trend des Defizitabbaues der tschechischen Außenhandelsbilanz in gewissem Maße gefährden."

Dass eine allzu starke Krone den tschechischen Exporteuren die Geschäfte erschwert, das bestätigte dann auch der Direktor des Verbandes der Hersteller von Maschinentechnik, Zdenek Holy:

"Wir erhalten weniger für unsere Erzeugnisse, und das nimmt bei den Konkurrenzbedingungen, die gegenwärtig insbesondere im Segment des Werkzeugmaschinenbaues herrschen, oft sehr selbstmörderische Züge an. Das ist eine Angelegenheit, die uns und unsere Unternehmen dazu zwingt - sollte sich das Tempo des Dollar-Kursverfalls nicht verringern - sich nach anderen Märkten umzuschauen."

Für die tschechischen Maschinenbauer ist der Dollarkurs von größerer Bedeutung, da sie sich in erster Linie auf dem amerikanischen und russischen Markt bewegen. Doch mittlerweile kann eine erste Entwarnung gegeben werden, weil die Tschechische Krone und andere mitteleuropäische Währungen in der zweiten März-Dekade wieder einen leichten Kursverlust gegenüber Dollar und Euro hinnehmen mussten. Dennoch schließt die Tschechische Nationalbank nicht aus, in Kürze ein weiteres Mal die Leitzinsen zu senken, um der zu schnellen Wertsteigerung der nationalen Währung entgegen zu treten. Ein solcher Schritt mache durchaus Sinn, erklärte der Analytiker des Bankhauses Komercni banka, Jan Vejmelek:

"Eine Intervention gegen die starke Krone ist nicht ausgeschlossen. Das ist ein legitimes Instrument der Zentralbank, die sich relativ häufig an der benachbarten Slowakischen Nationalbank bei ihrem Kampf gegen eine zu starke Slowakische Krone orientiert. Lang anhaltende Interventionen sind nicht erfolgreich, eine kurzfristige Intervention kann jedoch den Aufwärtstrend der Landeswährung verlangsamen."

In diesem Sinne schaut alles bereits gespannt auf die Sitzung der Tschechischen Nationalbank am 31. März. In Finanzkreisen wird allgemein mit der Senkung der Leitzinsen gerechnet. Sollten diese jedoch unter das Niveau der Euro-Zone fallen, könnte dies ausländische Investoren abschrecken, fürchten Experten.

Was dem einen sin Ul, ist dem andern sin Nachtigall. Oder anders gesagt: Was der eine nicht mag, ist für den anderen erstrebenswert. Und so verhält es sich auch mit dem lieben Geld bzw. dem Wert des Geldes, der durch verschiedene Kursentwicklungen ja immer wieder in die eine oder andere Richtung verschoben wird. Eine Fortsetzung des Kursanstiegs der Krone gegenüber dem US-Dollar ist zum Beispiel vorteilhaft für die tschechischen Verbraucher. Das begründet der Chefökonom der tschechischen Volksbank, Vladimir Pikora, wie folgt:

"Aus der Sicht der tschechischen Verbraucher ist die Schwäche des amerikanischen Dollars angenehm, besonders für den Kauf von Elektronik-Erzeugnissen, von Benzin oder bei einem Urlaubstrip in exotische Länder. Wenn der Dollar zum Beispiel bei einem solchen Wert liegen würde, wie er ihn noch zum gleichen Zeitpunkt des Vorjahres gehabt hat, dann wäre der Liter Benzin um vier Kronen teurer."

Aber auch so haben die tschechischen Arbeitnehmer heutzutage immer mehr Geld im Portemonnaie. In den zurückliegenden 15 Jahren seit der Wende 1989/90 hat sich das durchschnittliche Monatsgehalt in Tschechien nahezu versechsfacht. Auf welchem Niveau es im Jahr 2004 angelangt ist, dazu sagte Jana Bondyová vom Tschechischen Statistikamt:

"Der durchschnittliche Nominallohn betrug im vergangenen Jahr 18.035 Kronen. Im Vergleich zum Vorjahr ist er um 1116 Kronen gestiegen, was einem Lohnzuwachs von 6,6 Prozent entspricht. Der Reallohn wiederum, also der abzüglich der Inflation tatsächlich gestiegene Lohn, hat sich um 3,7 Prozent erhöht."

Der statistisch erfasste so genannte tschechische Durchschnittsbürger verdient also monatlich umgerechnet rund 600 Euro. Doch bei genauerem Hinsehen wird man feststellen, wie unterschiedlich auch in Tschechien die Verdienstmöglichkeiten sind. Der Statistik zufolge sind die Prager weiterhin die Bestverdiener des Landes mit einem durchschnittlichen Monatslohn von 22.433 Kronen, was umgerechnet knapp 750 Euro entspricht. Am wenigsten wird hingegen im Karlsbader Landkreis gezahlt - die hiesigen Arbeitnehmer müssen sich mit durchschnittlich 15.415 Kronen (ca. 510 Euro) im Monat begnügen. Von den sich ständig verbessernden Gehältern geht den tschechischen Haushalten selbstredend ein gewisser Teil durch die sich ebenfalls fortlaufend erhöhenden Verbraucherpreise verloren. Im Februar wurde die Inflationsrate mit 1,7 Prozent angegeben. Die Analytikerin der Prager Raiffeisen Bank Helena Horská erklärt, in welchen Bereichen die Bürger die Preiserhöhungen am deutlichsten spüren:

"Die Mehrzahl der Dienstleistungen hat sich verteuert. Eine Ausnahme bildeten lediglich die von der Gesellschaft Cesky Telekom angebotenen Leistungen, wo sich die Telefon-Grundgebühr nicht erhöht hat. Während der Preiszuwachs bei den Dienstleistungen im Allgemeinen überall sichtbar wird, macht sich bei den Diensten der Telekommunikationsgesellschaften die sehr starke Konkurrenz positiv bemerkbar. Sie drückt nämlich die Preise nach unten und erhöht die Qualität der Dienste."

Die Tschechische Republik ist also rund ein Jahr nach ihrem am 1. Mai 2004 vollzogenen Beitritt zur Europäischen Union auf dem besten Wege, auch in finanziellen Angelegenheiten bald ein vollwertiges EU-Mitglied zu werden. Die im vergangenen Jahr erzielte Steigerung des Bruttoinlandsprodukts von vier Prozent und mehrere weitere ökonomische Kennziffern sprechen dafür, dass auch die Einführung des Euro kein Wunschtraum bleiben wird. Die tschechischen Wirtschafts- und Finanzexperten treten jedoch weiterhin auf die Euphoriebremse und bleiben eher konservativ, denn ihrer Meinung wird der Euro nicht vor dem Jahr 2010 in Tschechien das verbindliche Zahlungsmittel sein.