„72 Stunden“: Tschechien lanciert neue Kampagne zur Krisenvorsorge
Was tun bei Hochwasser, Tornado oder dauerhaften Stromausfall? Und wie kann man sich auf derartige Katastrophen vorbereiten? Darüber will eine neue Kampagne des tschechischen Innenministeriums aufklären.
Ein Mann mit Dreitagebart, Blumen-T-Shirt und lässigem Karo-Hemd steht vor einem eher unaufgeräumten Bücherregal und blickt in die Kamera. Wüsste man es nicht besser, würde man denken, er stellt ein neues Smartphone vor, berichtet von seiner letzten Reise oder will einen ETF-Sparplan verkaufen. Doch seine eindringliche Mimik, die ausladenden Bewegungen mit den Händen, die ernste Stimme und die triste Musik im Hintergrund lassen erahnen, dass es hier um etwas anderes geht.
Das Video ist Teil der neuen Kampagne „72 hodin“ (72 Stunden), die das tschechische Innenministerium am Montag gemeinsam mit der Feuerwehr und weiteren Einsatzkräften gestartet hat. Ziel ist es, die Bevölkerung besser auf Extremsituationen wie Naturkatastrophen, Brände oder einen Ausfall der Strom- und Trinkwasserversorgung vorzubereiten.
Auf der Website der Informationskampagne erfährt man etwa, dass man im Haushalt pro Kopf und Tag zwei Liter Trinkwasser vorrätig haben sollte, außerdem Bargeld, Kopien wichtiger Dokumente und Essensreserven wie Trockenfrüchte oder Konserven, die nicht erwärmt werden müssen. Zudem werden Hinweise gegeben, wie man über Extremereignisse mit Kindern kommunizieren sollte oder wie man selbst informiert bleiben kann. Jan Paťawa leitet das Referat für strategische Kommunikation im Innenministerium und sagt:
„Die Bürger sollten sich auf öffentlich-rechtliche Quellen verlassen, also auf den Tschechischen Rundfunk, das Tschechische Fernsehen und die Presseagentur ČTK. Zudem werden die Einwohner über die örtlichen Lautsprecheranlagen informiert.“
Die Autoren der Kampagne verweisen darauf, dass auf das Mobiltelefon als Nachrichtenquelle im Extremfall kein Verlass sei. Denn das Handynetz kann zusammenbrechen und der Strom ausfallen – wie zuletzt Anfang Juli, als ein großer Teil der tschechischen Stromversorgung aus bisher ungeklärten Gründen für mehrere Stunden lahmgelegt war. Deshalb sollte man im Haushalt immer ein Radio und Batterien vorrätig haben, so ein Tipp auf der Website.
Warum aber heißt die neue Kampagne „72 Stunden“? Jan Paťawa erläutert:
„Wenn es zu einer Krisensituation kommt, kümmern sich die Rettungskräfte vor allem um Menschen, deren Leben unmittelbar in Gefahr ist. Damit die Einsatzkräfte dazu den nötigen Spielraum haben, sollten sich alle anderen Menschen eine Zeit lang selbst versorgen können.“
Die Hinweise zur Notfallvorsorge gibt es vorerst nur im Internet. Laut dem Innenministerium werden sie im Oktober aber allen Haushalten in Tschechien in gedruckter Form zugestellt. Die Broschüre soll 20 Seiten haben.
In mehreren europäischen Ländern gibt es derzeit ähnliche Kampagnen. So hatten Schweden und Norwegen zuletzt Handreichungen an ihre Einwohner verteilt, und auch in Polen läuft eine entsprechende Kampagne an. Demnächst wird dort ein 40-seitiges Informationsheft mit Notfalltipps in allen Briefkästen landen. Während in den genannten Ländern die Angst vor einem bewaffneten Konflikt mit Russland recht groß ist und die Gefahr eines Krieges auch explizit erwähnt wird, spart Tschechien diesen Aspekt aus. Ähnlich geht scheinbar auch Frankreich in seinem geplanten „Überlebenshandbuch“ vor. Jan Paťawa sagte dazu dem Tschechischen Rundfunk:
„Unser Handbuch behandelt Katastrophenlagen, die in Tschechien gewissermaßen üblich sind, also Hochwasser, Stürme, Tornados und Stromausfälle. Wir bereiten die Menschen auf Gefahren nichtmilitärischer Art vor.“
Die Informationen stehen online auf Tschechisch, Englisch und Ukrainisch zur Verfügung. Ebenso gibt es Inhalte für gehörlose und blinde Menschen.