Als die Welt Radio Prag einschaltete: Hörerbriefe aus dem Jahr 1968

Als die Welt Radio Prag einschaltete

1968 wurden die Auslandssendungen des Tschechoslowakischen Rundfunks durch das weltweite Interesse am Prager Frühling zu einer zentralen Informationsquelle. Tausende Hörerbriefe aus aller Welt erreichten damals die Redaktion. Eine Auswahl daraus ist derzeit im Prager Rundfunkgebäude zu sehen

Tomáš Dufka | Foto: Khalil Baalbaki,  Tschechischer Rundfunk

Zum Jahrestag des Einmarsches der Warschauer-Pakt-Truppen am 21. August 1968 in die Tschechoslowakei zeigt der Tschechische Rundfunk eine spezielle Ausstellung. Es handelt sich um Hörerbriefe, die in dem Jahr Radio Prag erreichten.

„Die Idee für diese Ausstellung ist schon vor einigen Jahren entstanden, als wir einen nicht aufgearbeiteten Bestand des Auslandsrundfunks entdeckten. Bei der näheren Sichtung stellten wir fest, dass ein Großteil dieser Sammlung aus Hörerbriefen aus dem Jahr 1968 besteht – sie füllen Dutzende von Kisten“, so der Leiter des Archivs des Tschechischen Rundfunks, Tomáš Dufka.

Als die Welt Radio Prag einschaltete | Foto: Markéta Kachlíková,  Radio Prague International

Kisten voller Hörerbriefe

Damit war die Entdeckung jedoch noch nicht zu Ende...

„Was uns bei der genauen Durchsicht noch mehr überraschte: In einer der Kisten stießen wir auf eine Inhaltsanalyse dieser Briefe, die die Reaktionen auf die Besatzung von 1968 dokumentierte. Es handelt sich um eine Analyse aus dem Jahr 1971, die damals als Grundlage für die Entlassungen von Rundfunkmitarbeitern diente. Mit diesem Fund haben wir uns schon vor längerer Zeit beschäftigt. Dieses Jahr haben wir uns dazu entschlossen, erstmals Teile dieses Bestands der Öffentlichkeit zu zeigen und das Thema neu aufzurollen.“

Richard Seemann | Foto: Khalil Baalbaki,  Archiv des Tschechischen Rundfunk

Bereits um das Jahr 2000 hat sich der ehemalige Redakteur Richard Seemann mit dem Thema beschäftigt. Er wurde nach der Wende Direktor des Auslandssenders und war zeitweise sogar Intendant des Tschechischen Rundfunks.

„Seemann schreibt, dass auf Basis dieser Analyse rund 75 Angestellte entlassen worden seien – anfangs etwa 35, später folgten Dutzende weitere. Er war damals selbst als Redakteur betroffen und musste gehen.“

In der Analyse wurden vor allem Briefe mit politischem Inhalt akribisch seziert:

Als die Welt Radio Prag einschaltete | Foto: Khalil Baalbaki,  Archiv des Tschechischen Rundfunk

„Man muss dazu sagen, dass sich nur eine sehr geringe Minderheit – schätzungsweise bis zu zehn Prozent aller Absender – überhaupt politisch zum Geschehen in der Tschechoslowakei geäußert hat. Aus der Fachliteratur wissen wir, dass beim Auslandsrundfunk damals jährlich bis zu 100.000 Briefe eingingen. Hier sprechen wir jedoch von maximal einigen Tausend Schreiben. Es handelt sich also nur um einen sehr spezifischen Ausschnitt.“

Die Briefe dienten als Instrument für die politischen Säuberungen, bei denen während der sogenannten Normalisierung Anfang der 1970er Jahre zahlreiche Rundfunkmitarbeiter entlassen wurden. Im Archiv werden etwa 30 Personalakten der damaligen Redakteure aufbewahrt. Tomáš Dufka:

Als die Welt Radio Prag einschaltete | Foto: Khalil Baalbaki,  Archiv des Tschechischen Rundfunk

„Wer positiv auf Briefe antwortete, die den Prager Frühling unterstützten, dem wurde rechter Opportunismus vorgeworfen. Eine zögerlichere Antwort hingegen galt als akzeptabler. Vielleicht diente die Auswertung der Post auch als Vorwand, um die Gesinnung in den Redaktionen zu durchleuchten. In den 1960er Jahren arbeiteten im Auslandsrundfunk sehr interessante Menschen. Der neuen Leitung des Medienhauses nach 1968 war völlig klar, dass sie dort ein ‚Problem‘ hatte.“

Jiří Dientsbier im Jahr 1964 | Foto: Petr Böhm,  APF Tschechischer Rundfunk

Wie Richard Seemann 2016 in seinem Artikel für die Zeitschrift Svět rozhlasu (Welt des Rundfunks) betonte, waren die Säuberungen keineswegs nur eine Abrechnung mit dem Jahr 1968, sondern mit der gesamten bisherigen Herrschaft der Kommunistischen Partei. Er zitiert aus den Dokumenten die Feststellung, dass die Auslandssendungen ein „Kader-Abfalleimer“ gewesen seien: Wer auch immer aus politischen Gründen unbequem wurde, wurde zu Radio Prag versetzt.

Tatsächlich arbeiteten beim Auslandsrundfunk Persönlichkeiten, die später in der Opposition aktiv waren und nach der Samtenen Revolution von 1989 die tschechische Politik und Gesellschaft maßgeblich mitgeprägt haben. Dazu gehörten der spätere Außenminister Jiří Dienstbier, der Leiter der Präsidentschaftskanzlei Luboš Dobrovský, der Botschafter in Berlin František Černý sowie die Kommentatoren Ivan Cikl und Karel Jezdinský von Radio Free Europe. Auch der weltbekannte Schriftsteller Arnošt Lustig und viele weitere durchliefen Radio Prag noch vor dem Jahr 1968. Tomáš Dufka nennt die Redakteure, die dieses schicksalhafte Jahr direkt im Sender miterlebten:

Bedřich Utitz | Foto: Post Bellum

„Da ist zum einen Bedřich Utitz aus der deutschen Redaktion. Er ist eine allgemein bekannte Persönlichkeit, die nach 1968 emigrieren musste und zu einer bedeutenden Figur des tschechoslowakischen Exils wurde. Ein weiterer, vielleicht weniger bekannter, aber sehr interessanter Name ist Jan Vinař, damals Chefredakteur der französischen Redaktion. Er leitete in den 1960er Jahren die Fachzeitschrift für Rundfunktheorie ‚Rozhlasová práce‘, engagierte sich sehr aktiv im Prager Frühling und musste schließlich in die Schweiz flüchten. Und wie bereits erwähnt, war auch Richard Seemann damals als Nachwuchsredakteur eine überaus interessante Persönlichkeit.“

Als die Welt Radio Prag einschaltete | Foto: Khalil Baalbaki,  Archiv des Tschechischen Rundfunk

Stimmen aus aller Welt

An die historische Rolle des Auslandssenders und dessen Briefkontakt mit den Hörern erinnert die kleine Ausstellung in der Eingangshalle des Tschechischen Rundfunks. Der Archivar Ivan Malý beschreibt die Schau:

Ivan Malý | Foto: Tschechischer Rundfunk

„Wer in unser Foyer an der Vinohradská 12 kommt, erfährt durch einen Einführungstext in Grundzügen, was 1968 bei uns geschah und welche Rolle der Auslandsdienst in diesem Prozess spielte – nicht nur mit Blick auf die Tschechoslowakei, sondern vor allem innerhalb des damaligen Tschechoslowakischen Rundfunks selbst.“

Neben dieser Einführung auf zwei großformatigen Tafeln zeigen zwei Vitrinen ausgewählte Originaldokumente aus dem Archiv:

Als die Welt Radio Prag einschaltete | Foto: Khalil Baalbaki,  Archiv des Tschechischen Rundfunk

„Von den Briefen aus dem Jahr 1968 gibt es Tausende, weshalb wir für die Ausstellung eine sehr feine Auswahl treffen mussten. Diese spiegelt jedoch die enorme sprachliche Vielfalt der Sendungen wider: Die Besucher sehen hier Briefe auf Arabisch, Spanisch, Portugiesisch, Deutsch oder Englisch. Der Auslandsdienst hat damals wirklich ein riesiges Sprachspektrum abgedeckt.“

Und oft schrieben die Hörer nicht einmal in ihrer Muttersprache, sondern nutzten eine der großen Weltsprachen, ergänzt Ivan Malý:

Als die Welt Radio Prag einschaltete | Foto: Markéta Kachlíková,  Radio Prague International

„Wir zeigen hier einen Brief aus dem März 1968: Eine Studentin von der Universität Tartu in Estland – damals Teil der Sowjetunion – namens Laine Mutsaja schrieb auf Deutsch an die österreichische Redaktion. Es ist faszinierend: Eine Estin aus der UdSSR, die die deutschsprachigen Sendungen aus Prag verfolgte.“

Und das ist der Wortlaut:

„Sehr verehrte Redaktion! Diesen Brief bekommen Sie von einer Studentin aus der Estnischen SSR. Ich studiere an der Tartuer Universität Deutsch. Weil ich heute zufällig Ihre Stimme durch Rundfunk hören konnte, bin ich auf den folgenden Gedanken gekommen. Ich habe mich schon lange für das Leben der Jugend im Ausland interessiert. Es ist mir aber (wegen des Mangels an Anschriften) nicht gelungen, mir Brieffreunde zu finden. Deshalb möchte ich nun um Ihre Hilfe bitten. Ist es Ihnen möglich, mir einige Adressen der jungen Leute aus der Tschechoslowakei und Österreich zu schicken? Besser wäre es, wenn sie sich ein wenig für Briefmarken interessieren. Ich bin Ihnen schon im Voraus dankbar. Mit besten Grüßen Laine Mutsaja.“

Als die Welt Radio Prag einschaltete | Foto: Khalil Baalbaki,  Archiv des Tschechischen Rundfunk

Der Archivar Malý fährt fort:

„Wir haben gezielt Briefe ausgewählt, die auch optisch herausragen – viele sind mit kleinen Zeichnungen oder Kinderbildern verziert. Wir zeigen zum Beispiel ein Schreiben auf Arabisch, auf dessen Rückseite sich eine sehr poetische Darstellung befindet: Der Verfasser hat dort ein selbst verfasstes arabisches Gedicht niedergeschrieben.“

Die Briefe sind um ein traditionelles Azulejo-Fliesenmosaik ergänzt. Dieses Kunstwerk entstand 1986 in Spanien anlässlich des 50. Jubiläums des Auslandsrundfunks.

Als die Welt Radio Prag einschaltete | Foto: Khalil Baalbaki,  Archiv des Tschechischen Rundfunk

Die Zuschrift der estnischen Studentin steht stellvertretend für die große Mehrheit der vielen Tausend Briefe, die keinerlei politischen Inhalt hatten. Nur ein Bruchteil der Post befasste sich konkret mit der Lage in der Tschechoslowakei:

„Die Hörer stellen Fragen zum Geschehen hierzulande. Das ist es, was sie damals bewegt hat. In der überwältigenden Mehrheit äußern sie ihre Unterstützung für die tschechoslowakischen Reformbemühungen, besonders während des Prager Frühlings 1968. Oft sind es eher ‚naive‘ Wünsche und Fragen. Jemand, der beispielsweise in einer Kleinstadt in Brasilien lebte, konnte kaum einen tiefen Einblick in die Geopolitik Mittel- oder Osteuropas haben. Umso ehrlicher und authentischer sind diese Botschaften.“

Als die Welt Radio Prag einschaltete | Foto: Khalil Baalbaki,  Archiv des Tschechischen Rundfunk

Hochemotionale Botschaften und Solidaritätsbekundungen

In den deutschsprachigen Nachbarländern waren die Hörer informierter. So schrieb Carsten Ulrich aus Neuss am 21. Juli 1968:

Als die Welt Radio Prag einschaltete | Foto: Khalil Baalbaki,  Archiv des Tschechischen Rundfunk

„Da ich die Geschehnisse in der ČSSR besonders in der letzten Zeit aufmerksam verfolgt habe, bin ich Ihnen für die Übersendung des Aktionsprogrammes der KPTsch doppelt dankbar, da ich dadurch auch über die Politik der neuen demokratischen Führung in der ČSSR informiert war. Wenn auch die Zeitungen hier viel von einer eventuell möglichen Wiederholung des Geschehens von Budapest 1956 sprachen, so habe ich trotzdem eine solche unüberlegte Aktion der sowjetischen Führung für ausgeschlossen gehalten, da dies bei der gegebenen Lage nur als Wahnsinn zu bezeichnen gewesen wäre…“

Der Archivar beschreibt den Inhalt der Zuschriften:

Als die Welt Radio Prag einschaltete | Foto: Markéta Kachlíková,  Radio Prague International

„Es sind sehr ausdrucksstarke Briefe, in denen sich die Menschen direkt zu den Ereignissen und zur Besetzung der Tschechoslowakei im Jahr 1968 äußern. Darin bekunden sie ihre Solidarität mit den heldenhaften Redakteuren des Tschechoslowakischen Rundfunks, loben deren Arbeit und unterstützen die Menschen sowie die Reformpolitiker der damaligen Republik. Es handelt sich dabei meist nicht um lange Abhandlungen, sondern um kurze, hochemotionale Botschaften und Solidaritätsbekundungen.“

Doch nicht alle waren Befürworter der Entwicklungen in der Tschechoslowakei. Günther von Epp aus Schwerin kritisierte am 26. Juli 1968:

„Ihr sprecht von Unterdrückung, Einmischung und sehr viel von Freiheit. Heute gegen 20:15 Uhr hörte ich einen Kommentar, der nicht sehr schön klang in Bezug auf eure Verbündeten. Baut doch einen Sozialismus auf, wie ihr wollt, vergesst aber nicht, wo ihr hingehört. Ihr predigt viel von Demokratisierung und öffnet dem westlichen Einfluss Tür und Tor. Unterstellt der Sowjetunion die Aggressionsabsichten mit Panzern und Kanonen und denkt nicht mehr an die Millionen toter sowjetischer Soldaten, die auch für euch gefallen sind.“

Die Briefe als Werkzeug der Säuberung

Spiegelte sich die veränderte Lage nach der Niederschlagung des Prager Frühlings auch irgendwie in den Hörerbriefen wider? Ivan Malý dazu:

Als die Welt Radio Prag einschaltete | Foto: Khalil Baalbaki,  Archiv des Tschechischen Rundfunk

„Auf jeden Fall. Vor allem ab dem Herbst 1968 schlägt der Ton komplett um. Natürlich schreiben die Hörer nun nicht mehr über ihre Unterstützung für den Reformkurs, da dieser gewaltsam niedergeschlagen worden war. Die Zäsur der Realpolitik spiegelt sich in der Korrespondenz ab dem Herbst 1968 also überaus deutlich wider.“

Die Analyse der Briefe und der Redaktionsarbeit bei Radio Prag aus dem Jahr 1971 umfasst etwa 60 Seiten. Im Rundfunk-Archiv findet sich kein Dokument, das den genauen Anlass für ihre Erstellung belegt. Tomáš Dufka schließt:

„Dies hängt zweifelsohne mit der neuen Führung zusammen, die damals im Rundfunk installiert wurde. Sie hatte die Aufgabe, die Lage unter Kontrolle zu bringen. Dabei wollten die Verantwortlichen strategisch vorgehen: Sie brauchten handfeste Argumente und Beweise für ihre Säuberungen. Die Hörerbriefe lieferten ihnen genau das. Die Audioaufnahmen wurden nicht archiviert, und es gab dafür keine Transkriptionen, so dass sie sich kaum systematisch auswerten ließen. Schriftliche Dokumente hingegen waren eindeutig, oft unterzeichnet, identifizierbar und ließen sich konkret zuordnen. Die Zensoren konnten mit dem Finger auf jemanden zeigen und sagen, dieser Mensch habe so geantwortet, dass klar sei, er trage die neue Parteilinie nicht mit.“

Die Unerwünschten wurden mit ideologischen Kampfbegriffen wie „innerer feindlicher Faktor“, „antisozialistischer Faktor“, „engagierter Rechter“ oder „rechter Agitator“ gebrandmarkt. Dutzende Redakteure wurden entlassen, außerdem emigrierten bis 1970 über 20 Mitarbeiter ins Ausland. Und die Mehrheit der zuvor bei Radio Prag beschäftigten Ausländer kehrte in ihre Heimatländer zurück.

Als die Welt Radio Prag einschaltete | Foto: Markéta Kachlíková,  Radio Prague International
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