Die Entwicklung des Europa-Bewusstseins: Anleihen bei den USA?

Jiri Grusa - in der Mitte (Foto: CTK)

In unserem heutigen Tagesecho haben wir bereits über die Reaktionen Tschechiens auf die amerikanische Forderung berichtet, sich im Kriegsfall an einem Angriff gegen den Irak zu beteiligen. Doch nicht nur in so spezifischen Fällen wie diesem steht die Diskussion der tschechisch-amerikanischen Verhältnisse hierzulande auf der Tagesordnung. Auch wenn es um allgemeinere Fragen wie der politischen Orientierung oder gar der Teilnahme an der Herausbildung einer gesamteuropäischen Identität geht, spielt die Beziehung zu den USA eine Rolle. Gerald Schubert berichtet:

Jiri Grusa - in der Mitte  (Foto: CTK)
Der tschechische Botschafter in Österreich, Jiri Grusa, ist nicht nur ein angesehener Diplomat, sondern auch als Schriftsteller und als Vertrauter von Präsident Vaclav Havel bekannt. In einer Vorlesung auf der Wiener Diplomatischen Akademie hat Grusa diese Woche unter anderem zur künftigen Entwicklung einer europäischen Identität Stellung genommen. Unter anderem vertrat er dabei die Ansicht, dass eine solche nicht ausschließlich auf europäischen Traditionen basieren könne, sondern sich auch in einer gemeinsamen euro-atlantischen Wertegemeinschaft manifestieren müsse. Sollen also US-amerikanische Wertvorstellungen quasi zu Bausteinen eines gesamteuropäischen Bewusstseins werden? Jiri Grusa hat seine in Wien vorgetragenen Thesen für Radio Prag nochmals konkretisiert:

"Ich habe die amerikanische Identität als eine, die nicht auf der Konkurrenz der - sagen wir - tribalen Identität, sondern auf den Werten der Menschenrechte aufgebaut worden ist, definiert. Und ich habe gesagt: Wenn Europa eine gemeinsame Identität erreichen soll, dann müsste es eine ähnliche, sozusagen nicht konkurrierende Identität erreichen, eine Verfassungsidentität. In diesem Sinne sehe ich auch eine zukünftige europäische Identität als etwas, das nicht mit der amerikanischen konkurriert, sondern das dem Vorbild der amerikanischen Identität folgt."

Stichwort Verfassungsidentität: Die Entwicklung einer europäischen Verfassung ist mittlerweile nicht mehr nur ein politischer Traum oder Spielwiese für abstrakte, staatsphilosophische Konstrukte. Ganz im Gegenteil: Längst wird im EU-Konvent tatsächlich an so einer Verfassung gearbeitet. Und gerade dieser Tage weilt dessen Präsident, der ehemalige französische Staatspräsident Valéry Giscard d'Estaing in Prag, um mit tschechischen Politikern über die Arbeit des Konvents zu sprechen. Einer der drei tschechischen Vertreter in diesem Konvent, der Senator und ehemalige Außenminister Josef Zieleniec, erklärte über dessen Arbeit:

"Der Konvent bereitet die Verfassung der Europäischen Union vor. Die Europäische Union wird die erste Verfassung in ihrer Geschichte haben, und damit auch geklärte Verhältnisse zwischen den einzelnen Institutionen."