Die Parlamentswahlen von 1935

r_2100x1400_radio_praha.png

Am 19. Mai 1935 fanden in der Tschechoslowakei die letzten freien, demokratischen Parlamentswahlen für eine lange Zeit statt. Diese Wahlen, die über das weitere Schicksal der Republik entscheiden sollten, sind Thema des heutigen Geschichtskapitels. Zu diesem begrüssen Sie Danillo Hoepfner und Katrin Bock.

Die vierten und letzten Parlamentswahlen in der Zwischenkriegsrepublik wurden mit Spannung erwartet, denn sie sollten nicht nur über die zukünftige Zusammensetzung des Prager Parlaments entscheiden, sondern auch über die Zukunft des Staates. Seit den letzten Wahlen von 1929 hatte sich die innen- und aussenpolitische Situation sehr verändert. Die Weltwirtschaftskrise wirkte sich auch auf die Tschechoslowakei aus. Hinzu kam der Machtantritt Hitlers in Deutschland, von dem die über 3 Millionen in der Tschechoslowakei lebenden Deutschen nicht unbeeinflusst blieben: Während in den deutschbesiedelten Gebieten der Tschechoslowakei die Arbeitslosenrate 1935 noch 20 Prozent betrug, schien Deutschland nach 1933 ein Paradies der Vollbeschäftigung und der "Kraft durch Freude"-Reisen zu sein.

Die Parlamentswahlen von 1935 sollten zeigen, ob sich die Deutschen 17 Jahre nach der Gründung der Tschechoslowakei an ihre Situation in diesem von ihnen zunächst abgelehnten Staat gewöhnt hatten. Dafür sprach die Beteiligung sogenannter aktivistischer Parteien an der Regierung seit 1926. Dagegen traten allerdings sogenannte negativistische Parteien auf, die eine Mitarbeit im tschechoslowakischen Staat strikt ablehnten und den Anschluss an das deutsche Reich forderten. Im Herbst 1933 waren zwei dieser Parteien verboten worden: die "Deutsche Nationalsozialistische Arbeiterpartei", kurz DNSAP und die "Deutsche Nationalpartei" DNP. Ihnen wurde direkte Zusammenarbeit mit der NSDAP und dem Dritten Reich vorgeworfen. Das Verbot der beiden nationalsozialistischen Parteien sollte ungeahnte Folgen haben. Denn als Ersatz für die beiden Parteien rief der aus dem westböhmischen As stammende Turnlehrer Konrad Henlein im Oktober 1933 die Sudetendeutsche Heimatfront ins Leben - eine Sammelbewegung für alle im Lande unzufriedenen Deutschen.

Und deren Zahl stieg stetig an, da die Weltwirtschaftskrise sich insbesondere auf die von Deutschen besiedelten Gebiete und ihre Konsumgüterindustrie auswirkte. In manchen, zum Grossteil von Deutschen bewohnten Bezirken, stieg die Arbeitslosenrate auf bis zu 40 Prozent. Schuld an der schlechten wirtschaftlichen Lage wurde nicht nur der Prager Regierung gegeben, sondern auch den deutschen aktivistischen Parteien, deren Politik der Verständigung mit den Tschechen von vielen unzufriedenen Deutschen als gescheitert erklärt wurde.

Zunächst wussten deutsche und tschechische Politiker nicht, wie sie auf das neue Phänomen der Sudetendeutschen Heimatfront reagieren sollten. Unklar war auch deren Einstellung zum tschechoslowakischen Staat. Da es sich im wahrsten Sinne des Wortes um eine Sammelbewegung handelte, waren in der Heimatfront loyale Anhänger der Tschechoslowakei ebenso anzutreffen wie extreme Nationalsozialisten. Lange diskutierten die Regierungsparteien in Prag über ein mögliches Verbot der Heimatfront. Das letzte Wort sprach schliesslich Präsident Tomas Masaryk. Er stimmte einer Beteiligung der sich im März in "Sudetendeutsche Partei" umbenannten Bewegung an den bevorstehenden Wahlen zu, da ein Verbot seinem Demokratieverständnis widersprochen hätten.

Einen schweren Standpunkt hatten die beiden deutschen Regierungsparteien, die Sozialdemokraten und der Bund der deutschen Landwirte beim einsetzenden Wahlkampf. Ihre Anhänger liefen zu Henlein über, da sie von Seiten der Prager Regierung keine Besserung ihrer Situation mehr erwarteten. Und in der Tat konnte der Regierung Versagen beim Lösen der wirtschaftlichen Probleme der deutschen Minderheit vorgeworfen werden. Die Lage in den zum Grossteil von Deutschen besiedelten Gebieten war Anfang der 30er Jahre erschreckend: bis zu rund 70 Prozent der Schulkinder waren unterernährt, bis zu 40 Prozent der Werktätigen arbeitslos - in den zumeist tschechischen Gebieten sank die Arbeitslosenzahl Mitte der 30er Jahre auf durchschnittlich 5 Prozent.

Die Sudetendeutsche Partei nutzte die Notlage vieler Deutscher in ihrem Wahlkampf aus. Da sie genügend Gelder aus dem Deutschen Reich und von der deutschen Wirtschaft in der Tschechoslowakei erhielt, hatte sie keine finanziellen Probleme und konnte mit grosszügiger Hilfe die verarmten Deutschen unterstützen: auf ihren Wahlveranstaltungen verschenkten sie Brot, Wurst und Geld, zudem organisierte die Partei die Sudetendeutsche Volkshilfe: ihre Mitglieder erhielten Kleidung, Heizmaterial und Lebensmittel umsonst. Gegen einen so geführten Wahlkampf hatten die Sozialdemokraten und der Bund der Landwirte keine Chance.

Am 19. Mai 1935 war es dann soweit: Deutsche, Tschechen, Slowaken, Polen, Ungarn und Ruthenen schritten zu den Wahlurnen. Der befürchtete Erdrutschsieg der Sudetendeutschen Partei trat ein: 1,2 Millionen Deutsche hatten für Henlein gestimmt, nur 600.000 für die beiden aktivistischen Parteien, rund 100.000 Deutsche für die internationale kommunistische Partei. D.h., 67 Prozent der Deutschen hatten der Sudetendeutschen Partei ihre Stimme gegeben, die Sozialdemokraten verloren über ein Drittel ihrer Wähler , der Bund der Landwirte musste ebenfalls hohe Stimmenverluste hinnehm und vertrat nun nur noch knapp 8 Prozent der deutschen Wähler. Mit 1,2 Millionen Stimmen war die Sudetendeutsche Partei stimmenstärkste Partei in der gesamten Tschechoslowakei. Dank des Mandatsvergabesystem erhielten die tschechischen Agrarier aber einen Sitz mehr im Parlament und wurden mit der Regierungsbildung beauftragt.

Die tschechischen Wähler hatten sich im Gegensatz zu den Deutschen nicht von den populären Parolen des Faschismus bzw. Nationalsozialismus beeinflussen lassen. Die Regierungsparteien konnten ihre Stimmenzahl halten oder verbessern, die tschechischen faschistischen und extrem nationalistischen Parteien hatten keine Chance.

Als die Sudetendeutsche Heimatfront im Oktober 1933 gegründet wurde, hatte sie knapp 10.000 Mitglieder, nach den Wahlen im Mai 1935 waren es bereits knapp 400.000. Seit Jahren stellen sich Historiker die Frage, warum die Sudetendeutsche Heimatfront bzw. die aus ihr hervorgegangene Sudetendeutsche Partei soviele in der Tschechoslowakei lebende Deutsche für sich gewinnen konnten. Die Parlamentswahlen von 1935 wurden früher - insbesondere von tschechoslowakischen Historikern - als faschistische Bekenntniswahl der Sudetendeutschen bezeichnet. Die heutige Forschung vertritt einen differenzierteren Standpunkt.

1935 war die Einstellung der Sudetendeutschen Partei zum tschechoslowakischen Staat unklar, da in ihr alle möglichen politischen Strömungen vertreten waren. Konrad Henlein selbst hat während des Wahlkampfes stets seine Loyalität zur Republik erklärt. Was ihm 1935 vorschwebte war die Autonomie der Sudetendeutschen innerhalb der Tschechoslowakei. Dies änderte sich allerdings 1937, als Henlein ein eindeutiges Bekenntnis zum Nationalsozialismus ablegte und den Anschluss an das Deutsche Reich zu seinem Ziel erklärte.

Laut Ansicht heutiger Historiker war für das Wahlverhalten der Sudetendeutschen vor allem ihre schlechte soziale und wirtschaftliche Lage verantwortlich. Die Leute stimmten für eine Partei, die ihrer Meinung nach, die Sudetendeutschen einigen und ihre Stellung innerhalb der Tschechoslowakei verbessern wollte - und dies auf einem scheinbar erfolgreicheren Weg als die deutschen Regierungsparteien. Die meisten Deutschen fühlten sich angesichts ihrer wirtschaftlichen Notlage sowohl sozial als auch national benachteiligt. Und die Prager Regierung schien nichts für die Verbesserung ihrer Situation zu tun - bei Arbeitsbeschaffungsmassnahmen und Staatsaufträgen wurden Tschechen bevorzugt.

Gewählt wurde die Sudetendeutsche Partei sowohl von verzweifelten Arbeitslosen als auch von fanatischen Anhängern der Nationalsozialisten. Die Partei war eine Sammelbewegung, in der scheinbar jeder etwas fand, das ihn ansprach. Man muss jedoch auch beachten, dass viele die Partei freiwillig wählten, andere aber auf Druck von Arbeitgebern, Nachbarn oder örtlichen Parteimitgliedern.

Auch die damalige Presse hat Gründe für das Wahlverhalten der meisten Sudetendeutschen gesucht. Die deutsch-bürgerliche Zeitung "Bohemia" kam zu folgendem Schluss:

"Die Massen, die hinter der Sudetendeutschen Partei stehen, haben nur ein Ziel: als gleichberechtigte Bürger in diesem Staate leben zu können. Sie haben es satt, sich fortgesetzt Tschechisierungsmassnahmen gefallen lassen zu müssen und sie wollen, dass alle von Prag aus unternommenen Versuche, nach dem deutschen Arbeitsplatz zu greifen, mit aller Energie zurückgewiesen werden sollen."

Das intelektuelle "Prager Tagblatt" sah noch andere Ursachen:

"Die Agitation von Henleins Anhängern wurde unterstützt durch die schwere wirtschaftliche Not des tschechoslowakischen Deutschtums, durch die zahlreichen Fehler und Unterlassungen der tschechischen Politik gegenüber den Sudetendeutschen, durch den inneren Prozess, der sich seit einigen Jahren im gesamten Deutschtum vollzieht"

Die tschechische sozialdemokratische Zeitung "Pravo Lidu" drückte ihre Enttäuschung über das Verhalten der deutschen Wähler aus:

"Auch wenn nicht alle Wähler Henleins auch Anhänger Henleins sind, auch wenn wir die Leute abziehen, die mit Henlein aus Furcht gingen und also die Wähler, die pro Hitler gestimmt sind, nicht mehr als die Hälfte unserer Deutschen sind, bleibt für uns trotzdem der Eindruck von Enttäuschung."

Das dem Aussenminister Edvard Benes nahestehende "Ceske slovo" komentierte das Ergebnis selbstkritisch:

"Es ist ein kläglicher Misserfolg unserer Minoritätenpolitik, die jeder Demagogie unterliegt. Wir haben mehr als 3 Millionen Deutsche im Staat, aber wir weichen diesem Problem mit einem unglaublichen Leichtsinn aus."

Die tschechische Agrarpartei wurde nach den Parlamentswahlen mit der Regierungsbildung beauftragt. In der neuen Regierung waren erneut zwei deutsche Parteien vertreten, die Sozialdemokraten und der Bund der Landwirte. Die neue Regierung hatte gegen den Druck von innen und aussen zu kämpfen - trotz Versuchen, die Lage der Deutschen zu verbessern, wuchs der Einfluss der Sudetendeutschen Partei. Drei Jahre nach den letzten Parlamentswahlen hatte Henlein auf ganzer Linie gesiegt: bis auf die Sozialdemokraten hatten sich die deutschen Parteien aufgelöst bzw. sich seiner Partei angeschlossen, die nun auch im Ausland als Sprachrohr aller Sudetendeutscher auftrat und im Herbst 1938 im Münchner Abkommen ihr Ziel erreichte.