Die tschechische Flugzeugindustrie in Problemen

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Herzlich willkommen bei einer weiteren Ausgabe unserer Magazinsendung mit Themen aus Wirtschaft und Wissenschaft, am Mikrofon begrüßen Sie Marcela Pozarek und Rudi Hermann. Als Flugzeughersteller ist die Tschechische Republik, anders als mit dem Autoproduzenten Skoda Mlada Boleslav, im Ausland nicht sonderlich bekannt. Das heisst allerdings nicht, dass das Land keine Flugzeugindustrie hätte. Bekanntestes Beispiel ist Aero Vodochody mit einem Produktionsprogramm von militärischen Unterschallkampfflugzeugen und einem ausländischen strategischen Investor von Weltgeltung - dem Flugzeuggiganten Boeing. In der zivilen Luftfahrt hat sich das mährische Unternehmen Let Kunovice mit kleinen Verkehrsflugzeugen, namentlich den Typen L 410 und L 610, einige Bekanntheit erworben. Zu den für inländische Massstäbe grösseren Produzenten gehört ferner Moravan Otrokovice mit Schul- und Sportflugzeugen sowie Flugzeugen für landwirtschaftliche Einsätze. Und darüber hinaus haben sich in letzter Zeit auch kleinere Unternehmen etabliert, die zum Teil recht erfolgreich das Feld der Ultraleichtflugzeuge bewirtschaften. Ein Blick auf die tschechische Flugzeugindustrie ist Gegenstand der heutigen Sendung. Wir wünschen guten Empfang.

Ins Gerede kam die tschechische Flugzeugindustrie Ende des letzten und Anfang dieses Monats, und zwar mit dem Unternehmen Let Kunovice. Mit 1400 Angestellten und einem Umsatz von 672 Millionen Kronen war Let Kunovice im Jahr 1998 der zweitgrösste Flugzeughersteller des Landes, hinter Aero Vodochody mit 2000 Angestellten und einem Umsatz von 5.3 Milliarden Kronen. Wie Aero Vodochody hat auch Let Kunovice einen amerikanischen Investor. Doch während es sich bei Aero um den weltbekannten Grossproduzenten Boeing handelt, ist der Let-Partner Ayres Corporation weder so berühmt noch so finanzkräftig. Dennoch schien es sich für das mährische Unternehmen um einen seriösen Partner zu handeln. Die neuen amerikanischen Mehrheitsaktionäre hätten das Unternehmen restrukturieren und neue Absatzkanäle erschliessen sollen. Die Verbindung mit Ayres hätte ferner die tschechische Ingenieurskunst mit der Fähigkeit der Amerikaner, Geldgeber zu finden, kombinieren sollen. Diese hätten dann die dringend nötigen Finanzen gebracht, damit Let Kunovice das als zukunftsträchtig eingestufte Projekt des Transportflugzeugs Loadmaster hätte zu Ende führen können. Doch die Maschinen des Typs Loadmaster stehen nach wie vor in den Hangars, obwohl sie eigentlich schon seit einem halben Jahr am Himmel zu sehen sein sollten. Und der Investor Ayres steht mittlerweile im Ruf, dem Unternehmen in Kunovice nicht nur nicht das Erwartete gebracht zu haben, sondern den tschechichischen Flugzeughersteller auch noch zum eigenen Vorteil aushöhlen zu wollen.

So kam es, dass Anfang September die tschechische staatliche Konsolidierungsbank, der bedeutendste Gläubiger von Let Kunovice, beim zuständigen Gericht in der mährischen Metropole Brno einen Konkursantrag einreichte. Damit reagierte sie auf die fehlende Bereitschaft von Ayres Corporation, Hand zu bieten für einen Rettungsplan für das Unternehmen. Dieser Plan hätte eine Zusammenarbeit mit dem multinationalen Konzern BAE Systems vorgesehen, um Let Kunovice aus den derzeitigen Schwierigkeiten zu führen. Nötig gewesen wären personelle Veränderungen in der Unternehmensführung und die Erschliessung neuer Finanzierungsquellen. Da diese Bedingungen nicht erfüllt worden seien, erachte die Konsolidierungsbank als einzigen gangbaren Weg ein Konkursantrag, liess ein Sprecher der Bank verlauten. Im Einklang mit den Gewerkschaften, die eine Aushöhlung des mährischen Traditionsunternehmens durch den amerikanischen Besitzer befürchteten, forderte die Konsolidierungsbank ferner die Entsendung eines vorläufigen Konkursverwalters, bis das Gericht über den Antrag entschieden habe. Damit, so der Sprecher der Konsolidierungsbank, wolle man verhindern, dass Aktiva auf ungesetzliche Weise auf andere Gesellschaften überführt würden. Beispielsweise habe die Konsolidierungsbank davon erfahren, dass der Generaldirektor von Let Kunovice beabsichtigt habe, den Flugplatz Kunovice, angeblich auf Antrag der Konsolidierungsbank, zu verkaufen. Ein solcher Antrag sei aber nie gestellt worden.

Unterstützt wurde der Konkursantrag der Konsolidierungsbank auch von mindestens 500 der 1400 Angestellten von Let Kunovice, und auch die Gewerkschaft stellte sich hinter den Schritt. Denn die Angestellten bezogen schon seit Wochen Zwangsurlaub, und das Unternehmen schuldete ihnen Teile des Lohns der letzten vier Monate. Eine Konkurserklärung verspricht den Angestellten nach dem neuen Konkursgesetz eine Linderung ihrer finanziellen Situation, schafft dafür ein Fragezeichen über der Zukunft des Unternehmens. Der Konzern BAE Systems, der nach wie vor Interesse an einer Zusammenarbeit mit Let Kunovice haben soll, erachtet einen möglichen Konkurs zwar als Komplikation, äusserte aber die Hoffnung, dass mittelfristig Arbeitsplätze und Produktion erhalten bleiben könnten.

Moravan Otrokovice als drittgrösstes tschechisches Aviatikunternehmen, das 1998 mit 650 Angestellten einen Umsatz von einer Milliarde Kronen - deutlich mehr als Let Kunovice - verzeichnete, durchlebte im vergangenen Jahr eine Krise. Wie das Wochenmagazin Tyden berichtete, lagen deren Ursachen in einem Streit zwischen dem Mehrheitsaktionär und dem grössten Gläubiger, der Investicni a postovni banka. Es ging um Unklarheiten bei einer Erhöhung des Aktienkapitals und dem Beizug eines weiteren Investors, auch dieser aus Amerika. Heute jedoch, so zitierte Tyden die Unternehmensführung, seien die Schwierigkeiten überwunden, die Auftragsbücher gefüllt und ein Gewinn am Horizont.

Während die eingeführten tschechischen Produzenten mit Problemen kämpfen, hat sich in deren Windschatten von der Öffentlichkeit fast unbemerkt ein neues Unternehmen an einen Sonnenplatz am Luftfahrthimmel hochgearbeitet: Evektor Aerotechnik. Die Ursprünge dieses Unternehnens reichen in die siebziger Jahre zurück, als sich Techniker von Let Kunovice zur Bildung einer Reparaturwerkstätte zusammenschlossen. In den 90er Jahren kam es dann zur Verbindung mit einem weiteren Ableger von Kunovice, der dynamischen Konstruktions- und Beratungsfirma Evektor, die sich im Besitz von nur drei Personen befand. Durch die Fusion entstand die Aktiengesellschaft Evektor-Aerotechnik. Diese profilierte sich zunächst im Bereich der Ultraleichtflugzeuge und hat darüber hinaus ein Leichtflugzeug in Arbeit, das nach Abschluss aller Zertifizierungsprozesse im Jahr 2002 an die Kunden gebracht werden soll. Mit einem neuen Mehrzweckflugzeug, das die Typenbezeichnung Wolfsberg Evektor Raven 257 trägt, will die Firma jetzt in ein Segment eindringen, wo bisher vor allem Let Kunovice zuhause war. Beim Wolfsberg Evektor Raven 257 handelt es sich um den allerjüngsten Spross der tschechischen Flugzeugproduktion, wurde das Fluggerät doch erst vor knapp zwei Monaten der Öffentlichkeit vorgestellt. Es wird mit dem Kaufpreis von rund einer Million Dollar deutlich teurer sein als alles, was die Gesellschaft bisher produziert hat, und die 150 Millionen Dollar Entwicklungskosten stellen für die Firma einen nicht geringen Erfolgszwang für die Zukunft dar. Der Marketingchef von Evektor-Aerotechnik, Jan Fridrich, erklärte denn auch gegenüber dem Nachrichtenmagazin Tyden, die Flugzeugindustrie bringe kaum schnelles Geld. Dies sei aber auch nicht das Ziel, sondern dieses bestehe darin, ein Erzeugnis der Spitzentechnologie zu entwickeln. Was jetzt nötig sei, sei die erfolgreiche Suche nach einem strategischen Partner, der sich finanziell an der Zertifizierung und der Vorbereitung der Serienproduktion beteilige.

Autoren: Rudi Hermann , Marcela Pozarek
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