Die tschechische Wirtschaft im globalen Umfeld - Prognosen für 2002

Von Rudolf Hermann.

Seit den Terroranschlägen auf die USA vom 11. September ist alles anders. Dieser Satz, inzwischen zur Binsenwahrheit geworden, hat seine Gültigkeit auch für die Wirtschaft. Zwar wurde über die US-Wirtschaft schon vor den Terroranschlägen spekuliert, dass sie in eine Stagnation oder gar Rezession schlittern könnte, doch inzwischen sind aus den Spekulationen ernsthafte Befürchtungen geworden. Auch in der Eurozone richtet man sich auf eine Konjunkturabkühlung ein. Was bedeutet dies für die offene, exportorientierte und damit den Einflüssen des weltwirtschaftlichen Klimas relativ stark ausgesetzte tschechische Wirtschaft? Vorerst wenig, ist man geneigt zu sagen, wenn man die jüngsten Entwicklungsprognosen des tschechischen Finanzministeriums ansieht. Von einer Abkühlung ist hier nicht die Rede, denn das Ministerium hat seine Prognose für das Wachstum des Brutto-Inlandprodukts im Jahr 2001 eben erst von ursprünglich 3.6 leicht auf 3.7% angehoben, und für nächstes Jahr soll es bei den schon früher veranschlagten 3.8% bleiben. Wichtigster Wachstumsmotor soll laut dem Finanzministerium die Fixkapitalbildung im Zusammenhang mit dem zu erwartenden Zufluss ausländischer Direktinvestitionen sein. Tatsächlich steht Tschechien mit dem geplanten Verkauf des staatlichen Mehrheitsanteils an der Telefongesellschaft Cesky Telecom und der Privatisierung der Energie-Infrastrukturunternehmen in den Bereichen Elektrizität und Erdgas ein großer Zufluss an ausländischem Kapital bevor. Die Erwartung dieser Geldströme ist nicht zuletzt auch der Grund für den relativ starken Kurs der Krone, der wiederum den Exporteuren Sorgenfalten auf die Stirn bringt.

Andrerseits wird im Finanzministerium nicht in Abrede gestellt, dass eine Wachstumsverlangsamung der Weltwirtschaft, vor allem, wenn auch die wichtigsten Handelspartner Tschechiens davon erfasst werden, sich negativ auf die Entwicklung in Tschechien auswirken könnte. Wie die Prognosen zeigen, herrscht gegenwärtig aber noch Zuversicht. Und das nicht nur bei der Regierung allein. Denn auch die tschechische Zentralbank sieht für 2001 und 2002 Wachstumszahlen in ähnlicher Höhe wie die Regierung, nämlich 3.6 respektive 3.9%. Etwas vorsichtiger ist der Internationale Währungsfonds IMF, der von 3.3 respektive 3.5% spricht.

Offen scheint noch, ob und wann die tschechische Zentralbank zu einer Senkung der Leitzinsen greifen könnte. Unter Analytikern werden hauptsächlich zwei Gründe genannt, die den Ausschlag für einen solchen Schritt geben könnten. Nach Befürchtungen in den Sommermonaten, die Inflationsentwicklung könnte einen gesunden Rahmen sprengen, hat sich an dieser Front inzwischen die Lage entspannt. Der Nationalbank-Vizegouverneur Oldrich Dedek meinte deshalb, die Entwicklung der Konsumentenpreise gebe keinen Anlass zu einer Verschärfung der Währungspolitik. Finanzminister Jiri Rusnok sprach gar davon, dass in solch einem Umfeld eine Zinssenkung möglich und seiner persönlichen Meinung nach auch angezeigt wäre, dass er aber einer autonomen Entscheidung der Nationalbank nicht vorgreifen wolle. Unabhängige Analytiker sehen als Grund für eine mögliche Zinssenkung indes weniger die Inflationsentwicklung als die Befürchtung, die weltweite Konjunkturabkühlung könnte auf die tschechische Wirtschaft doch größeren Einfluss haben, als man jetzt einzuräumen bereit sei. Der Chefökonom der HVB-Bank, Pavel Sobisek, fügte dem hinzu, dass für die Entscheidungen der Nationalbank auch die Entwicklung der öffentlichen Finanzen eine Rolle spielen werde. Denn dieser Bereich, so bleibt zu sagen, ist schon seit längerer Zeit als die Achillesferse der tschechischen Wirtschaft zu betrachten.

Autor: Rudi Hermann
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