"Flucht aufs Land" - Warum Tschechen gern von der Stadt ins Dorf umziehen

r_2100x1400_radio_praha.png

Die meisten Prager erholen sich am Wochenende auf dem Land von den Strapazen des Grosstadtlebens. Doch mittlerweile wollen viele auch dort bleiben, wo sich Hase und Igel "Gute Nacht" sagen - nicht nur ab und zu in der Chata oder Chalupa, sondern für immer. Katrin Schröder ging der Sache nach...

Bisher zog die Mehrheit vom Land in die Stadt, doch dieser Trend hat sich umgekehrt: In Dörfern mit einer Einwohnerzahl unter 500 ziehen zehn Prozent mehr Leute hinzu, als weggehen. Ortschaften mit bis zu 2000 Einwohnern sind eher noch beliebter. Aber was zieht die Tschechen wirklich aufs Land. Ist es die Romantik, die saubere Luft, die grünen Wiesen - oder sind es eher die hohen Preise in der Stadt, die viele heute nicht mehr bezahlen können?

Wegen der guten Luft, der Ruhe und dem gesünderen Leben zieht es vor allem Wohlhabende aus der Stadt hinaus. Sie leisten sich gern eine komfortable Villa im Grünen. Für weniger Begüterte ist die "Flucht aufs Land" aber oft auch ein Ausweg aus der Not. Für ein älteres Haus mit drei bis vier Zimmern auf dem Land bezahlt man weniger als für ein winzige Wohnung in der Stadt. Luxus bekommt man auf dem Land zwar auch nicht geboten, der Weg zur Arbeit verlängert sich unter Umständen, doch damit können sich die Leute arrangieren: "Sie kaufen ein günstiges Haus, verlegen Gasleitungen, erneuern den Putz, streichen es an und leben dort. Für eine halbe Million kriegen sie schon vernünftigen Komfort", meint Zdenek Svoboda von einer Maklerfirma in Uherske Hradiste. Die meisten suchten nach seinen Erfahrungen ein kleines Haus mit Garten, am besten freistehend und nicht mehr als zehn Kilometer von der Stadt entfernt, denn: Nicht alle wollen ihr Leben ändern und sich komplett aufs Landleben werfen, wie es z.B. Denisa Chvalova und ihr Freund Jiri Kalabis getan haben. Sie sind aus dem Zentrum des südmährischen Uherske Hradiste in das zwanzige Kilometer entfernte Dorf Osvetimany umgezogen und verdienen ihr Geld mit der Produktion handgemachter Keramik. Die Stadt vermissen sie nicht, im Gegenteil: sie schätzen den ruhigeren Lebensrhythmus und die Nähe zur Natur: Vor ihrer Haustür, nur dreissig Schritte vom Wald entfernt, sagen sich zwar tatsächlich nicht die Füchse, dafür aber die Wildschweine Gute Nacht. "Für die Kinder ist das ein Abenteuer", sagt Jiri Kalabis.

Den Alteingesessenen ist der Zustrom aus der Stadt im Prinzip willkommen - fürchteten sich doch viele vor einer Entvölkerung der Provinz. In einigen Gemeinden besteht nun eher das Problem, dass man der grossen Nachfrage nicht gerecht werden kann. Probleme tauchen etwa auf, wenn sich freie Grundstücke in Privatbesitz befinden und die Eigentümer nicht an Interessenten von ausserhalb verkaufen wollen. Den Bürgermeistern und den Komunalpolitikern sind dann die Hände gebunden, auch wenn sie sich einen Zuzug in ihre Gemeinde dringend wünschen. Selbst können die Gemeinden die freien Grundstücke auch nicht kaufen, weil sie dafür kein Geld in der Kasse haben - das müssen sie zuallererst in die Verbesserung der örtlichen Infrastruktur stecken. Auch der Zuschnitt der Grundstücke ist oft problematisch: Klein und schmal wie ein Schlauch, oft nicht mehr als sechs Meter breit. An die grosszügigeren Bedürfnisse der gehobenen Mittleschicht, die heute gern bauen will, haben die Planer seinerzeit nicht gedacht.

Autor: Katrin Schröder
abspielen