Forum Gesellschaft

r_2100x1400_radio_praha.png

Haben Sie früher davon geträumt, Arzt zu werden? Was auf Sie zukäme, würden Sie sich in Tschechien für diesen Beruf entscheiden, erfahren Sie in unserem ersten Beitrag. Unser zweites Thema beschäftigt sich mit der Sprache in Tschechien. Aber keine Angst: Wir werden Sie nicht mit Spitzfindigkeiten der tschechischen Sprache bekannt machen, sondern mit der Art, wie über Frauen in Tschechien öffentlich gesprochen wird. Damit seien Sie herzlich willkommen zum heutigen Themenkaleidoskop. Guten Empfang wünscht Ihnen Olaf Barth und Daniela Kralova.

Würden Sie heutzutage in Tschechien Schülerinnen und Schüler fragen, was sie eines Tages machen möchten, würden Sie mit Sicherheit folgende Antworten bekommen: Jurist, Manager in einer Firma, Computerexperte, Fernsehjournalist...Wahrscheinlich würden Sie aber nicht Viele finden, die den Arztberuf ausüben möchten. Diesen Fakt belegen auch die Statistiken ganz deutlich: Medizin ist eines der Universitätsfächer, für das sich in den letzten Jahren immer weniger junge Menschen bewerben. Diesen Trend präzisiert Eva Vladykova vom Tschechischen Bildungsinformationszentrum:

"Wir können sagen, dass das Interesse für ein Hochschulstudium an den medizinischen Fakultäten im Vergleich mit anderen Studienrichtungen leicht sinkt, insbesondere, was die Bewerberzahlen angeht. Diesen Trend können wir seit 1997 verfolgen, als sich insgesamt fast achttausend Menschen bewarben, während es dieses Jahr nur etwa 6700 waren."

Die Bewerberzahlen betreffend, bleibt die Medizin hinter einigen anderen Fächern deutlich zurück: Etwa doppelt so gefragt wie Medizin sind zum Beispiel Rechtswissenschaften, aber auch andere Studiengänge werden einem Medizinstudium vorgezogen: Wirtschaft selbstverständlich, aber auch Kunst, Geistes- und Gesellschaftswissenschaften oder Lehramtsstudiengänge.

Wieso sinkt das Interesse an Medizin immer mehr? Ist etwa die Studienlänge und dessen Schwierigkeitsgrad ein Grund? Wohl kaum: Überdurchschnittlich hohe Anforderungen waren schon immer ein Charaktermerkmal der ärztlichen Ausbildung. Der Grund liegt in der schlechten Arbeitsmarktsituation: Viele junge Ärzte suchen lange Zeit vergeblich einen Job, und wenn sie endlich einen gefunden haben, ist es mit der Misere immer noch nicht vorbei, denn nur ein minimales Anfangsgehalt erwartet die frisch Angestellten. Selbst nach jahrelanger Berufserfahrung verdienen viele Ärztinnen und Ärzte weniger als beispielsweise eine Sekretärin in einer ausländischen Firma. Das Anfangsgehalt eines Absolventen beträgt circa 7000 Kronen, das sind etwa vierhundert Mark. Und der landesweite Gehaltsdurchschnitt eines Arztes ist nur etwa dreimal höher.

Helena Filipova, eine sechsundzwanzigjährige Ärztin, schloss ihr Studium vor einem halben Jahr ab. Wie bereitete sie sich während des Studiums auf die Arbeitssituation vor?

"Noch bevor ich die Uni abgeschlossen habe, begann ich mich dafür zu interessieren, was ich hinterher machen würde. Natürlich wusste ich, dass es keine freien Stellen für Ärzte gibt, so dass ich nicht einmal richtig versuchte, etwas zu finden. Ich beschloss, mich für ein Zusatzstudium zu bewerben, weil es für mich verschiedene Vorteile bringt. Von meinem Stipendium kann ich zwar nicht leben, aber dafür werde ich die Möglichkeit bekommen, Auslandspraktika zu machen."

Helena scheint sich also nicht zu beklagen, obwohl sie sich für die nächsten drei Jahre mit einem Monatseinkommen in Höhe von fünftausend Kronen, das sind dreihundert Mark, zufrieden geben muss. Und eine Festanstellung nach dem Abschluss ihres Zusatzstudiums bleibt weiterhin ungewiss. Ob sie ihre Entscheidung, Ärztin zu werden, nie bereut hat?

"Doch, manchmal schon, aber nicht grundsätzlich. Obwohl ich es heute noch manchmal bereue, wenn ich mir bewusst werde, welche Bedingungen - Geld und so weiter - auf mich warten, aber grundsätzlich kann ich mir nicht vorstellen, etwas anderes zu machen."

Auf ihre finanzielle Misere weisen die tschechischen Ärztinnen und Ärzte bereits seit Jahren mit Protesten in Form von Streiks hin. Ihre Gehälter steigen dennoch nur sehr langsam an. Der Gesundheitsminister Bohumil Fiser versprach zwar kürzlich eine Gehaltserhöhung für alle angestellten Mediziner, er kann jedoch aus seinem Amt heraus dieses Versprechen nicht in die Tat umsetzen. Einige Krankenhausdirektoren verweigern sich dieser Forderung mit der Begründung, sie hätten für höhere Gehälter nicht genügend Mittel. Die Ärzte können sich deshalb in naher Zukunft eher auf weitere Streiks gefasst machen als auf einen besseren Kontostand.

Gleichberechtigung am Arbeitsmarkt und in der Familie, Sexismus im Alltag und in der Sprache, Gewalt im Haushalt... Wirft man einen Blick in die tschechischen Medien, kommt man leicht zum Schluss, dass sich über den sogenannten Frauenfragen kaum eine Frau und schon gar kein Mann den Kopf zerbricht. Den Begriff "sexual harrassment" beispielsweise halten viele Medienmacherinnen und -macher sogar für ein hysterisches Hirngespinst hässlicher amerikanischer Feministinnen, die nichts anderes wollen, als die männliche Weltpopulation auszurotten. Oder ein anderes Beispiel: Über Frauenbeteiligung in den Armeen der EU-Länder meinte kürzlich die große Tageszeitung "Lidove noviny", dies seien Amazonen, die mit einer Schusswaffe in der Hand kämpfen wollen.

Das Bild der Frauen in den Massenmedien bemängelt auch die Linguistin und Germanistin Jana Valdrova, akademische Mitarbeiterin der Universität in Budweis: Obwohl dieser Zustand wie ein Horrorszenario einer Gesellschaft klingt, in der Männer alles und Frauen nichts dürfen, trifft dies keineswegs zu. Der Mangel an Auseinandersetzung mit der tatsächlichen Situation der Frauen in Tschechien resultiert zweifellos aus ihrer relativ guten Stellung. Diese mussten sich die Tschechinnen dennoch im Gegensatz zu ihren westlichen Geschlechtsgenossinnen nicht selber erkämpfen, sondern sie bekamen eine gewisse Portion Emanzipation durch historische Begebenheiten sozusagen geschenkt. In den Prozess der sogenannten nationalen Widergeburt des neunzehnten Jahrhunderts mit eingeschlossen (weil das junge Volk eine "Verstärkung" brauchte), erhielten die tschechischen und damals auch noch die slowakischen Frauen mit der Entstehung der Tschechoslowakei im Jahre 1918 sozusagen als Dank auch ein allgemeines Wahlrecht, das zu dieser Zeit in Europa keineswegs selbstverständlich war. Zu den Zeiten des Kommunismus wurde ihnen dann eine Gleichberechtigung von oben angeordnet: Alle Frauen mussten zur Arbeit gehen.

Nach der Wende hätte sich dieser Stand nach der Meinung vieler Politiker ändern sollen. Die überwiegend männlichen Volksvertreter gratulierten den Frauen zu ihrer neuen Freiheit, nämlich der, zu Hause mit ihren Kindern bleiben zu dürfen. Davon machten aber nur die wenigsten Frauen Gebrauch; viel verlockender wurden die neuen Chancen zum beruflichen Aufstieg. Heutzutage sieht man in Tschechien viele Frauen, die erfolgreich ihre Karriere machen und nebenbei noch den Haushalt versorgen.

Worin Tschechien also dem Westen nachsteht, ist weniger die tatsächliche Benachteiligung, sondern vielmehr eine angemessene Reflexion der Situation der Frau in der tschechischen Gesellschaft. Während sich beispielsweise in Deutschland inzwischen sprachliche Formen, die die Frauen den Männer gleichstellen, inzwischen mehrheitlich durchsetzten, ist die Situation in Tschechien anders: Erst fünf Jahre jung sind überhaupt die ersten Arbeiten, die auf den Mangel des Gender-Diskurses hinweisen. Und hier könnten die Tschechinnen und Tschechen einiges aus Deutschland lernen, wie sich Jana Valdrova wünscht: An Vorschlägen zur Verbesserung der sprachlichen Situation mangelt es also nicht. Jetzt ist es notwendig, die akademische Debatte auf den Boden zu bringen und Frauen und Männer von ihrer Wichtigkeit zu überzeugen.

Autoren: Olaf Barth , Daniela Kralova
abspielen