Freiwaldauer Kreisarchiv sucht Hilfe bei Fotosammlung über Vertreibung

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Am 2. August 1945, also vor genau 55 Jahren, gaben die Siegermächte des Zweiten Weltkriegs in Potsdam das Abschlusskommunique ihrer Verhandlungen, das sogenannte Potsdamer Abkommen bekannt. Darin erkannten sie unter anderem auch die Notwendigkeit der Aussiedlung der Sudeten- und Karpatendeutschen aus der damaligen Tschechoslowakei an.

Am 2. August 1945, also vor genau 55 Jahren, gaben die Siegermächte des Zweiten Weltkriegs in Potsdam das Abschlusskommunique ihrer Verhandlungen, das sogenannte Potsdamer Abkommen bekannt. Darin erkannten sie unter anderem auch die Notwendigkeit der Aussiedlung der Sudeten- und Karpatendeutschen aus der damaligen Tschechoslowakei an. Die Anerkennung bedeutete jedoch - besonders von Seiten der USA und Großbritanniens - keine Unterstützung oder gar den Befehl zur Durchführung dieses Aktes, der zudem in einer ordentlichen und menschlichen Art und Weise über die Bühne gehen sollte. Wie Ex-US-Präsident Truman wenige Monate später verkündete, war man bei dieser Entscheidung in Potsdam jedoch vor vollendete Tatsachen gestellt worden, da die sogenannte "wilde Aussiedlung" in der Tschechoslowakei schon im Gange war. Vor dem Abschluss der Potsdamer Verhandlungen waren nämlich bereits rund 450.000 Deutsche aus der Tschechoslowakei vertrieben worden.

Über die genaue Anzahl der Sudeten- und Karpatendeutschen, die ihr Heimatland nach dem Zweiten Weltkrieg verlassen mussten, gibt es mehrere und oft widersprüchliche Angaben. Allgemein wird von einer Anzahl von rund drei Millionen Deutschen ausgegangen.

Zum Thema "Aussiedlungen aus dem tschechischen Grenzgebiet in den Jahren 1938 bis 1948" hat das Kreisarchiv im nordmährischen Jesenik/Freiwaldau (Jesenicky okresni archiv) vor kurzem eine höchst interessante Initiative gestartet. Da es als einer der Partner für das zu diesem Thema in der Vorbereitung befindliche Projekt derzeit auf Materialsuche ist, rief es Personen und Institutionen dazu auf, es bei der Sammlung von Fotomaterial und weiteren Dokumenten über die Aussiedlung der Tschechen und die Vertreibung der Deutschen aus dem Sudetenland zu unterstützen. Über die Hintergründe dieser Initiative informiert Sie Lothar Martin.

"Bei den Aussiedlungen war es streng verboten zu fotografieren, und so stehen uns nur ein paar Propagandafilme, die im Auftrag der Regierung entstanden, zur Disposition. Wir glauben allerdings, dass die Menschen auch damals sehr erfinderisch waren und trotz des Verbots fotografiert haben." Mit dieser Aussage gegenüber der Nachrichtenagentur CTK begründete die Direktorin des Freiwaldauer Kreisarchivs, Bohumila Tinzová, die Tatsache, dass man im Archiv zwar über jede Menge Schriftstücke und Verzeichnisse, andererseits aber nur über eine sehr geringe Anzahl von Fotografien und exemplarischen Gegenständen aus der Zeit der Aussiedlungen verfüge. Daher der Aufruf, sagte Bohumila Tinzová.

Mit der Idee, die bewegte Zeit vor und nach dem Zweiten Weltkrieg im Altvatergebirge und in den angrenzenden Regionen dokumentarisch festzuhalten, wartete vor einigen Monaten auch der Historiker und Schuldirektor von Mikulovice, Petr Procházka, auf. Einen wesentlichen Aspekt spielte hierbei das Schicksal seiner Vorfahren. "Ich will zurückkehren zu dem Geschichtsabschnitt, der bislang mit einer Reihe von Unklarheiten, Halbwahrheiten oder politisch manipulierten Lügen noch ziemlich verschleiert geblieben ist," entgegnete Procházka unlängst auf die Frage nach den Beweggründen für seinen Entschluss.

Petr Procházka hat dabei die Absicht, den düsteren Kapiteln der Aussiedlung im Altvatergebirge bis auf den Grund zu gehen. "Der unerfreuliche Zustand, in dem sich die Region jetzt befindet, ist zu einem Großteil auf die Aussiedlungen zurück zu führen," meint der Historiker. Seiner Ansicht nach sind danach Leute in das Grenzgebiet gekommen, die nichts hatten, auf einmal aber völlig umsonst einen Besitz vorfanden, zu dem sie bis heute noch keine enge Beziehung haben. Auch ein halbes Jahrhundert nach den dramatischen Ereignissen von damals - so Procházka - sind die Barrieren und Vorurteile unter den hiesigen Leuten noch nicht abgebaut.

Ein grundlegendes Bild über die Vor- und Nachkriegsereignisse erhielt Procházka aus Chroniken und Archiven, anhand derer er sich auf die Suche nach Zeitzeugen in Tschechien, der Slowakei und in Deutschland machte. Wenn Procházka genügend aussagekräftiges Material zusammen getragen hat, will er eines Tages eine Ausstellung in Mikulovice eröffnen, die sowohl der Aussiedlung der Tschechen im Jahr 1938 als auch der Vertreibung der Deutschen nach 1945 gewidmet ist. "Dieses Thema ist in der Region noch nicht umfassend behandelt und erarbeitet worden. Wenn die Ausstellung zusammen gestellt ist, dann könnte sie auch in andere Orte der Republik wandern," hat Procházka seine ehrgeizigen Pläne bereits ins Auge gefasst.