Herbst und Weihnachten: Mehr Leute als sonst leiden an Depressionen

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Der Winter ist eine Zeit, die vielen Menschen keinen Grund für allzu großen Optimismus liefert. Die Tage werden immer kürzer und grauer und auch der Vorweihnachtsstress bringt Vielen nicht nur die erhoffte Freude. Auch in Tschechien verfallen zu dieser Jahreszeit einige Menschen in Depressionen. Ein Bericht von Daniela Kralova.

Wenn man am morgen aufsteht, ist es dunkel. Wenn man am Abend von der Arbeit zurückgeht, ist es schon wieder dunkel. Für niemanden ist es angenehm, aber einige Menschen reagieren besonders empfindlich darauf. Für sie kann der herbstliche Lichtmangel zu einem ernsthaften Problem werden: Sie werden depressiv. Wie der Psychiater Jiri Rabal sagt, ist die depressive Störung eine Saisonkrankheit, die sich vor allem im Winter verschlechtert.

Nach Schätzung der Psychologen sind in Tschechien psychische Störungen nach der Wende um drei Hundert Prozent gestiegen. Zwei unterschiedliche soziale Gruppen sind besonders anfällig: Einerseits betrifft es Leute, die einem ständigen Stress ausgesetzt sind - Unternehmer, Lehrer, Ärzte oder Journalisten. Auf der anderen Seite befällt die andauernde "schlechte Laune" Menschen, deren Leben sehr stereotyp verläuft, zum Beispiel Fliessbandarbeiter oder Hausfrauen. Ein Mensch, der depressiv wird, sieht oft keinen Ausweg aus seiner Verzweiflung, die einzige Lösung scheint der Suizid zu sein. Die Tschechische Republik gehört im europäischen Vergleich zu einem der Länder, deren Selbstmordrate durchschnittlich ist. Sie beträgt etwa 2000 Fälle pro Jahr. Schlimmer dran ist neben Russland beispielsweise auch Schweden, weniger Selbstmörder zählt Spanien, Holland oder Italien.

Neben der immer höheren Anzahl der psychisch labilen Menschen brachte aber die samtene Revolution auch eine positive Veränderung: nämlich eine Enttabuisierung von Psychologie und Psychiatrie. Während bis vor zehn Jahren kaum einer, der nicht an einer schwerwiegenden psychischen Störung litt, einen Therapeuten aufsuchte, ist es heutzutage geläufig, dass auch erfolgreiche und scheinbar gesunde Menschen ihren Psychoanalytiker haben.

Neben dem winterlichen Lichtmangel kommt noch ein weiterer Faktor hinzu, der unsere Stimmung trüben kann. Die vorweihnachtliche Zeit sollte zwar eher Ruhe und Freude bringen, für viele Menschen bedeutet sie aber nur Stress und Traurigkeit. Wie der Psychiater Jiri Raboch sagt, lassen sich viele Leute - anstatt die Weihnachtsruhe zu genießen - stressen, und sie erleiden dann auch psychische Zusammenbrüche. Die Telefone der Seelsorgedienste klingen vor Weihnachten um etwa ein Fünftel häufiger als zu anderen Jahreszeiten. Am traurigsten sind wohl Leute, die die Feiertage alleine verbringen müssen, aber auch der Einkaufsstress bereitet Einigen nicht nur angenehme Momente.

Deshalb erklärten die tschechischen Psychologen und Psychiater den Mittwoch dieser Woche zum Tag des Kampfes gegen die Depression. An diesem Tag beginnen fünf neue telefonische OK-Lines zu funktionieren, an die sich Kinder und Erwachsene in schwieriger psychischer Lage wenden können. Dieses Krisentelefon ist bis zum zweiten Januar nächsten Jahres in Betrieb.

Autor: Daniela Kralova
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