Herzog Wenzel - der letzte Prager Schlaraffe

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Und nun zur Kultur: Es geht um Schlaraffen. Diese sind humorvolle Wesen, haben phantasievolle Namen und sind organisiert in der "Schlaraffia". Dieser Bund ist mittlerweile 141 Jahre alt und hat 14.000 Mitglieder auf allen Kontinenten der Welt. In Prag wurde die "Schlaraffia" gegründet. Doch nach jahrzehntelangem Verbot unter den Nazis und den Kommunisten ist sie ausgerechnet in ihrer Gründerstadt kaum noch vertreten. Jürgen Webermann hat den letzten Schlaraffen Prags besucht:

Stolz kramt Jaroslav Charvat in seinen Unterlagen. Alte Abzeichen sind dort zu finden, seine karnevalistisch anmutende Kappe, sein Schlaraffenpass, der mit der Eule drauf, und vieles mehr. Zahllose Schlaraffen haben ihn besucht und sich in seinem Schlaraffen-Buch verewigt. Sie hatten einen guten Grund: Denn Charvat ist der letzte Schlaraffe aus dem Allmutter-Reych Praga, dort, wo die Schlaraffia im Jahre 1859 gegründet wurde. Dieser Verein von Schöngeistern verehrt auf den Sippungen, so heißen die regelmäßigen Treffen, noch immer Prag als das geistiges Zentrum. Gesprochen wird dann auf deutsch, der Sprache Schlaraffia-Begründers - ein Prager Theaterbesitzer namens Tomme. Kein Wunder, dass Prag in der Symbolik eine große Rolle spielt:

Im Laufe der Jahrzehnte wuchs die Organisation, und auch nach dem zeitweiligen Verbot unter den Nazis - es waren zu viele Juden unter den Schlaraffen - gesellten sich weltweit immer mehr "Reyche", so heißen die lokalen Gruppen, dazu. In der damaligen Tschechoslowakei war die Schlaraffia jedoch als deutsche Organisation verpönt, so dass Charvat erst nach dem Umsturz schlaraffische Aktivitäten entwickeln konnte. Durch Zufall war er während eines Besuches bei deutschen Freunden in ein Gespräch über Schlaraffia verwickelt worden, und dann ging alles schnell:

Rasch trat er ein in die Schlaraffia, wurde erst Knappe, dann Ritter, und ist nun Herzog, ein Ehrentitel. Charvat selbst forschte zusätzlich in Prag nach den Anfängen des Welt-Bundes Schlaraffia. Allerdings stieß er nur auf wenig Dokumente, denn unter den Kommunisten wurde die Schlaraffia totgeschwiegen. Dabei waren so bekannte Namen wie der Komponist Antonin Dvorak unter den Mitgliedern, zahlreiche honorige Tschechen. Nun ist es nur noch Herzog Wenzel der Dritte, der die Farben des Allmutterreyches Prag hochhält. Doch keine Angst: Schon in den Satzungen steht, dass Prag auf ewige Zeiten das schlaraffische Zentrum bleiben soll.

Autor: Jürgen Webermann
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