Im Briefkasten: Hörer erinnern sich an 90 Jahre Radio Prag International

Was wäre der Auslandssender des Tschechischen Rundfunks ohne Sie – unsere treuen Hörerinnen und Hörer, Leserinnen und Leser?

Unsere Hörerpostsendung läuft exakt am 90. Geburtstag von Radio Prag International. Trotz aller Feierlichkeiten darf aber eine liebe Tradition natürlich nicht fehlen: Auch an diesem Tag haben wir eine Quizfrage für Sie vorbereitet:

Über welche Radiostation können Hörer in Nordamerika die Sendungen von Radio Prag International in englischer und spanischer Sprache auf der Frequenz 9955 kHz empfangen?

Schicken Sie uns Ihre Antwort an: [email protected].

Im August wollten wir von Ihnen wissen, welcher Politiker das Gesicht des Prager Frühlings war – also der berühmten Reformbewegung in der Tschechoslowakei der 1960er Jahre. Die richtige Antwort lautet: Alexandr Dubček. Übrigens: Dieser Name wird in unserer heutigen Sendung noch einmal eine Rolle spielen. Doch dazu später mehr! Jetzt geht erst einmal ein herzlicher Glückwunsch raus an Holger Grebe – Sie haben einen Sachpreis von Radio Prag International gewonnen!


Auch die Zuschriften der heutigen Sendung stehen ganz im Zeichen unseres 90. Geburtstags. Unter dem Motto „Sie haben das Wort“ haben wir Sie um Ihre Gedanken gebeten. Und diesmal haben sich auch viele Hörerinnen und Hörer zu Wort gemeldet, die uns sonst nicht regelmäßig schreiben. Daher freuen wir uns heute auf eine bunte Vielfalt an Beiträgen, und zwar von ganz neuen Namen.

Albert Jörger aus der Schweiz hört seit etwa zwei Jahren wieder regelmäßig unsere fremdsprachigen Programme auf Deutsch, Französisch, Englisch und Spanisch. Der Historiker und Kunsthistoriker schreibt, er freue sich sehr über die Nachrichten (aktuelle und historische) aus dem von ihm hochgeschätzten Alten Böhmen, das heute Tschechien heiße. Und anlässlich des 90-jährigen Jubiläums blickt er zurück:

„Als Student, geboren 1947 und aufgewachsen am Zürichsee, hörte ich etwa seit 1964 auf meinem eigenen Transistorradio in meinem Studentenzimmer verschiedene ausländische Radiosender – und eben auch Radio Prag, vermutlich wegen der modernen Musik (Schlager, Dixieland etc.). Eine Plage waren die Störsender, mit denen der ‚Ostblock‘ die westlichen Sender mit knarrendem Rauschen zu übertönen suchte.“

Im Herbst 1966 ging Albert Jörger an die Universität von Fribourg und nahm sein Transistorradio mit.

Illustrationsfoto: Donna Rodgers,  Pixabay,  CC0

„Und da habe ich die Erinnerung, dass das Programm von Radio Prag im Laufe von 1967 und 1968 auffällig modern, aufgeklärt, lockerer und westlich orientiert erschien – eben ganz im Sinne des ‚Prager Frühlings‘. Damals gab es Sendungen, die über die engen traditionellen Verbindungen zwischen dem alten Königreich Böhmen (der böhmische König war ja einer der Kurfürsten) und dem Heiligen Römischen Reich seit dem Mittelalter berichteten. Eine große Figur war natürlich Kaiser Karl IV., der Prag zu einer europäischen Metropole machte. Die Universität Fribourg war natürlich auch mit dem ‚Prager Frühling‘ verbunden, und nach dessen Niederschlagung im August 1968 hatten wir dort zahlreiche tschechische Studenten als Flüchtlinge. Diese brachten viel neuen Wind, Farbe und Bereicherung in das bis dahin gewohnte Studentenleben.“

Erinnerungen an den Prager Frühling

An das geschichtsträchtige Jahr 1968 erinnert sich auch Thomas Lösche aus Magdeburg. Die deutschsprachigen Auslandssender waren ihm zufolge damals eine lebenswichtige Informationsquelle im sogenannten „Tal der Ahnungslosen“. So nannte man in der DDR das obere Elbtal, in dem keine Westsender empfangen werden konnten. Und Thomas war damals auch oft in der Böhmischen Schweiz zum Wandern unterwegs:

Foto: Radio Prague International

„Ich habe 1968, im Alter von 15 Jahren, begonnen, Radio Prag zu hören. Damals war die Berichterstattung plötzlich ganz anders: offener, mit weniger Stereotypen und politisch sehr spannend. Bei unseren Wanderungen konnte ich immer ganz gut mitreden, wenn es möglich war, auf Deutsch mit Tschechen zu reden. Plötzlich konnten viele Deutsch, die Menschen tauten förmlich auf, und das Grau verschwand – genau, es war der Prager Frühling! Auch im Sender. Wie oft habe ich die Namen Dubček, Svoboda, Černík, Smrkovský und so weiter gehört und selbst ausgesprochen.“

Am 21. August 1968 erlebte Herr Löschner die Niederschlagung des Prager Frühlings während eines Familienurlaubs im erzgebirgischen Johanngeorgenstadt. Direkt am dortigen Grenzübergang zur Tschechoslowakei spitzte sich die Lage zu. Am dortigen Schlagbaum, so seine Schilderung, war ein Protestplakat mit der Aufschrift „Okkupanten hinaus – das ist unsere Sache!“ angebracht, das viele neugierige DDR-Bürger anlockte. Als plötzlich Schüsse fielen, sei Panik ausgebrochen. Soldaten der Nationalen Volksarmee stürmten auf die Grenze zu, was bei den Zivilisten Angst vor einem Angriff auslöste. Das Ziel der Soldaten sei jedoch rein ideologischer Natur gewesen: Sie hatten lediglich den Befehl, das Protestplakat zu entfernen und zu vernichten. Das sei es dann gewesen, schließt Herr Löschner. Danach habe er keine Lust mehr gehabt, Radio Prag zu hören:

„Es wurde uns zugemutet zu glauben, dass man die Sowjetunion als ‚Bruderhilfe‘ herbeigerufen hatte, und es gab wieder nur die sozialistischen Floskeln. Ich habe echt gelitten. Ich war so stolz gewesen auf die mutigen Tschechen und ihren passiven Widerstand… Wir haben gefeiert, als wir im Herbst 1989 Alexandr Dubček in Prag auf einem Balkon sahen und er zum Volk sprach. Es war wie eine Auferstehung.“

Später nach der Wende fiel ihm ein, den Newsletter von Radio Prag zu abonnieren und tat dies dann auch.

Vom Unbekannten zum Lebensprojekt

Für den Österreicher Peter Böhm war das Nachbarland Tschechien in seiner Jugend eine völlig unbekannte Welt. Heute lernt er die Sprache, pflegt Universitätskontakte und nutzt täglich Radio Prag International.

„Seit vielen Jahren nun bin ich praktisch täglich auf Radio Prag International unterwegs. Die Vielfalt und Qualität Ihrer Beiträge ist für mich perfekt, um kontinuierlich und rasch einen Überblick über die aktuellen Vorgänge in ihrem Land zu bekommen, sei es kulturell, geschichtlich oder gesellschaftspolitisch.“

Foto: Khalil Baalbaki,  Tschechischer Rundfunk

Und warum das alles? Peter Böhm fasst es zusammen:

„Ich bin in Heidenreichstein in Niederösterreich aufgewachsen, also nahe der Grenze, in einer Zeit, in der das Land hinter dem Eisernen Vorhang für uns zwangsläufig eine völlige Unbekannte war. Ein Teil meiner Vorfahren stammt aus dem heutigen Südböhmen. Beruflich habe ich seit vielen Jahren regelmäßig Kontakte zur Südböhmischen Universität in Budweis und Vodňany, was ich außerordentlich schätze. Daher lerne ich gemeinsam mit meiner Frau seit vielen Jahren Tschechisch – zumindest versuchen wir es. Es ist ein lebenslanges Projekt, das aber auch Spaß macht und aus unserer Sicht zu einer besseren Verständigung zwischen den Ländern beiträgt. Wir sind gerne und oft auch in unserer Freizeit in Tschechien unterwegs, schätzen die schönen Orte, Landschaften, ganz einfach Land und Leute.“

Abschließend verbindet Herr Böhm seine Glückwünsche zum Jubiläum mit der ausdrücklichen Unterstützung für den weiteren Fortbestand von Radio Prag International. Für diesen Zuspruch bedanken wir uns herzlich.

Erster Kuss und ein Gedicht

Die Beziehung von Joachim Rammler aus Leipzig zu Tschechien begann mit einem ganz besonderen Moment…

„Meinen ersten Kuss tauschte ich mit einem Mädchen aus Böhmen aus – unvergessen! Meine Eltern hatten Freunde in Litvínov und Most. Deshalb war ich als Jugendlicher viel in der ehemaligen ČSSR. Mich interessiert seitdem das Land sehr, und ich nehme gerne die Informationen aus Tschechien zur Kenntnis. Seitdem der Tschechische Rundfunk per App zu hören ist und die Internetseite von RPI auf Deutsch zur Verfügung steht, nutze ich das Angebot regelmäßig.“

Am Vorabend des Geburtstags schickte Stephan Lipsius aus Kassel eine Zuschrift nach Prag:

„Zum morgigen 90-jährigen Jubiläum von Radio Prag International sende ich allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der deutschsprachigen Redaktion von Radio Prag International die herzlichsten Grüße und Glückwünsche. Ihren Sender hörte ich – noch als Schüler – zum ersten Mal im Jahr 1982 und zwar, nachdem ich in einer Bahnhofsbuchhandlung zufällig auf die Zeitschrift ‚weltweit hören‘ gestoßen war, dadurch auf den Rundfunkfernempfang auf Kurzwelle aufmerksam wurde und diesen fortan für mich zum Hobby machte.“

Die deutsche Redaktion von Radio Prague International | Foto: Barbora Němcová,  Radio Prague International

Mit der damaligen deutschsprachigen Redaktion von Radio Prag in der ČSSR habe sich fortan ein recht reger Briefkontakt entwickelt, und 1985 besuchte Herr Lipsius die Tschechoslowakei und auch die Redaktion:

„Eine Besichtigung des Sendegebäudes in der Vinohradská 12 war leider nicht möglich. Vielmehr wurde ich am Eingang von zwei Mitarbeiterinnen der deutschsprachigen Redaktion (aus der damaligen DDR) in Empfang genommen (bzw. ‚abgefangen‘), die sich dann bei einem Kaffee mit mir als Westtourist sehr nett unterhielten. Auch heute verfolge ich noch Ihre deutschsprachigen Sendungen und besuche regelmäßig Ihre Website, die ich sehr schätze. Für Ihre weitere redaktionelle Tätigkeit wünsche ich Ihnen allen viel Erfolg und alles erdenklich Gute.“

Vielen herzlichen Dank, Herr Lipsius. Und vielen herzlichen Dank auch an Martina Pohl für ihren Glückwunsch. Zu diesem feierlichen Anlass wollen wir heute mit einem Gedicht schließen, das unsere treue Hörerin aus Überlingen für uns verfasst hat:

90 Jahre und kein bisschen leise,

immer auf Sendung vieles schon erlebt,

ein Programm von ganz besonderer Weise,

das auch in Zukunft hoffentlich besteht.

Und das war’s von uns am 31. August 2026, dem 90. Geburtstag von Radio Prag International. Wir danken Ihnen allen, liebe Hörerinnen und Hörer, ganz herzlich für alle Glückwünsche, persönliche Geschichten und Erinnerungen! Bleiben Sie uns bitte weiter treu.

Hören Sie uns, lesen Sie uns und schreiben Sie uns an: Radio Prag International, Vinohradská 12, 120 99 Prag 2, Tschechische Republik. Oder per E-Mail an: [email protected].

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