Jaroslav Drobny

r_2100x1400_radio_praha.png

Ahoi und herzlich willkommen zum Sportreport von Radio Prag. Am Mikrofon begrüßt Sie Lothar Martin.

Unsere letzte Sportsendung am 14. September stand noch ganz unter der Schockeinwirkung der tragischen Ereignisse, die sich drei Tage zuvor in den USA abgespielt haben. Ganz am Ende mussten wir zudem noch eine weitere traurige Nachricht verkünden, ohne näher auf sie einzugehen. Es war die Nachricht vom Ableben des ehemaligen tschechoslowakischen Tennis- und Eishockeyspielers Jaroslav Drobný, der zu seinen Glanzzeiten - Ende der 40er bis Mitte der 50er Jahre - sowohl Eishockeyweltmeister wurde als auch drei Grand-Slam-Turniere im Herreneinzel gewann. Daher wollen wir unsere heutige Sendung ganz speziell diesem außergewöhnlichen Sportsmann der Nachkriegszeit widmen. Und über Drobný gibt es einiges zu berichten.

Jaroslav Drobný starb nach langer schwerer Krankheit am 13. September in London im Alter von 79 Jahren. Mit ihm hat der tschechische Sport eine seiner bedeutendsten Persönlichkeiten verloren, auch wenn man hinzufügen muss, dass Drobný mehr als die Hälfte seines Lebens in Großbritannien verbrachte. Sechs Jahre besaß Drobný zudem einen ägyptischen Pass. Es waren jene sechs Jahre, in denen er auf dem Tenniscourt seine größten Erfolge feierte - den Wimbledonsieg 1954, den zweimaligen Sieg bei den French Open (1951-52) sowie die Finalteilnahme bei den Australien Open 1950.

Warum er zu dieser Zeit bereits für Ägypten und schon nicht mehr für die Tschechoslowakei spielte, dazu sagte Drobný in einem Gespräch für den Tschechischen Rundfunk vor genau zehn Jahren in London:

"Nach einem bestimmten Zeitraum nach dem Krieg begann sich bei uns in der Tschechoslowakei die Politik auch in den Sport, also auch ins Tennis einzumischen. So begannen einige Funktionäre, mir vorzuschreiben, dass ich mit nur einem Schläger zu spielen habe, wie andere meiner Mitspieler auch. Es kamen einfach Leute, die keine Ahnung vom Sport hatten. Wir, also meine Sportfreunde und ich, konnten uns daher ausmalen, dass wir große Schwierigkeiten haben werden uns sportlich zu verbessern, wenn wir nur noch gegeneinander und nicht mehr gegen die ausländische Konkurrenz spielten sollten. Und der politische Druck auf uns wurde jeden Tag stärker. Weil ich aber als Tennisspieler den Traum hatte, einmal Wimbledon zu gewinnen - so wie jeder gute Tennisspieler der Welt - wurde mir schnell klar, dass dies niemals der Fall sein wird, wenn ich immer nur zu Hause bleiben muss, um zu trainieren. Damit konnte ich mich nicht verbessern, so wie vielleicht mein Freund Emil Zátopek, der als Armeeoffizier jeden Morgen nach Tábor lief für einen Kaffee und wieder zurück. Er rannte gegen sich selbst und gegen die Zeit, wir Tennisspieler aber, wir brauchten die internationale Gegnerschaft, um zu wissen, wo wir stehen. Schauen Sie: ich habe zu Hause zehnmal hintereinander die tschechoslowakische Meisterschaft gewonnen, aber nicht deswegen, weil ich so gut war, sondern weil die Kontrahenten um einiges schwächer waren. Ich konnte daheim jederzeit jeden besiegen, aber als ich dann erstmals international spielte, habe ich sofort gemerkt, dass ich doch nicht so gut bin, wie ich es von meinem Talent her vielleicht sein könnte. Da wusste ich, ich muss gegen ausländische Gegner spielen, um voran zu kommen. Aber um an internationalen Turnieren teilnehmen zu können, brauchten wir damals eine Ausreisegenehmigung, die uns vom Innenministerium erteilt werden musste. Und da machte uns ein gewisser Herr Bros immer wieder Schwierigkeiten. Oft erhielten wir diese Genehmigung nicht oder erst so spät, als das jeweilige Turnier bereits in vollem Gange war. Mir wurde klar, dass etwas geschehen musste."

Das Schlüsselerlebnis für Jaroslav Drobný kam schon bald. Er hat es wie folgt geschildert:

"Nun, eines Tages fuhren wir zu einem Turnier nach Gstaad, und da ist alles kulminiert. Ich hätte in der 3. Runde der offenen Schweizer Meisterschaft gegen den Spanier Pedro Masip antreten müssen, doch auf einmal kamen zwei Herren aus Bern, der eine hieß Zelenka und der andere war ein gewisser Herr Nemec. Sie offerierten, dass sie den Auftrag hätten, mich nach Hause zu bringen, da ich aus politischen Gründen nicht gegen Deutsche oder Spanier spielen dürfe. Ich habe Herrn Zelenka versucht, höflich zu erklären, dass ich nicht so mitten im Turnier einfach aufhören könne, zumal ich ein anerkannter Spieler war, den die Organisatoren nicht umsonst eingeladen hätten. Doch Zelenka wurde etwas aggressiv, man begann meinen Koffer mit den Tennisutensilien zu packen, und wer weiß, wie alles ausgegangen wäre, hätten nicht Leute aus dem Umfeld unsere Auseinandersetzung in der Umkleidekabine mitverfolgt. So aber wurde die Schweizer Polizei gerufen und beide Herren mussten unverrichteter Dinge mit dem Zug nach Hause fahren."

Jaroslav Drobný aber blieb und ließ seine Karriere fortan in noch hellerem Licht erstrahlen. Höhepunkt war fraglos sein Wimbledonsieg 1954, den nach ihm mit Jan Kodes (1973) nur noch ein einziger Tscheche erzielte. Für all unsere Zuhörer, die auch ein wenig der tschechischen oder englischen Sprache mächtig sind, nun ein paar kurze Reminiszenzen aus der Glanzzeit des Tennisspielers Jaroslav Drobný:

Nicht nur die britischen Reporter waren hingerissen von den gefürchteten Service- und Volleyschlägen des Linkshänders. Eine Britin wurde auch seine Frau - die ehemalige Tennisspielerin Rita Anderson. Gemeinsam erzogen sie ihre Tochter Helena. 1960 beendete Drobný seine aktive Karriere und trainierte danach die Tennisteams von Südafrika, Italien und Schweden. 1983 wurde er in die Ruhmeshalle des Tennissports aufgenommen. Dabei wird häufig vergessen, dass Drobný auch ein ausgezeichneter Eishockeycrack war, was durch den Gewinn des WM-Titels 1947 mit der Tschechoslowakei belegt wird. Und der Kufensport war ihm sogar noch mehr ans Herz gewachsen, wie er verriet:

"Das Eishockey war stets meine erste Liebe. Persönlich denke ich sogar, dass ich ein besserer Eishockey- als Tennisspieler war. Warum hatte es mir das Eishockey so angetan? Nun, nicht deswegen, weil ich meiner Meinung nach ein guter und auch talentierter Spieler war. Es war vielmehr damals so: im Sommer spielte man Tennis und im Winter Eishockey. Heute werden beide Sportarten ganzjährig betrieben. Aber ich erinnere mich: als ich so 15, 16 Jahre alt war, wurde ich von einem Schlittschuh am Auge getroffen und habe beinahe das Augenlicht verloren. Seit dieser Zeit trug ich eine Brille, denn Kontaktlinsen und dergleichen gab es seinerzeit noch nicht. Und wenn wir dann spielten bei fahlem Licht, denn ordentliches Flutlicht gab es ja auch noch nicht, dann haben die Leute immer gestaunt und geraunt: ´Mensch, was ist der Drobný nur gut, wie er mit der Scheibe umgeht.´ Der ganze ´Witz´ bestand aber nur darin, dass ich ohne Brille nicht unterscheiden konnte, ob vor und neben mir nun gegnerische oder eigene Spieler postiert sind, und da habe ich viel allein versucht und die Scheibe kaum abgegeben. Im Eishockey war ich einer der Besten, nicht mehr und nicht weniger. Durch das Tennis aber bin ich berühmt geworden. Als ich 1946 den Weltranglistenersten besiegte, kannte mich die ganze Welt. Alle schrieben über mich, aus mir wurde ein ganz anderer gemacht, als ich vorher war. Es ist halt etwas besonderes, wenn man Wimbledon gewinnt oder wie Emil Zátopek mehrfacher Olympiasieger wird. Das hat mich denn auch stolz gemacht und geprägt."

Jaroslav Drobný wurde am 12. Oktober 1921 in Prag geboren. Am kommenden Freitag wäre er also 80 Jahre alt geworden. Doch auch wenn er dieses Lebensjubiläum nicht mehr begehen kann, der Sportwelt wird er stets in guter Erinnerung bleiben.