Lidice

Vor genau 58 Jahren, am 10. Juni 1942, hörte die böhmisch e Gemeinde Lidice zu existieren auf. Im heutigen und näch sten Kapitel aus der tschechischen Geschichte wollen wir an diese Tragödie und Reaktionen auf diese erinnern. Eine n ungestörten Empfang wünscht Ihnen dabei Katrin Bock.

Lidice war ein kleines Dorf zwischen Prag und Kladno, das erstmals zu Beginn des 14. Jahrhunderts in einer Chronik erwähnt wurde. 1942 hatte es knapp 500 Einwohnern. Die meisten von ihnen arbeiteten in den nahen Bergwerken oder der Stahlfabrik in Kladno. So gut wie jede Familie betrieb nebenbei eine Landwirtschaft. Bis Mitte des letzten Jahrhunderts war Lidice, wie die anderen Dörfer in seiner Umgebung, ein reines Bauerndorf, dann kam die Industrialisierung und mit ihr auch neue Bewohner ins Dorf, das sich durch nichts von anderen Dörfern unterschied. An das Leben im Dorf vor jenem schicksalhaften Tag im Juni 1942 erinnert sich Anna Nesporova:

"In Lidice war eine katholische Kirche, die St. Martins-Kirche. Im Herbst, an St. Martin, war immer Kirchweihfest. Wenn alles geerntet und unter dem Dach war, dann wurde immer ein bisschen gefeiert, wir haben speziellen Kuchen gebacken und das machen wir heute im neuen Lidice immer noch. Im alten Lidice hat man sich bei den Silhans getroffen, die hatten ein Gasthaus mit einem grossen Saal. Vor dem Krieg gab es hier auch eine Grundschule, über deren Tür stand "Die Schule, mein Glück". Die Männer arbeiteten zumeist in den Bergwerken oder in der Poldi-Fabrik, wir Frauen auf dem Feld oder mit den Tieren. Die Leute aus Lidice waren arbeitsam, alle haben wir uns gegenseitig gekannt, wir haben einander geholfen, bei der Ernte und wo es nötig war"

Diese Dorfidylle fand am 10. Juni 1942 ein abruptes Ende. Nach dem erfolgreichen Attentat auf den Reichsprotektor Reinhard Heydrich Ende Mai hatte die Naziführung Vergeltungsaktionen gefordert. In einer ersten Terrorwelle, unmittelbar nach dem Attentat wurden 250 Tschechen und Tschechinnen hingerichtet. Verdächtigt wurde im Grunde genommen jeder Bewohner des Protektorats. Ein Brief erweckte die Aufmerksamkeit der Gestapo und führte sie in das Dorf Lidice. Zwei Söhne des Dorfes, Josef Horak und Josef Stribrny, hatten 1939 das Protektorat verlassen und dienten nun in den tschechoslowakischen Einheiten in Grossbritannien. Sofort wurde ein Zusammenhang mit dem Attentat auf den Reichsprotektor gesehen. Ein Beweis wurde allerdings nie gefunden. Anfang Juni wurden 15 Verwandte der beiden verhaftet, darunter so gut wie alle Familienangehörige von Frau Nesporova, denn Josef Horak war ihr Bruder. Sie selbst wurde wieder aus der Haft entlassen, da sie im neunten Monat schwanger war. Mit ihrer Schwiegermutter blieb sie in Lidice. Hier erlebte sie den schrecklichsten Tag ihres Lebens:

"Gegen neun, zehn Uhr abends haben wir so ein Getrampel gehört, aus dem Fenster haben wir gesehen, wie Soldaten oder SS oder wer es war, das Dorf völlig umschlossen, fast Mann neben Mann standen sie. Wir hatten keine Ahnung, welcher Schrecken auf uns wartet, was geschehen wird. Gegen 11 Uhr hörten wir, da wir genau an der Strasse wohnten, deutsche Befehle, Schreie, Kinderweinen. Das waren Herr Dolezal und seine Frau und ihre Kinder Marenka und Pepinek. Wir kannten uns alle und jetzt sahen wir, wie die deutschen Soldaten die Familie vor sich hertrieben. Wir haben vor Angst gezittert, dann haben wir vor den Fenstern die Familie Silhan gehört und immer mehr bis auf einmal auch bei uns jemand an die Tür hämmerte. Ehe wir sie aufmachen konnten, haben sie die Tür eingeschlagen und fingen an, uns anzuschreien, mit ihren Gewehren schoben sie uns aus dem Haus und in Richtung Schule. Dort mussten wir alle Wertgegenstände, die wir dabei hatten, abgeben. Dann führten sie uns in ein Klassenzimmer. Es war schrecklich, alles, die kaputte Tür, das Schreien, furchtbar, alles war hell erleuchtet, obwohl sonst Verdunkelung galt. Wir sahen, wie Soldaten Sachen aus den Häusern trugen, wohl das, was ihnen gefiel. In dem Klassenzimmer war es furchtbar, alte Leute, Kinder, Frauen, alle weinten, weil wir nicht wussten, was nun passiert. Das war so schrecklich, das vergisst man nie."

Der Befehl zur Zerstörung des Dorfes Lidice kam von Hitle r persönlich. Als Abschreckung gegen weitere Widerstandsa kte wollte er das Dorf dem Erdboden gleichmachen. Während 195 Frauen und 105 Kinder in der Dorfschule eingesperrt w aren, wurden 173 Männer des Dorfes im Hof der Familie Hor ak eingesperrt. Am frühen Morgen wurden sie dort erschoss en. Die 15 bereits verhafteten Familienangehörigen der an geblichen Mithelfer der Attentäter wurden einige Tage spä ter zusammen mit neun Männern, die in jener schicksalhaft en Nacht in den Bergwerken gearbeitet hatten, im Prager G estapo-Gefängnis erschossen. Die 102 Häuser des Dorfes, d ie Kirche und Schule wurden dem Erdboden gleich gemacht. Doch all dies haben Frau Nesporova und die anderen 194 Li dicer Frauen erst viel später erfahren:

"Früh morgens kamen zwei Lastwagen, auf die wir klettern mussten, die brachten uns nach Kladno, dort wurden wir durch den Hintereingang in eine Klasse der Realschule gebracht. Am nächsten Tag holte mich eine Frau ab, und ich hab mich gefreut, dass wir jetzt nach Lidice fahren, aber wir fuhren nach Prag, in die Dykova- Strasse. Dort habe ich mein Baby zur Welt gebracht. Von Prag ging es dann nach Teresienstadt. Auf dem Weg kamen wir an einer Stelle vorbei, von der man immer den Kirchturm von Lidice sah. Da war auf einmal nichts mehr zu sehen. Da habe ich so einen starken Schmerz gefühlt." (Zitat Frau Nesporova)

Die nächsten drei Jahre verbrachte Anna Nesporova mit den anderen Frauen aus Lidice im Konzentrationslager Ravensbr ück. Ihre im Juni 1942 zur Welt gekommene Tochter hat sie nie wieder gesehen. Ebenso verschwanden 100 der 109 Lidic er Kinder. Nach dem Krieg wurden neun Kinder in Kinderhei men oder deutschen Familien wiedergefunden. Die anderen K inder sind mit grösster Wahrscheinlichkeit im polnischen Lodz vergast worden. Von den 195 Lidicer Frauen kehrten 1 46 nach Kriegsende zurück. Erst dann erfuhren sie, was mi t ihren Männern, Eltern, Kindern, Bruedern passiert ist.

Die Nazis hatten erklärt, dass der Name Lidice von der Landkarte verschwinden werde - doch das Gegenteil trat ein. Die unglaubliche Greueltat wurde in aller Welt registriert. Spontan nannten sich Städte und Dörfer um, Kinder wurden auf den Namen Lidice getauft. Als Heinrich Mann in seinem Exil in den USA von der Vernichtung Lidices erfuhr, unterbrach er jegliche Arbeit und schrieb den Roman "Lidice". Dieser hat nichts mit der realen Tragödie gemeinsam, doch Heinrich Mann setzte so Lidice ein literarisches Denkmal. Im Sommer 1942 entstand in den USA das Kommitee "Lidice Lives", in dem berühmte Persönlichkeiten wie Charly Chaplin oder Albert Einstein Mitglied waren und das zum verstärkten Kampf gegen den Faschismus aufrief. In Grossbritannien entstand die Initiative "Lidice shall live", die Geld für den Wiederaufbau eines neuen Lidices nach Kriegsende sammelte. Die Nachricht über die Vernichtung des Dorfes stärkte die Kampfmoral der alliierten Truppen, das menschenverachtende Regime sollte so schnell wie möglich besiegt werden. Auch die Stellung der tschechoslowakischen Exilregierung wurde gestärkt. Unter dem Eindruck der Tragödie von Lidice widerriefen Grossbritannien und Frankreich ihre Unterschriften unter dem Münchner Abkommen von 1938 und erklärten die Wiederherstellung der Tschechoslowakei zu ihrem Kriegsziel.

Die Vernichtung von Lidice rief in aller Welt Entsetzen h ervor. Keine Ausnahme bildete Viktor Fischl, ein tschechi scher jüdischer Schriftsteller im englischen Exil. Er ver fasste damals ein langes Poem "Das tote Dorf". Doch damit wollte es Fischl nicht sein lassen - er bekam die Idee, e inen Film über die Tragödie zu machen:

"Von der Tragödie von Lidice erfuhr ich zu einer Zeit, als ich überwiegend Gedichte schrieb. Ich verfasste sofort ein langes Gedicht "Das tote Dorf", das sofort ins Englische übersetzt wurde. Der Weg vom Gedicht zum Film war nicht so lang. Meine Philosophie war immer, sich in die Lage einer anderen Person zu versetzen, sich in jemanden anderen reinzuversetzen. Und so kam ich auf die Idee, das, was in Lidice geschehen ist, an einen anderen Ort in ein Dorf in Wales zu verlegen replace. Natürlich gibt es viele Unterschiede zwischen Lidice und einem Dorf in Wales, aber auch viele Gemeinsamkeiten. Das erstaunliche war, wie schnell die Idee verwirklicht wurde. Der Direktor der Filmabteilung des Informationsministeriums schrieb mir einen Brief, in dem er mir mitteilte, dass diese Idee die beste sei, die er seit langem erhalten habe. Schnell fanden sie einen ausgezeichneten Regiseur -- Humphrey Jennings. Aber nicht nur Intelektuelle waren von der Idee begeistert, auch die Bergleute in Wales waren es und sie fühlten wirklich, dass sie wie die Leute in Lidice leben könnten und spielen könnten, was passiert ist."

Und so kam es, dass im Sommer 1942 ein Filmteam in das kl eine Dorf Cwmgiedd in Wales einfiel und mit den dortigen Bewohners den Film "The silent village" - "Das stille Dor f" drehte. Letzten Sommer besuchte ich das kleine Dorf in Wales und war erstaunt, wie wach die Erinnerungen an den Film und die Tragödie von Lidice auch nach über 50 Jahren noch sind. Doch dazu mehr im nächsten Kapitel aus der tsc hechischen Geschichte in zwei Wochen.