Orlicke hory - Adlergebirge

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Herzlich willkommen, liebe Hörerinnen und Hörer, bei einer neuen Ausgabe der Sendereihe "Touristensprechstunde". Wir treffen uns wieder einmal am ersten Wochenende des Monats, was bedeutet, dass wir unsere folkloristische Serie fortsetzen. Es ist Winter, und daher eignet es sich gut, die Berge als Ziel zu wählen. Wir wollen über das ostböhmische Adlergebirge sprechen. Man findet dort heute zwar keine Trachten, keine lebendige Volkstradition vor, die Region ist folkloristisch nicht so berühmt, wie einige anderen. Man begegnet dort jedoch einer spezifischen Form der Volkskunst, nämlich den Volkssagen. Und einige davon möchten wir Ihnen gleich erzählen. Gute Unterhaltung wünschen Olaf Barth und Markéta Maurová.

Das Adlergebirge ist ein etwa 40 Km langer Bergstreifen im nordöstlichen Winkel Böhmens. Bis heute können die Bergbesucher schöne Beispiele der Volksarchitektur bewundern, die dort im 18. und 19. Jahrhundert entstanden sind. Für das Adlergebirge ist das hölzerne Zimmerhaus, der sog. Typ des nordostböhmischen und schlesischen Grenzgebietes charakteristisch. Dieser jüngste Typ des böhmischen Holzhauses hat viele Elemente der vorbarocken Formen beibehalten. Den wichtigsten Teil eines Anwesens bildet ein gotischer Hof, der an die Bedingungen und Bedürfnisse eines Bergbauers angepasst wurde. Man brauchte keine großen Scheunen und Speicher und es gab kein Tor. Es blieb nur das Wohngebäude, das mit einem Stall verbunden war. Aus der gotischen Zeit überlebte die Betonung des Giebels, der eine scharfe Spitze bildete. Schöne Beispiele der Gestaltung eines Bergstädtchens findet man bis heute z.B. in Rokytnice (Rokitnitz) oder Jablonne (Gabel). An den dortigen Marktplätzen stehen Holzhäuser mit Lauben und hohen, gotischen Giebeln. Interessant ist, dass das ganze Gebiet des Adlergebirges und dessen Vorgebirges in der Volksarchitektur überhaupt nicht durch den Barock beeinflusst wurde und die dortigen Häuser in einem strengen und schlichten Stil gebaut wurden.

Wie alle Berglandschaften, bot auch das Adlergebirge seinen Bewohnern harte Lebensbedingungen. Man arbeitete im Wald bei der Holzförderung, und zwar vor allem im Winter. Im Sommer wurden kleine Bergfelder bebaut. Wie das Leben im Adlergebirge vor etwa 100 Jahren aussah, erfahren wir aus einem Buch des bekannten tschechischen Schriftstellers, Alois Jirásek, der das Gebirge mehrere Male besuchte und sehr liebte. Es wurden Hafer, Roggen, Kartoffeln und Flachs angebaut, schreibt er. Immer wieder musste man aber mit der Qualität des Bodens und mit dem schlechten Wetter kämpfen. Der Schnee blieb bis in den Frühling auf den Feldern liegen und verzögerte die Frühlingsarbeiten. Daher widmete man sich auch der Waldarbeit und verschiedenen Hausarbeiten, mit denen die ganzen Familien, von den Ältesten bis zu den Kindern beschäftigt waren. Besonders verbreitet war die Weberei sowie die Erzeugung von Schachteln und Streichhölzchen. Wie sich das Volk ernährte, hat Alois Jirásek für uns festgehalten:

"Danach ist es offenbar, dass die Ernährung des Volkes in diesem Landstrich sicher nicht mannigfaltig, ausgiebig und reichlich ist. Zum Frühstück isst man gewöhnlich Sauersuppe, eine Suppe aus Sauerteig, entweder mit getrockneten Pilzen oder mit Kartoffeln. Zum Mittagessen gibt es Kartoffeln und Sauerkraut, zum Abendbrot gewöhnlich Milch. Dies ist der Speiseplan der Wohlhabenden, also derjenigen, die eigenes Vieh haben. Bei den Armen werden, wenn man überhaupt dreimal pro Tag isst, zu jeder Mahlzeit Kartoffeln aufgetischt. Das Brot wird in dieser Gegend aus Hafer gebacken."

Die Hausarbeiten, die die langen Abende füllten, boten viel Gelegenheit zum Erzählen. Einige der Volkssagen, die die mündliche Tradition von Generation zu Generation überliefert hat, wollen wir nun auch Ihnen präsentieren. Aus der ersten Sage erfahren Sie etwa, warum es im Adlergebirge blitzt und donnert.

"Es wohnt und herrscht im Adlergebirge ein junges und schönes Mädchen - Prinzessin Kacenka-Kätchen. Sie ist gutherzig und gerecht - so wie auch die Bergnatur. Kätchen hilft den ehrlichen und arbeitswilligen Menschen, und bestraft Unredliche und Faulenzer. Von Zeit zu Zeit bekommt Kätchen einen Besuch - in einem fliegenden Pferdegespann kommt der Herrscher des nordwestlichen Gebirges zu ihr. Die schöne Prinzessin gefällt ihm sehr und er möchte sie gerne heiraten und mit sich ins Riesengebirge nehmen. Der alte und langbärtige Rübezahl gefällt ihr jedoch nicht. Sie lehnt ihn ab, und beleidigt den Bergherrscher dadurch zutiefst. Es packt ihn großer Zorn und er entfesselt alle zerstörerischen Kräfte, die ihm zu eigen sind. Er lässt es blitzen und donnern und alle Bäche und Flüsse im Adlergebirge über die Ufer treten, er verursacht Windbrüche und Waldschäden. In Wut und Zorn kehrt Rübezahl nach Hause zurück. Mit der Zeit verschwindet seine Wut, sein Schmerz und seine Beleidigung. Er vermisst Kätchen und hofft, das nächste Mal nicht abgelehnt zu werden. Er begibt sich wieder zu Besuch. Die Geschichte wiederholt sich aber wieder und im Adlergebirge entfesselt sich ein neues Gewitter."

Auch das Adlergebirge hatte seinen bekannten Banditen, obwohl er nicht so berühmt wie Jánosik in den slowakischen Bergen oder Nikola in der Karpatoukraine war. Er hieß Ledrícek. Es handelte sich um eine wirkliche Gestalt, die im 19. Jahrhundert lebte und historisch belegt werden kann. Schon zu seinen Lebzeiten, erzählte man über Ledrícek Sagen und Mythen.

"Ledrícek kannte eine Pflanze, die ihn unsichtbar und unverletzbar machte. Der Bandit war kleiner und flinker Gestalt und kannte sich ausgezeichnet in den Wäldern um Klasterec aus, in denen er sich schnell bewegen und verbergen konnte. Am häufigsten trug Ledricek eine rote Weste mit weißen Knöpfen, eine Lederhose, einen leichten Fuhrmannmantel und hohe Stiefel. Er war aber Meister der Verkleidung. Manchmal trat er als Forstmeister auf, manchmal als ein Gendarm, dann wieder als ein wandernder Müllerbursche usw. Den sichersten Schutz bot ihm sein Felsenversteck. Im Tal der Divoka Orlice (Wilde Adler) gibt es bis heute einen Ledrícek-Felsen. Die Banditenhöhle in der Höhe wahr früher angeblich sehr groß. Heute findet man dort eine Felsennische von etwa 3x3x3 Metern vor. Ledricek wurde bei seinen Raubzügen mehrere Male ertappt, es gelang ihm aber immer wieder zu entkommen. Er verteilte seine Beute immer unter armen Leuten, einen Teil des Diebesgutes verbarg er jedoch an mehreren Stellen in den Bergen für schlechtere Zeiten. Ledricek lebte unter ständiger Verfolgung fast 20 Jahre in den Bergen. Einmal, als er wieder mal in seine Höhle eilte, riss die Strickleiter unter ihm, er stürzte ab und war tot. In den Volkssagen und Erzählungen lebte er aber weiter."

So wie das benachbarte Riesengebirge, hat auch das Adlergebirge einen langbärtigen Herrscher. Die Gestalt Rampuschak ist aber relativ neu. Sie erschien erst in den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts. Seitdem verbindet sich damit aber eine neuzeitige folkloristische Tradition. In Destne (Deschnei) wird jedes Jahr, Ende März, ein feierlicher Abschied vom Winter veranstaltet. Rampuschak fährt vom Gipfel des Winterberges herab - auf alten langen Skis und mit einem langen Stock. Er wird von einer großen Maskengruppe begleitet. In einer Rede stellt er einzelne Mitglieder seines Gefolges vor und nimmt vom Winter Abschied.

Autor: Olaf Barth
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