Papst fordert Anwälte auf, Scheidungen zu boykottieren

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Ein Bericht von Olaf Barth.

Man hat sich ja auch in der Tschechischen Republik bereits daran gewöhnt, dass von allerhöchster Stelle aus dem Vatikan, gelegentlich Stellungnahmen und Aufrufe kommen, die nicht so ganz in das 21. Jahrhundert passen wollen.

Und auch das, was "Jan Pavel II. (druhy)" - wie der derzeitige Papst auf Tschechisch genannt wird - am Montag in Rom anlässlich der Eröffnung des Gerichtsjahres von sich gab, sorgte für allgemeine Verwunderung. Um die anscheinend bedrohte Institution Ehe zu retten, hatte der greise Papst nämlich die Anwälte dieser Welt zum Boykott von Scheidungen aufgerufen.

Davon nun fühlte man sich in Tschechien besonders angesprochen, liegt man mit einer Scheidungsquote von fast 60% mit an der europäischen- und Weltspitze. Dennoch, die meisten sehen es wie die in der tschechischen Presse zitierte Rentnerin Marie Vachova, die meint, solche Äußerungen könne man nicht ernst nehmen. Eheschließung und Scheidung seien schließlich individuelle Angelegenheiten.

Katerina Irmanova, Psychologin des Ehe- und Familienberatungszentrums, glaubt hingegen schon, dass die Worte des Stellvertreters Christi, der schließlich auch für Nichtgläubige eine moralische Institution sei, einen Einfluss auf die künftige Konfliktlösung in Ehen haben könnte.

Johannes Paul hatte sich gegen Ende seiner Ansprache gar als Rechtsexperte versucht, als er meinte, Anwälte seien beruflich unabhängig und müssten es daher ablehnen, durch ihre Tätigkeit, derartigen Ungerechtigkeiten wie Ehescheidungen zum Sieg zu verhelfen.

Rechtsanwalt Josef Lzicar hält dagegen, Anwälte seien zuallererst dem Dienst am Bürger verpflichtet. Die päpstliche Aufforderung, die Wünsche seiner Klienten gar zu boykottieren, bezeichnet er als abnormal.

Leider sahen sich weder der apostolische Nuntius in Prag noch der Sprecher der tschechischen Bischofskonferenz, Daniel Herman, zum jetzigen Zeitpunkt in der Lage, eine Stellungnahme zum päpstlichen Boykottaufruf gegenüber Radio Prag abzugeben.

Daniel Herman erklärte allerdings gegenüber der Tageszeitung Pravo, er sei von den Aussagen des Papstes nicht überrascht und betonte die Bedeutung des Festhaltens an der Ehe in guten wie in schlechten Zeiten.

Dies scheint die Katholische Kirche also auch auf solche Frauen zu beziehen, die von ihren Ehemännern geschlagen oder vergewaltigt werden. Auch in schlechten Zeiten gilt eben: ...bis dass der Tod Euch scheidet...

Autor: Olaf Barth
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