Sportreport

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Ahoi und herzlich willkommen zum Sportreport von Radio Prag. Am Mikrofon begrüßt Sie Lothar Martin.

Schon sehr oft haben wir Sie in unserem Sportreport mit den - aus tschechischer Sicht - sportlichen Helden und Stars der Gegenwart bekannt gemacht. Zumeist waren es Spitzensportler, die sich auch in Deutschland, Österreich, der Schweiz und anderswo einen Namen gemacht haben oder gar in aller Munde sind. Aber recht selten haben wir Ihnen bisher tschechische Athleten vorgestellt, die schon vor geraumer Zeit im Zenit ihres Könnens gestanden oder in grauer Vorzeit für Furore gesorgt haben. Letzteres trifft auch auf den Athleten zu, den wir Ihnen heute etwas näher bringen wollen. Seine große sportliche Zeit erlebte er um die Jahrhundertwende vom 19. zum 20. Jahrhundert, als er insbesondere das Diskuswerfen nahezu revolutionierte. Die Rede ist von Frantisek Janda-Suk, dem ersten Tschechen, der bei einer Olympiade eine Medaille gewann und der vor 100 Jahren auch als erster Tscheche einen Weltrekord aufstellte. Dies war am 16. Juni 1901, als Janda-Suk in einem Wettkampf sein Wurfgerät auf die Weite von 39,42 Meter schleuderte und dabei eine für die damalige Zeit völlig neuartige Drehtechnik anwandte. Und aus diesem historischen Anlass heraus wollen wir uns in den nächsten Minuten einmal etwas ausführlicher mit dem Sportler und Menschen Frantisek Janda-Suk befassen.


In Cernovicky, einer Gemeinde zwischen Prag und Kladno, liegt ein kleiner Friedhof. Eines von dessen Gräbern gehört der Familie Vorlicek und auf dem Grabstein kann man lesen: Frantisek Janda-Suk - ohne seinen Doktortitel und ohne Zeitangaben. "Herr Janda-Suk war ein feiner und bescheidener Mensch. Zu meinem Vater sagte er einmal, dass er nach seinem Tode völlig von der Bildfläche verschwinden möchte und dass seine Asche auf der Wiese bei Knezeves, einem Ort, den er sehr liebte, verstreut werden soll." Dies diktierte Frau Marie Javurkova, geborene Vorlickova, dem Journalisten und Sporthistoriker Pavel Kovár in dessen Notizblock, als der sich auf die Spuren des fast vergessenen Ex-Weltrekordlers begeben hatte. Von Pavel Kovár erfährt man auch in seinem jüngst in der tschechischen Wochenzeitschrift "Reflex" veröffentlichten Artikel, dass die Familie Vorlicek dem Wunsch des einstigen Sportmannes nicht ganz nachkommen konnte, da sich auf der Wiese, von der er sprach, schon längst der neuere Teil des Flughafens von Prag-Ruzyne befindet. Daher habe man die Urne mit der verbrannten Asche des verehrten Sportlers und Polizeirates halt auf dem eigenen Familiengrab untergebracht, wird Marie Javurková noch einmal zitiert.

Wir aber haben die Möglichkeit genutzt, den Autor selbst zu Leben und Verdiensten von Frantisek Janda-Suk zu befragen. Und da interessierte uns zunächst, warum ein Sportler von solch historischer Bedeutung in Tschechien derart in Vergessenheit geraten konnte und ob man seine Leistungen überhaupt zu würdigen weiß: "Nun, die Leistungen werden gewürdigt. Aber die Tatsache, dass Frantisek Janda-Suk nahezu in Vergessenheit geraten ist, rührt daher, weil er im Jahr 1955 gestorben ist, in einer Zeit also, wo man den Sozialismus aufzubauen begann und wo ein Gutsbesitzer, wie er einer war - ihm gehörte in dieser Zeit ein großes Gut unweit des Prager Flughafens - natürlich auf dem Index stand. Ist in der Zeit, in der er verstarb, also so gut wie nicht über ihn berichtet worden, so gehörte er später, in den Jahren nach der politischen Wende 1989 schon zu jenen Personen, die in einer sehr, sehr weit vergangenen Geschichte von sich reden machten. Für die Zeitgenossen der 90er Jahre handelte es sich um eine schon verstaubte Historie, und so hat sich kaum einer ihrer angenommen."

Dank Pavel Kovár und einigen ganz Wenigen, die sich mit dieser Historie befasst haben, wissen wir heute, dass Frantisek Janda am 25. März 1878 in Postrizina, einer kleinen Gemeinde an der alten Landstraße zwischen Prag und Kralupy, als Sohn einer verhältnismäßig reichen Bauernfamilie geboren wurde. Während seines Studiums am Real-Gymnasium in Prag tritt er im Herbst 1895 mit drei Kameraden dem Athletic Club (A.C.) Sparta Prag bei, wo er sich im darauffolgenden Winter mit Gewichtheben und Ringen auseinandersetzt. Im Frühjahr 1896 sind es dann das Laufen und das Kugelstoßen, denen er frönt, und da er bei einem klubinternen Wettbewerb als bester Kugelstoßer hervor geht, widmet er sich ab sofort den leichtathletischen Wurfdisziplinen. Sein Interesse am Kugelstoßen und vornehmlich am Diskuswerfen wird noch dadurch gestärkt, dass ihm im gleichen Jahr eine Artikelserie von Jiri Guth in die Hände fällt. Jiri Guth war der einzige Tscheche, der bei den ersten Olympischen Spielen der Neuzeit in Athen anwesend war und der von diesem Ereignis berichtete. Parallel dazu fällt ihm die bekannte Skulptur des antiken Diskuswerfers ins Auge, so dass sich Frantisek Janda von da an nicht nur mit dieser Wurfdisziplin, sondern auch mit der der Skulptur nachempfundenen Wurftechnik eindringlich befasst. Seiner Meinung nach musste der antike Athlet eine Drehtechnik angewandt haben, die Janda zu kopieren versuchte, weshalb seine Eltern nicht selten bei dessen Übungsversuchen auf dem Feld ins Staunen gerieten und sich wunderten, was "der Bub bloß andauernd mit diesem Topfdeckel anstellen muss."

Mit der von ihm kreierten Drehtechnik und der Weite von 35,25 Meter belegte Frantisek Janda bei der Olympiade 1900 in Paris den zweiten Platz. Nur der Ungar Bauer war mit 36,04 Meter noch besser. Als Preis gab es seinerzeit jedoch noch keine Medaille, sondern nur einen billigen Holzkalender. Dafür war die Freude über die eigene Leistung umso größer. Und sie trieb ihn ein Jahr später auf die bereits erwähnte, damalige Weltrekordweite von 39,42 Meter. Doch danach wurde es einige Zeit still um den Ex-Weltrekordler. Der Militärdienst, eine verschleppte Magenerkrankung und die sich verschlechterten Bedingungen beim A.C. Sparta Prag hatten dazu geführt, dass Frantisek Janda drei Jahre lang seinem geliebten Sport nicht nachgehen konnte. Als er im Jahr 1905 wieder zurückkam, wechselte er zum Ortsrivalen SK Slavia. Und da ihm in Frantisek Soucek vom Ex-Verein Sparta Prag inzwischen einer seiner schärfsten Gegner entwachsen war, griff er zu einer kleinen "List", nämlich dem Pseudonym Suk, das er sich ab sofort an seinen Familiennamen anfügen ließ. Pavel Kovár klärt uns auf: "Er war ein großer Spaßmacher. Und so hat er sich, nachdem er als Vertreter des SK Slavia mit Frantisek Soucek vom seinem Ex-Verein Sparta auf einen harten Rivalen stieß, den Namen Suk gegeben. Der Grund war einfach und simpel: Suk bedeutet im Tschechischen soviel wie Knoten, Soucek aber nur die Verkleinerungsform davon, nämlich Knötchen. Damit wollte Janda-Suk von vornherein zeigen, wer das Sagen hat."

Frantisek Janda-Suk erzielte seit dieser Zeit zwar nicht mehr die ganz großen Erfolge, was ihm jedoch nicht davon abhalten konnte, an seiner Diskuswurftechnik weiter zu feilen. Dabei kam er auf den "Dreh", seine rhythmischen Bewegungen durch entsprechende Schreie zu unterstützen. Pavel Kovár erklärt den markantesten: "So hat er sich zur begleitenden Unterstützung seiner Drehbewegung den Schrei ´Tarlá, tarlá - sup!´ ausgedacht, wobei beim Wort ´sup´ der Diskus seine Hand verließ."