Sportreport

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Ahoi und herzlich willkommen zum Sportreport von Radio Prag. Am Mikrofon begrüßt Sie Lothar Martin.

Nun ist es also soweit. Die Olympischen Sommerspiele in Sydney sind eröffnet und werden uns nun gut zwei Wochen in ihren Bann ziehen. Nach 1956 in Melbourne finden sie erst zum zweitenmal in der südlichen Hemisphäre statt. Dafür sind es schon jetzt wieder einmal die Spiele der Rekorde. In Sydney gehen nämlich über 10.000 Sportler aus 199 Ländern an den Start. In 28 Sportarten werden genau 300 Medaillensätze vergeben. Gegenüber Atlanta, wo je 271-mal Gold, Silber und Bronze vergeben wurde, sind sowohl die Sportarten Taekwondo und Triathlon als auch einige neue Disziplinen und Damenkonkurrenzen wie zum Beispiel im Wasserball, im Modernen Fünfkampf und im Gewichtheben hinzu gekommen.

In Sydney treten die tschechischen Sportler zum zweiten Mal als eigenständige Vertretung seit der Teilung der Tschechoslowakei im Jahr 1993 auf. Vor vier Jahren in Atlanta gewann das tschechische Team viermal Gold, dreimal Silber und viermal Bronze. In Sydney werden die Farben der Tschechischen Republik durch 124 Sportler vertreten.

Die größten Medaillenhoffnungen der tschechischen Vertretung ruhen auf den Schultern des zweifachen Weltmeisters und Weltrekordlers im Zehnkampf Tomas Dvorak. In seiner Disziplin ist Dvorak der klare Favorit auf den Olympiasieg. Diesen wollen - nach Möglichkeit - auch die Goldmedaillengewinner von Atlanta, Speerwerfer Jan Zelezny sowie die Kanuten Martin Doktor im Einer-Canadier und Stepanka Hilgertova im Kanuslalom, wiederholen. Und wiederholen sollte sich nach dem Wunsch der tschechischen Sportfans auch ein Olympiasieg von 1980. Um welchen es sich dabei handelt und worauf sich die Hoffnungen hierzulande begründen, das erfahren Sie gleich.


Mit einem mühsam erkämpften 2:2-Unentschieden gegen die USA startete die tschechische Fußballauswahl bereits am Mittwoch in Canberra in das Olympiaturnier. Die US-Amerikaner, die Trainer Karel Brückner als schärfsten Widersacher in der Vorrundengruppe C ansieht, waren der erwartet schwere Auftaktgegner. Der Punktgewinn stimmte am Ende versöhnlich, denn mit der gebotenen Leistung, die - so Brückner - "schlimmer nicht sein konnte," wird man es schwer haben, das gesteckte Ziel - eine Medaille - verwirklichen zu können. Dabei wollen gerade die Fußballer, als einzige Mannschaftssportler im tschechischen Olympiateam vertreten, an eine erfolgreiche Vergangenheit anknüpfen. Denn vor genau 20 Jahren, als die Fußballer letztmalig bei einer Olympiade dabei waren, gewann die damalige CSSR-Auswahl die Goldmedaille in Moskau.

Für fast alle Akteure, die seinerzeit im Aufgebot standen, bedeutete der Olympiasieg von 1980 den Höhepunkt ihrer aktiven Karriere. Dies wusste uns auch Ludek Macela, der Kapitän des siegreichen Teams, zu bestätigen: "Ich denke, diese Olympiade war der Höhepunkt in meiner sportlichen Laufbahn. Ich habe zwar mehrfach die nationale Meisterschaft gewonnen und oft im Europapokal gespielt, doch halt nie bei einer WM oder EM. Deshalb war die Olympiade das höchste, was ich erreicht habe und der Gewinn der Goldmedaille war natürlich der absolute Höhepunkt."

Besonders gern erinnert sich Ludek Macela, der heute als Vizechef des Böhmisch-Mährischen Fußballverbandes (CMFS) und Vorsitzender der Schiedsrichterkommission des Verbandes tätig ist, an das Endspiel gegen die damalige DDR. Es endete 1:0 durch das "goldene Tor" von Jindrich Svoboda. Der Kontrahent aus der DDR, vier Jahre zuvor in Montreal erfolgreich, ging zwar als Titelverteidiger ins Finale, doch deshalb erstarrte man nicht in Ehrfurcht, wie Ludek Macela Radio Prag gegenüber äußerte: "Also, ich denke, Respekt hatten wir keinen allzu großen, denn wir hatten eine sehr gute Mannschaft beieinander. Ein Teil des Teams nämlich spielte vor der Olympiade noch bei der EM-Endrunde in Italien, wo die tschechoslowakische Auswahl einen hervorragenden 3. Platz belegte. Mit diesen Spielern wurde das Olympiateam quasi verstärkt, was sich dann auch in unserer Spielweise bemerkbar machte. Wir wussten, was wir können, und haben daher stets geduldig gespielt, auf unsere Chancen gelauert und sie dann auch genutzt."

Das Korsett der Olympiasieger-Mannschaft von Moskau wurde durch die Kicker der damaligen tschechische Spitzenvereine Dukla Prag und Banik Ostrava gebildet. Aus dem homogenen Team - so Macela - ragten aber noch Angreifer Ladislav Vizek, Spielmacher Jan Berger und Torwart Stanislav Seman heraus. Der Erfolg der Mannen um den heute 49-jährigen Macela wurde jedoch auch etwas begünstigt durch den Olympia-Boykott der Länder der westlichen Staatengemeinschaft. Deshalb wollten wir von Macela wissen, ob dieser Boykott die Freude über den eigenen Sieg nicht doch etwas getrübt habe:

"Nun, selbstverständlich waren wie etwas enttäuscht, dass wir unsere Kräfte nicht auch mit diesen Mannschaften messen konnten. Andererseits, wenn ich zurückschaue, die Gegner, gegen die wir gespielt haben, waren auch nicht von Pappe. Insbesondere wenn ich an das Halbfinale gegen Jugoslawien und das Finale gegen die DDR denke. Das waren zu der Zeit sehr starke und professionell spielende Mannschaften. Und deshalb stufe ich den Olympiasieg sehr wohl sehr hoch ein."

Heute wird der Kader der bei Olympia vertretenen Fußballteams nicht mehr durch den Status, sondern durch das Alter der Spieler reglementiert. Dennoch sieht Ludek Macela für die tschechische Elf, die in Sydney dabei ist, gute Chancen, an den Erfolg "seiner Truppe" von vor 20 Jahren anknüpfen zu können. "Ich hatte die Möglichkeit, dieses Team bei der U-21-EM in der Slowakei zu beobachten. Es läßt sich sagen, dass es mit dem von Sydney nahezu identisch ist, denn 90 Prozent der Spieler, die in Bratislava die Silbermedaille gewonnen haben, sind auch jetzt dabei. Das ist eine sehr gute Mannschaft, geführt von einem ausgezeichneten Trainer. Ich sehe schon die Chance, dass sie in unsere Fußstapfen treten kann, und ich hoffe, sie nutzt sie und zieht in das Finale ein."