Sportreport

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Ahoi und herzlich willkommen, liebe Hörerinnen und Hörer, zum letzten Sportreport in diesem Jahr. Aus dem Prager Studio begrüßt Sie Lothar Martin.

Wie üblich so kurz vor Weihnachten nehmen sich auch die Sportler eine "Auszeit" und begehen das christliche Fest im Kreise ihrer Familien. Dies ist dann immer die Zeit für Bilanzierungen und Jahresrückblicke. Und dieses fast abgeschlossene Jahr 2000 - das letzte im zu Ende gehenden Jahrtausend - hatte auch im Sport einiges zu bieten. Zumal es ein olympisches Jahr war. Leider waren die Entfernung und die damit verbundenen Kosten für unseren kleinen Sender zu groß, um auch bei den Olympischen Spielen in Sydney mit dem Mikrofon live vor Ort sein zu können. Doch es gab noch genügend andere Sportveranstaltungen, wo wir so manchen Stimmungsbericht eingefangen und über die wir Sie im Laufe des Jahres informiert haben. Lassen Sie uns daher nun in den nachfolgenden Minuten einige von ihnen noch einmal kurz Revue passieren.

In den Wintersportarten konnten sich tschechische Sportler im Jahr 2000 kaum in Szene setzen. Einzige Ausnahme: Ladislav Rygl, der in der Königsdisziplin des klassischen Skisports, der Nordischen Kombination, einen hervorragenden dritten Weltcupplatz in der Saison 1999/2000 belegte. Doch da gibt es ja noch eine Sportart, die man den Tschechen in die Wiege gelegt haben könnte: das Eishockey. Nie waren die Cracks zwischen Litvínov und Trinec erfolgreicher als in diesem Jahr. Im russischen St. Petersburg konnten sie ihren WM-Titel aus dem Vorjahr verteidigen, indem das Nationalteam den Nachbarn Slowakei im Finale mit 5:3 besiegte. Hinzu kam der erstmalige Gewinn der Nachwuchs-Weltmeisterschaft zu Jahresbeginn in Schweden. Und auch im europäischen Clubeishockey drang mit Sparta Prag erstmals ein tschechisches Team bis ins Endspiel der Euro-Hockey-League vor. Hier unterlagen die Hauptstädter zwar Cupverteidiger Magnitogorsk mit 0:2, doch auf ihrem Weg dorthin schalteten sie u.a. im Viertelfinale den deutschen Vizemeister, die Nürnberg Ice Tigers, aus. Nach dem Rückspiel in Regensburg wusste DSF-Fachkommentator Rick Amann anerkennend feststellen:

Bei soviel internationalem Lorbeer war es fast zwangsläufig, dass der Prager Traditionsverein auch in der nationalen Meisterschaft ein entscheidendes Wort mitsprechen würde. Doch wie Sparta dann durch die Play offs stürmte und sich den fünften Meistertitel in der 97-jährigen Geschichte des Vereins sicherte, das war schon mehr als beeindruckend. Weder Pardubice, Litvínov noch Titelverteidiger Vsetín hatten den Hauch einer Chance gegen die entfesselt aufspielenden Prager, die mit neun Siegen in neun Play-off-Spielen nicht nur eine neue Bestmarke setzten, sondern sich die Krone ausgerechnet auf dem Eis des Erzrivalen Slovnaft Vsetín aufsetzten. Kein Wunder, dass nicht alle Zuschauer bei der Siegerehrung jubelten:

Nicht minder jubeln konnten im Frühjahr aber auch die Fußballer von Sparta Prag. Mit einem Rückstand von vier Punkten auf den Lokalrivalen Slavia waren sie in die Rückrunde der nationalen Meisterschaft gestartet, um drei Spieltage vor der Ziellinie plötzlich selbst mit vier Zählern Vorsprung in Front zu liegen. Da konnte - zwei Runden vor Schluss - mit einem Sieg im ewig jungen und heißen Duell gegen den Ortsnachbarn wieder alles klar gemacht werden. Und die Spieler von Trainer Ivan Hasek ließen sich diese Chance nicht entgehen:

Jawohl, es war die Entscheidung für den insgesamt 27. Titelgewinn der Blau-gelb-roten aus dem Stadtteil Letná, die sogar noch einen draufsetzten und ihren Dauerkontrahenten Slavia mit einer demütigenden 1:5-Niederlage nach Hause schickten. Doch schon bald hatte die harte Realität des Fußballgeschäfts auch die Meisterelf eingeholt. Vor der neuen Saison 2000/2001 verkaufte der hoch verschuldete Traditionsverein mit Lokvenc und Gabriel - beide gingen zum 1. FC Kaiserslautern - sowie mit Baránek, der zum 1. FC Köln wechselte, drei seiner Besten an Clubs aus der deutschen Bundesliga. Warum gerade dorthin, dazu sagte uns Clubpräsident Vlastimil Kostál in einem Gespräch:

Es zeigte sich, dass diese drei auch in der Bundesliga - aus unterschiedlichen Gründen - einen sehr schweren Stand haben. Als Sparta kurz nach Saisonbeginn aber mit Milan Fukal, der dem Lockruf des Hamburger SV preisgegeben wurde, noch eine vierte Säule aus der Stammelf herausbrach, war es auch um die Fußballherrlichkeit der Prager auf internationaler Bühne geschehen. In der Champions League brachte Sparta nach dem Erreichen der Zwischenrunde in der Vorsaison diesmal kein Bein auf die Erde. Mit nur einem Sieg und fünf Niederlagen belegte der tschechische Meister in der Vorrundengruppe B hinter Arsenal London, Lazio Rom und Schachtjor Donezk nur den vierten und letzten Gruppenplatz. Deshalb konnte Trainer Ivan Hasek Anfang November nur konstatieren: "Also sicher bin ich enttäuscht. Vor allem mit den Ergebnissen, die wir erzielten. Auch wenn unsere gezeigten Leistungen so schlecht nicht und wir oft ein ebenbürtiger Kontrahent waren, die Resultate sprechen eine andere Sprache."

Eine andere Sprache sprachen die tschechischen Fußballer auf der Auswahlebene. Bei der EM-Endrunde für U-20-Nachwuchsmannschaften in der Slowakei erreichten sie das Finale, in dem sie den Italienern in Bratislava mit 0:2 unterlagen. Doch auf dem Weg dorthin hatten sie bei den Gruppenspielen in Trencín zum Großteil begeisternden Angriffsfußball geboten, wie beim 3:1 gegen die Niederlande:

Apropos Niederlande. Die EM-Endrunde in Holland und Belgien sollte auch für die tschechische Nationalmannschaft der Senioren die Krönung ihrer großartigen Vorstellungen aus der vorausgegangenen Qualifikation bringen. Mit zehn Siegen in zehn Partien hatte sich das von Auswahltrainer Jozef Chovanec gecoachte Team eindrucksvoll für den Gipfeltreff der besten europäischen Kicker empfohlen. Und in Amsterdam, Brügge und Lüttich, zeigten die Akteure um Superstar Pavel Nedved auch ihre Klasse - allerdings nicht mit dem gewünschten Effekt. Heraus sprang nur ein 2:0-Sieg über Dänemark, während man gegen Gastgeber Niederlande nach dem heftigst umstrittenen Elfmeterpfiff von Schiedsrichter Collina mit 0:1 und gegen Weltmeister Frankreich, der sich später auch die EM-Trophäe sicherte, knapp mit 1:2 unterlag. Was blieb war viel Lob aus Expertenkreisen und ein positives Echo in der europäischen Presse.

Daher hielt sich Tschechien auch beim einzig größeren Championat, das vor heimischem Publikum stattfand, nahezu schadlos. Gemeint ist die Fußball-WM im Fußballtennis, deren vierte Ausgabe Anfang November im mährischen Prostejov ausgetragen wurde. In den drei Konkurrenzen Einzel, Doppel und Dreiermannschaft galt es zumindest zwei Titel zu verteidigen. Und im Einzel fing es auch gleich gut an:

Doch so schön die Endspielserie für Tschechien auch begann, um so ernüchternder war der Ausgang der anderen beiden Finals. Hier behielten nämlich die benachbarten Slowaken über den Gastgeber die Oberhand und avancierten somit zur erfolgreichsten Nation der Weltmeisterschaft. Ein Ergebnis, das den tschechischen Auswahltrainer Ales Opravíl etwas zerknirscht konstatieren ließ: "Ich habe vor der WM gesagt: ein Titel ist eine Enttäuschung, zwei Titel sind ein Erfolg, drei Titel sind ein Traum. Leider ist die erste Variante eingetreten."

Der Präsident des Internationalen Fußballtennis-Verbandes IFTA, Alfred Meyer, wusste die sportliche Niedergeschlagenheit jedoch durch ein großes Lob auf die tschechischen Ausrichter der WM wieder etwas zu kompensieren:

Dass Triumph und Niederlage im Sport einfach zueinander gehören, bekamen auch andere großartige tschechische Athleten in diesem Jahr hautnah zu spüren. Da jubelte der neue Stern am Radfahrhimmel Jan Hruska noch im Mai über seine zwei Zeitfahrsiege beim Giro d´Italia, die ihm als erstem Tschechen überhaupt das Rosa Trikot des Leaders für Stunden überstreifen ließen. Doch kurz vor der Olympiade in Sydney dann der Schock: ein positiver Dopingbefund bedeutete das Aus noch vor der olympischen Zeitfahrkonkurrenz, für die sich der 25-jährige so viel vorgenommen hatte.

Viel vorgenommen hatte sich auch Zehnkampf-Weltrekordler Tomás Dvorák für die zurückliegende Saison, in die er gleich mit dem Traumergebnis von 8900 Punkten beim Wettkampf in Götzis gestartet war. Seine Verletzungsanfälligkeit machte ihm aber ausgerechnet in Sydney wieder einen Strich durch die Rechnung. Am Ende langte es nur für Platz 6. 800-m-Weltmeisterin Ludmila Formanová erwischte das Verletzungspech bereits im olympischen Vorlauf. Für sie und weitere Enttäuschte sprangen jedoch andere in die Bresche: Roman Sebrle zum Beispiel, der den Zehnkampf bis zur letzten Disziplin spannend hielt und am Ende Silber gewann, oder Stepánka Hilgertová, die im Wildwasser-Kanuslalom nach Atlanta 96 erneut die Goldmedaille im Einer-Kajak der Damen eroberte.

Alle standen aber ein klein wenig im Schatten von Speerwurf-Weltrekordler Jan Zelezný, der sich in Sydney seinen dritten Oympiasieg in Folge sicherte und damit zu einem der ganz großen Leichtathleten des zu Ende gehenden Jahrhunderts aufstieg. Seine einmalige Leistung kommentierte der sympathische Familienvater aus Mladá Boleslav jedoch wie immer mit der ihm eigenen Bescheidenheit: "Also, dass ich zum dritten Male bei Olympia gewinnen konnte, ist sicher einzigartig, doch dass ich nun diese Goldmedaille höher einstufen werde als die anderen beiden oder die silberne von Seoul 1988, dies ganz bestimmt nicht. Jede hat für mich die gleiche Bedeutung, weil immer auch eine vollbrachte Leistung dahinter steht."

Mit seinen Leistungen wurde Jan Zelezný mehrfach auch mit dem in diesem Jahr zum tschechischen Jahrhundertsportler gewählten legendären Emil Zátopek verglichen. Als er uns seine Meinung zum dreifachen Olympiasieger von Helsinki 1952 über die Langlaufstrecken mitteilte, da konnte auch er nur ahnen, dass das Herz des einstigen Vollblutläufers und tschechischen Sportidols schlechthin bald aufhören würde zu schlagen. Am 21. November verstarb Emil Zátopek im Alter von 78 Jahren an den Folgen eines wiederholten Gehirnschlags. Auf unsere Frage an Jan Zelezný, ob er sich nach Emil Zátopek als der beste tschechische Leichtathlet aller Zeiten ansehen würde, antwortete der Speerwurf-Olympiasieger: "Nun, das nicht. Emil war außergewöhnlich und einzigartig und einen besseren Leichtathleten wird es schon nicht mehr geben. Denn dass einer noch einmal bei einer Olympiade die 5- und 10-Kilometer- sowie die Marathonstrecke gewinnt, und darauf verwette ich einiges, das wird es nicht mehr geben."