Zusammenarbeit zwischen Rechtsextremisten in Deutschland und Tschechien

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Von weisrussischen Demokraten kommen wir nun zu tschechischen Extremisten: Skinheads gibt es nämlich zur Genüge auch in Tschechien, Rechtsextremismus ebenfalls. Doch sind gerade Naziartikel aus Deutschland Verkaufsschlager für die tschechischen Gesinnungsgenossen – so paradox das auch klingt. So scheinen sich tschechische Aktivisten vor allem an ihren deutschen Gesinnungsgenossen zu orientieren. Ein Beitrag von Jürgen Webermann:

Prag, Wenzelsplatz, Frühjahr 2000. Eine Demonstration von Neonazis. Sie recken die rechten Hände hervor und schreien „seid Euch bewusst, dass ihr Tschechen seid“, und direkt darauf: „Heil Hitler, Sieg Heil“. Rein äußerlich könnten sie auch irgendwo aus Frankfurt, Berlin oder Hamburg kommen, die tschechischen Skinheads. Reichskriegsflaggen, Nazisymbole und vieles mehr – und das in einem Land, in dem 80.000 Menschen während der deutschen Okkupation starben. Mittlerweile machen sich mehr und mehr Experten Gedanken über die Ursachen für den Nazikult und auch über Zusammenarbeit mit deutschen Neonazis. Diese schätzt Zdenek Zboril, Extremismus-Experte im Prager Institut für Internationale Beziehungen, jedoch noch gering ein:

Qualitative Kontakte gibt es eher auf der Ebene der Händler, die mit CD- Aufnahmen, Audiocassetten, Aufnähern, Emblemen und Druckerzeugnissen handeln. In letzter Zeit habe ich zwar den Eindruck, dass die Zusammenarbeit enger wird, aber immer noch schwach ist. Es handelt sich um Einzelne, und es geht hierzulande mehr ums Nachahmen vom Kleidungs- oder Musikstil deutscher Neonazis als um persönliche Kontakte.“

So sind CDs deutscher Neonazigruppen auch in Tschechien populär, auch wenn die Hörer der aggressiven und extrem nazistischen Musik laut Zboril die schnellen, deutschen Texte gar nicht verstehen. Und was die ganze Geschichte noch prekärer oder paradoxer macht, ist die Tatsache, dass es in Grenzgebieten zu Deutschland häufig vietnamesische Händler sind, die die Tonträger an Extremisten weiterverkaufen. Dazu sind Leute wie Reinhard Heydrich, der im Jahre 1942 ermordete Reichsprotektor für Böhmen und Mähren, sowie vor allem der ehemalige Hitler-Stellvertreter Rudolf Hess echte Symbolfiguren auch für tschechische Neonazis. Die Gründe dafür sind jedoch weniger im Umgang mit der NS-Geschichte zu suchen, meint Zdenek Zboril:

Ich denke, dass die historischen und politischen Stereotypen allenfalls oberflächlichen Charakter haben. Sie helfen den Neonazis, sich als Gruppe oder als oppositionelle Kraft zu identifizieren. Leider haben wir keine schulische Prävention wie in Deutschland. Es fehlt an Ausfklärung. Würden die Skinheads befragt, wüssten 90 Prozent nicht, wer Adolf Hitler war. Sie wüssten vielleicht, dass er der Führer war, aber dass er auch Reichskanzler und Parteigründer war, wohl nicht, genauso wenig, wo er gelebt hat, wie alt er zum Beispiel geworden ist.“

So kann es auch an Wissensmangel liegen, dass Hitlers „Mein Kampf“ ein Verkaufsschlager unter tschechischen Neonazis war. Auf rund 6.000 Aktivisten und 15.000 Sympathisanten kommt das Innenministerium in Prag, verteilt auf die vergangenen zehn Jahre. Dass sie ausgerechnet die Besatzer von einst verehren, verwundert und erschreckt. Doch, was Zboril noch höher gewichtet: Noch fehlt es an einem wirksamen Konzept des Staates gegen rechte Umtriebe.

Autor: Jürgen Webermann
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