Bibliotheken in Tschechien

Alte Bibliothek in Nová Říše

Die traditionelle Bibliothek, die man seit Jahren kannte, ist schon einige Zeit zum Untergang verurteilt. Überleben können nur moderne Institutionen, die dem Zeitgeist der virtuellen Realität entsprechen. Auch in Tschechien ist es nicht anders. Der technologische Mangel, der durch Vernachlässigung dieses Sektors während fast fünf Jahrzehnten des Kommunismus entstanden ist, wird in letzter Zeit verstärkt ausgeglichen. Die westlichen Standards, wie zum Beispiel elektronischer Katalog oder Internetzugang, sind für manche Bibliotheken in Tschechien seit kurzem nichts Neues. Die alte Bibliothek in der Informationsepoche wird langsam zum Anachronismus. Ein Beitrag von Ladislav Kylar.

Alte Bibliothek in Nová Říše
Verstaubte Regale, hoch aufgetürmte Bücher, Feuchtigkeit und Dunkelheit im engen Raum, ab und zu lässt sich irgendwo zwischen den uralten Spinnennetzen wie ein Geist ein Angestellter erblicken. Bild des Chaos und Unterganges. Und überall tote Stille, in der eigene Schritte einem fast Angst einjagen können. Noch vor nicht ganz zehn Jahren eine Realität, die man in manchen Bibliotheken Tschechiens beobachten konnte. Aber seitdem wurde wahnsinnig viel getan. Was gerade geschildert wurde, sieht man fast nicht mal mehr in dem vergessensten Dorf. Doch die Periode des Aufschwungs war hart. Am Anfang der 90er Jahre haben viele Bibliotheken in Tschechien unter schweren Verlusten von Lesern gelitten. Diese Phase scheint aber schon überwunden zu sein. Frau Marie Sírová, Leiterin der Bibliothek der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Prager Karls-Universität, einer der modernsten Bibliotheken in ganzer Hauptstadt.

"Das Interesse der Leser hat in der letzten Zeit endlich angefangen zu steigen, nach vielen Jahrzehnten werden in diesem Land sogar neue Bibliotheken gebaut. Sie müssen sich vorstellen: seit dem Jahre 1928, als die Stadtbibliothek in Prag eröffnet wurde, wurde keine neue Bibliothek mehr gegründet. Die nächste wurde erst Mitte der 90er Jahre gebaut! Jetzt gibt es endlich eine grosse Reihe von neuen Bibliotheken. Mit diesem Trend sind auch viele verschiedene Fachkonferenzen verbunden. Die letzte war zum Beispiel in Olmütz, weil die Olmützer Bibliothek auch eines der neuesten Bibliotheksgebäude im Lande hat. Der Leserzuwachs ist vor allem durch die digitale Vernetzung entstanden. Man hat sich mit den Online-Diensten endlich vertraut gemacht, die Leute können schon über das Internet wichtige Informationen suchen und die Bibliotheken gelten als Vermittler von Informationen. Das ist sogar in kleinen Orten so. Informationen braucht jeder und dadurch sterben die Bibliotheken noch nicht aus, eher umgekehrt. Das Interesse wird noch grösser."

Noch bevor die Zahl der Leser zunahm, mussten sich die tschechischen Bibliotheken den Anforderungen der modernen Informationsgesellschaft anpassen. Dieser Trend wurde schon Anfang der 90er Jahre spürbar, schon kurze Zeit nach der Wende. Methoden, die man in der Branche seit hundert Jahren angewandt hat, schienen plötzlich veraltet. Die Einführung von Computern in Bibliotheken galt in vielen Fällen als Revolution, die zwar einiges erleichtert hat, aber auch enorme Ansprüche an das Bibliothekspersonal stellte. Es geht nicht darum, dass die Bibliothekare und Bibliothekarinnen lernen mussten, wie man mit so einem merkwürdigen Ding umgeht. Das wäre das leichteste. Die wahre Arbeit steckt woanders. Zum Beispiel mussten die Kataloge digitalisiert werden, und von solchen Sachen wie Volltextsuche reden wir lieber gar nicht! Gerade was die Kataloge betrifft, zeigt sich da die Lage der 90er Jahre am Besten. Während dieser Periode sind gleich mehrere Kataloge entstanden, die erst jetzt einigermassen unter sich kommunizieren können. Es gibt zum Beispiel den Katalog Lanius, der die Fachliteratur mehrerer Bibliotheken im ganzen Land beinhaltet, es gibt Fachkataloge von Uni-Bibliotheken, es gibt sogar die Möglichkeit, diese Kataloge auf dem Internet durchzusuchen, aber etwas Zentrales gibt es immer noch nicht. Nur ein Projekt - der sogennante Caslin Katalog, der von der Nationalbibliothek gefördert wird und in einigen Jahren alle einheimischen Kataloge verbinden soll. Das aber ist noch weitentfernte Zukunft. Und die Geschichte? Die war mehr als spannend.

"Es sind ungefähr 5 oder 6 Jahre her, seitdem wir über einen Zuwachs von Lesern sprechen können. Die Bibliotheken sind nach der Wende plötzlich in ein gesetzliches Vakuum geraten. Mit dem Gesetz, das die Bibliotheken verwaltet hat, war damals niemand zufrieden und dabei war es so veraltet, dass es nicht mehr möglich war, sich danach zu richten. Dann kam auch die "schreckliche Sache" - also schrecklich von unser Sicht nur, für die Leser war das natürlich erfreulich - das war die Automatisierung, die damals niemand kannte. Man musste gleich vor Ort Tausend neue Dinge lernen. Vor 10 Jahren wussten die Bibliothekare nicht, wie man einen Computer anschaltet, geschweige denn, wie man damit umgeht. Heute ist eine Bibliothek, die nicht vollautomatisiert ist, nur ganz seltene Ausnahme. Das alles hat uns sehr viel Kraft und Zeit gekostet. Wir mussten die Entwicklung vom der Rest der Welt nachholen. Das haben wir innerhalb von 5 oder 6 Jahren geschafft. Zum Beispiel kann man die tschechischen Universitätsbibliotheken ohne weiteres mit den westlichen Bibliotheken vergleichen, die uns vor 10 Jahren als Vorbild galten. Wir können uns aber nicht nur aus technologischer Sicht mit dem Westen vergleichen, sondern auch was unsere Fonds betrifft, überwiegend in den Fachbibliotheken. Das haben vor allem ausserordentliche Projekte des Schulministeriums ermöglicht. So wurden die verschiedensten elektronischen Datenbanken der ganzen Welt zugänglich. Das einzige, was immer noch geblieben ist, ist der Geldmangel, der uns natürlich viele personelle Probleme bereitet. Weiter ist es die Ergänzung von gedruckten Quellen, was sehr schmerzlich ist vor allem wenn wir durch die elektronischen Medien erfahren, was alles existiert und was wir besorgen könnten. Wir befinden uns momentan in einer ziemlich abenteuerlichen Epoche, aber alle diese Bemühungen haben langsam endlich auch Einfluss auf den Leser. Wenn der Leser ein Buch aus dem Ausland braucht und nicht 3 Monate warten muss bis er an die Reihe kommt, sondern er das Buch in einer Woche abholen kann -bei Artikeln ist es Frage von einigen Stunden- dann ist es etwas ganz anderes als früher und dementsprechend hoch ist auch das Interesse."

Die Aufgabe der Bibliotheken bleibt die gleiche, sagt Frau Sírová. Als Institutionen, die zur Sammlung, Archivierung und Sortierung von Informationen dienen, werden Bibliotheken immer ihre Position bewahren. In der modernen Gesellschaft werden sie noch nützlicher, meint sie. Anders wird nur die Form von Informationsverarbeitung: am Anfang schrieb man mit einem Griffel auf eine Tontafel. Später hat man Papier und Tinte entdeckt. Jetzt haben wir Computertechnik und Internet. Und da kommt gleich die nächstliegende Marketingstrategie zur Anwendung. Bibliotheken sollen in Zukunft ihre Arbeit als nützliche Infodienste präsentieren. Ein ganzer Monat wurde in Tschechien den neuen Bibliotheken gewidmet. März, das war schon seit Jahren ein Monat des Buches. Jetzt steht er unter dem Zeichen von Internet und hat eine eigene Homepage. Die Internetseite wurde inzwischen sehr populär nicht nur unter den Bibliotheken, vor allem auch unter den Lesern und dem Medienbetrieb. Tschechien hat sich - mindestens was ihre Bibliotheken betrifft - in die globale Informationswelt eingegliedert.

"Die Bibliotheken und die Leser hatten keine übertriebene Erwartung. Man kann sogar sagen, sie hatten keine Erwartung. Man hat vermutet, dass man in einer Ortsbibliothek ein Paar Schnulli-Bücher bekommt, in der Fachbibliothek dann Fachbücher. Es hat einige Jahre gedauert, bis die Bibliotheken kapiert haben, was alles möglich ist - von Selbstfinanzierung durch verschiedene Grants bis zu der schon erwähnten Einführung von Computertechnik. Das war wie ein Schock und es dauerte wirklich etwa 6 Jahre, bis sich die Leute zusammengerissen haben. Man sagt, dass das Jahr 1999 ein Umbruch bedeutete. Damals wurde vom Ministerium ein Programm ausgeschrieben, das vor allem den Fachbibliotheken, aber auch anderen den Zugang in die globale Informationswelt verschaffte. Niemand hat bisher geahnt, dass man nicht nur mit den Büchern, die wirklich im Regal stehen, rechnen kann. Ein Traum, den wir vor 8 Jahren hatten, ein Werbeslogan "Virtuelle Bibliotheke ohne Wände", das ist jetzt endlich - zumindest in Universitäts - und Fachbibliotheken zur Realität geworden."

Autor: Ladislav Kylar
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