Das neue Gesicht: Transplantationsmedizin auf umstrittenen Pfaden

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Nicht ganz so kontrovers wie die Stammzellenforschung wird üblicherweise die Transplantationsmedizin diskutiert. Doch gibt es dort einen aktuellen Anlass, der für heiße Debatten sorgt: Die 38-jährige Französin Isabelle Dinoire ist nämlich der erste Mensch, dem Ärzte die Züge einer Toten gegeben haben. Noch nie zuvor haben Mediziner einem Toten ganze Gesichtspartien entnommen und sie danach einer lebenden Person implantiert. Als sie sich zum ersten Mal in der Öffentlichkeit zeigte, dankte die Patientin ihren beiden Ärzten und der Familie der Spenderin. Aber der Eingriff bleibt umstritten. Nadine Baier von Radio France Internationale:

Bewegt und würdevoll trat sie mit ihrer neuen Nase, ihrem neuen Mund und ihrem neuen Kinn vor die 300 Journalisten. Mit einer eigenartigen Stimme, klanglos und monoton, manchmal unverständlich las Isabelle Dinoire ihren Text, neben ihr ihre beiden Ärzte. Isabelle Dinoire:

"Guten Tag allerseits, ich habe mich noch nie in der Öffentlichkeit geäußert und das erscheint mir äußerst schwierig. Aber ich habe Ihnen gewisse Dinge mitzuteilen. Zuvor bedanke ich mich beim gesamten Medizinerteam und beim Personal des Krankenhauses von Amiens, die sich von Beginn an um mich gekümmert haben. Seit dem Tag der Operation habe ich ein Gesicht wie jeder andere. Jetzt kann ich den Mund öffnen und essen. Seit kurzem spüre ich meine Lippen, meine Nase und meinen Mund. Natürlich muss ich noch viel daran arbeiten, um die Muskeln zu reaktivieren. Ich wollte Ihnen auch sagen, dass das alles ohne die Spende nicht möglich gewesen wäre. Ich möchte die Familie ehren und mich entschuldigen für die Beleidigungen, die sie ertragen musste in Folge dieser Premiere. Trotz ihres Unheils, ihrer Trauer, hat sie es akzeptiert, Menschen in Not ein zweites Leben zu schenken. Dank ihr öffnet sich eine Tür in die Zukunft für mich und für andere. Danke an alle."

Die Narbe ist sichtbar, die Unterseite ihres Gesichtes bewegt sich fast nicht, den Mund kann sie nicht schließen. Viel Make-up bedecken das Gesicht der kleinen blonden Frau. Doch Isabelle Dinoire fühlt sich, nach eigenen Aussagen, mit dem Gesicht der Toten, schöner als zuvor. Eine stabile Psyche sei Voraussetzung für den Erfolg einer solchen Transplantation. Ob die Mutter zweier Töchter diese wirklich hat, bleibt bis heute unklar.

Rückblick: Die 14 und 17 Jahre alten Töchter verlassen die Mutter nach einem Streit abends, um bei der Großmutter zu übernachten. Isabelle Dinoire nimmt Schlaftabletten und verliert das Bewusstsein. Als sie erwacht, möchte sie sich eine Zigarette anzünden. Sie hält nicht zwischen ihren Lippen. Erst dann sieht sie die Blutlache neben sich, ihre Hündin, und beim Blick in den Spiegel, bricht sie zusammen: Ihr Gesicht ist völlig entstellt, die Mundpartie zerfleischt. Wie es letztendlich zu der Hundeattacke kam, ist unklar.

Die ältere Tochter unterstellt der Mutter Suizidabsichten. Der Starchirurg Jean-Michel Dubernard bestreitet das. Der gelernte Urologe erregte bereits 1998 mit der ersten Handtransplantation Aufsehen und sitzt für die konservative Regierungspartei im französischen Parlament. Zunächst habe auch er Bedenken gehabt, doch als er Isabelle zum ersten Mal sah, habe er keine Sekunde mehr gezögert. Wenn sie die Wohnung verließ, trug sie eine Gesichtsmaske. Der Starchirurg Dubernard über das Ergebnis:

"Im Moment verlaufen die Dinge sehr zufriedenstellend. Sie hatte eine Abstoßungsreaktion, die jedoch klassisch für alle Transplantationen ist, wir haben das leicht in den Griff bekommen. Also im Augenblick sind wir sehr zufrieden, aber das ist eine Premiere, und wir wissen nicht, was morgen passiert."

Kritiker meinen, die Frau sei ein erhebliches Risiko eingegangen. Ein Transplantatversagen sei nicht auszuschließen. Dann stünden nur noch sehr eingeschränkte rekonstruktive Möglichkeiten zur Verfügung. Für das Ärzteteam bedeutet die Operation neuen Elan in der Organtransplantation. Der Chirurg Bernard Devauchelle:

"Wir sind glücklich über das positive Ergebnis, weil wir wissen, dass es jeden Tag Anfragen gibt. Wir wissen auch - und das ist ein wichtiger Faktor - dass die Transplantation die Organsspenden anderweitig nicht beeinträchtigt hat. Ganz im Gegenteil! Familien von Menschen im Hirntodzustand haben angeboten, Herz, Leber oder Niere zu spenden, manche haben sogar spontan einen Teil ihres Gesichts angeboten. Wenn diese Transplantation einen positiven Effekt auf die Organspenden hatte, also dann glaube ich haben wir es geschafft. Wir kämpfen in diese Richtung und machen weiter."

Die Zahl der Kritiker ist jedoch groß. Es sei hochproblematisch, so die französische Tageszeitung "Libération", mit dem Gesicht einer Toten zu leben. Emmanuel Hirsch, Professor für medizinische Ethik in Paris, lehnt das überstürzte Experiment ab, da die Patientin sich, anders als etwa bei einer Herz- oder Lebertransplantation, nicht in einer lebensbedrohlichen Lage befunden habe. Dubernard meinte jedoch, die Verletzungen seien so kompliziert gewesen, dass rekonstruktive Operationen schlichtweg unmöglich gewesen wären.