Das verschwundene Prag

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Prag, wie man es heute nicht mehr erleben kann, kann man in einer Ausstellung besichtigen, die zur Zeit in der Waldstein-Reitschule in Prag stattfindet. Neben den im 19. Jahrhundert abgerissenen Gebäuden und Moldau-Brücken, kann man sich jedoch in der Ausstellung auch mit einigen nie verwirklichten architektonischen Plänen und Visionen bekannt machen. Wir laden Sie nun in die Ausstellung ein, die Ende des Jahres im Rahmen des Projektes "Prag - europäische Kulturstadt 2000" installiert wurde.

Bis 1784 bestand Prag aus vier selbständigen Nachbarstädten - der Altstadt, der Neustadt, der Kleinseite und dem Hradschin. Erst durch einen Erlass des Kaisers Josef II. wurde aus den vier Städten ein einziger Verwaltungskomplex gebildet, zu dessen Zentrum das Altstädter Rathaus geworden ist. Die historischen Vorstädte von Prag haben sich während des 19. Jahrhunderts allmählich in selbständige Städte verwandelt. Wegen der bestehenden Stadtmauer konnten sie jedoch Prag nicht angeschlossen werden. Unter den ersten Gemeinden, die sich Prag angeschlossen hatten, waren Vysehrad im Jahre 1883, Holesovice-Bubny im Jahre 1884 und schließlich Liben 1901. Mit dem Gesetz über Groß Prag aus dem Jahre 1920 wurde die selbständige Entwicklung der Vorstadtgemeinden und Städtchen beendet.

Die von Kaiser Josef II. verwirklichten Reformen, die sich auf die Vereinheitlichung der Prager Selbstverwaltung und eine Einschränkung der Kirchenorden und Pfarrsprengel konzentriert hatten, führten dazu, dass viele bedeutende historische Sehenswürdigkeiten verschwanden. Sie wurden entweder abgerissen oder zu anderen Zwecken umgebaut und damit als Kulturdenkmäler beschädigt.

So wurde z. B. das Neustädter Rathaus nach 1800 für die Zwecke des Strafgerichts und anderer Behörden im klassizistischen Stil umgebaut. Erst um das Jahr 1905 wurde die historische Fassade wieder erneuert. Die ursprünglich romanische, aufgehobene Kirche St. Martin in der Mauer wurde zu Wohn- Geschäftszwecken genutzt. Um das Jahr 1905 wurde die Kirche im neugotischen Stil umgebaut.

Ein selbständiges Kapitel stellt in der Ausstellung über das verschwundene Prag die Moldau dar. Der Fluss - hatte die Stadt nicht nur verziert, sondern ihr auch bedeutend gedient - heißt es in der Ausstellung. Die Stadt brauchte den Fluss für die Betreibung vieler Handwerke - es wird an die Mühlen, Gerbereien, Ziegelfabriken sowie an den Holztransport erinnert. Aus dem Flussboden gewann man Sand und von dem eingefrorenen Fluss wurde Eis für die Bierbrauereien und für die Metzger gebrochen.

Um die häufigen Überschwemmungen zu verhindern, begann man seit Mitte der 40er Jahre des 19. Jahrhunderts höheres Ufer und neue Brücken zu bauen. Die ursprüngliche Flussszenerie mit natürlichen Ufern verschwand und Moldauufer sind zu wichtigen Straßen und auch Korsos geworden. Von den verschwundenen Brücken ist die Kettenbrücke Franz I. zu nennen, die 1839 erbaut und 1899 niedergerissen wurde. Sie wurde durch eine steinerne Brücke - die heutige Brücke der Legionen ersetzt. Ähnlich wurde der 1868 errichtete Rudolfs eiserne Brückensteg 1914 abgerissen und durch die heutige Manes-Brücke ersetzt.

Mehrere Dokumentarbilder zeigen die Entwicklung des Prager Stadtverkehrs. Seit dem Ende des 18. Jahrhunderts benutzten die Prager nach dem französischen Vorbild zweispännige Droschken - die sog. "Fiaker". Vor der Mitte des 19. Jahrhunderts begannen ihnen einspännige Droschken für zwei Personen zu konkurrieren. Die ersten Automobile - also Kutschen mit Benzinmotor - tauchten in der Mitte der 90er Jahre des 19. Jahrhunderts auf.

Die erste Linie der Pferdebahn, die von dem Porici-Tor zur Kettenbrücke führte, wurde 1875 in Betrieb genommen. Die erste elektrische Straßenbahn fuhr in Prag zum ersten Mal nach dem Projekt von Frantisek Krizik 1891 im Rahmen der Landesjubiläumsausstellung. Die letzte Pferdebahnlinie wurde 1905 aufgehoben. Aber die Linien der elektrischen Straßenbahn wurden geändert. Über die Karlsbrücke fuhr eine Tram zum letzten Mal 1908, über den Altstädter Ring 1960 und über den Wenzelsplatz 1980.

Wo und wie haben die Prager einst ihre Freizeit verbracht? Auch dies wird in der Ausstellung dokumentiert. Im Frühjahr und im Sommer unternahmen die Prager meistens Ausflüge in die nahe oder auch entferntere Umgebung der Hauptstadt. Neben Familienausflügen gab es auch organisierte Ausflüge, die z.B. von dem Turnverein Sokol veranstaltet wurden. Das Ziel waren bekannte Gartenrestaurants, kulturelle Sehenswürdigkeiten oder Freilichttheater. Im Winter - oder genauer gesagt - in der Zeit vom Dreikönigstag bis zum Mittwoch vor Ostern wurden von verschiedenen Vereinen und Berufs- und Interessenorganisationen Bälle und Maskenbälle veranstaltet. Der beliebteste Ballsaal befand sich auf der Sophieninsel.

Prag hatte einst einen festen Kalender der Jahrmärkte und Kirmessen - zu den populärsten gehörte die St. Matthäus-Kirmes - die in der gleichnamigen Kirche im Stadtteil Dejvice am ersten Sonntag nach dem 24. Februar gefeiert wurde. Dann folgte das St. Joseffest, das auf dem Josefsplatz einige Tage nach dem 19. März begangen wurde. Am Ostermontag wurde die sog. Emmaus-Kirmes auf dem Karlsplatz gefeiert. Im Nusle-Tal fand am ersten Dienstag nach Ostern immer das Schneiderfest mit dem Titel "Slamnik" - zu deutsch etwa "Strohsack" - statt. Am nächsten Tag haben dann am selben Ort die Schuster das sog. Fidlovacka veranstaltet.

Eine St. Johannes-Feier mit Prozession, die vom Altstädter Ring zum Veitsdom führte, wurde am 16. Mai organisiert. Im Prokopius-Tal am Stadtrand feierte man an dem ersten Sonntag nach dem 4. Juli die St. Prokopius-Kirmes, ein traditionelles Volksfest stellte dann die St- Margarethenkirmes dar, die am Sonntag nach dem 13. Juli im Wildgehege Hvezda/Stern gefeiert wurde. Das St. Wenzelsfest spielte sich am 28. September vor allem auf dem königlichen Weg. Und Anfang Dezember gab es früher genauso wie heute noch den Weihnachtsmarkt auf dem Altstädter Ring.

Verschwundene, jedoch in ihrer Zeit berühmte Bierbrauereien, Kneipen und Kaffeehäuser sind ein weiteres Thema der Ausstellung. Im 19. Jahrhundert gab es in Prag Dutzende von kleinen Bierbrauerein mit Gaststätten, wo Bier nur für den lokalen Verbrauch gebraut wurde. Über diese kleinen Brauereien kann man heute nur noch in den Erinnerungen der Zeitgenossen lesen. Zum Beispiels gab an der Ecke des Wenzelsplatzes mit der Stepanska-Strasse die Bierbrauerei "U Primasu". Abgerissen wurde sie 1931. Ein trauriges Schicksal hatten auch einige bekannte Prager Cafes, in denen berühmte Literaten zusammentrafen - wie z.B. das Cafe ARCO in der Hybernska-Strasse.

Wie anfangs erwähnt wurde, kann man sich in der Ausstellung auch mit nicht verwirklichten architektonischen Projekten und Visionen vertraut machen. So kann hier auch die verschiedensten Entwürfe zum Umbau, bzw. zur Vollendung des Altstädter Rathauses besichtigen. Das Gebäude des Altstädter Rathauses gehörte immer zu den Nationalsymbolen. Der neugotische Flügel von den Wiener Architekten Nobil und Sprenger entsprach nicht dieser Auffassung.

Am Anfang des 20. Jahrhunderts befassten sich die Architekten mit verschiedenen Entwürfen zum Umbau des ganzen Rathausgebäudes zwischen dem Kleinen und dem Altstädter Ring. Beim architektonischen Wettbewerb im Jahre 1909 erweckte das futuristische Projekt des damals 29-jährigen Architekten Josef Gocar eine besondere Aufmerksamkeit. Die von ihm entworfene 90 Meter hohe stufenartige Pyramide, die das Bild der Altstadt hätte bedeutend verändern können, deutete den Beginn eines neuen architektonischen Stils - des Kubismus - an.

Das erste Visionärprojekt, das Prag als einen urbanistischen Komplex betrachtete, waren die Studien über Groß Prag vom Architekten Antonin Balsanek. Einige Studien entstanden parallel mit Balsaneks Arbeit an dem Regulierungsplan der Kleinseite und des Hradschins in den Jahren 1902-1908. Seine Entwürfe wurden jedoch kritisiert und nachdem er 1909 den Posten des Leiters des Regulierungsbüros aufgeben musste, konzentrierte er sich in den Jahren 1913-1919 auf seine eigene Vision von Groß Prag. Auf den unbebauten Flächen plante er Verschiedenes zu errichten. So sollte z. B. auf dem Letna-Plateau die Technische Hochschule erbaut werden. Auf dem Weißen Berg wollte Balsanek einen Volkspark und einen Stadion für den Turnverein Sokol errichten.

Ein anderer tschechischer Architekt Max Urban schuf während der Kriegsjahre 1915-1917 eine Vision der Stadt für eine Million Einwohner. Urban entwarf auf 75 gezeichneten Plänen und 30 Blättern Begleittext einen fungierenden Organismus, der an einen Körper erinnerte. Sein Skelett stellte der Fluss mit dem historischen Stadtkern und der Eisenbahn dar. Wohnhäuser waren die Muskel, das Verkehrsnetz bedeutete den Kreislauf, die Verwaltungs-, Kultur- und Sozialgebäude waren eine Art Nervensystem und die Parkanlagen und Gärten funktionierten wie die Lunge der Stadt. Diese urbanistische Utopie wurde 1919 im Palais Lucerna präsentiert und entfesselte eine heftige Diskussion zum Thema, wie die Hauptstadt der selbständigen Republik aussehen soll.