Die Stimme, die fünf Kontinente verband: Das Erfolgsgeheimnis der Auslandssendungen von Radio Prag
Der Auslandssender des Tschechoslowakischen Rundfunks war keine Einbahnstraße, in der Infos und Musik einfach im Äther verflossen. Von Beginn an entstand ein lebendiger Dialog zwischen Prag und der Welt. Tausende Briefe täglich, ein treues Publikum in Afrika und Lateinamerika, Hörerklubs auf Kuba oder tschechoslowakische Matrosen auf hoher See – sie alle fanden auf den Rundfunkwellen aus Prag Freude, Inspiration und die Verbindung zu einer anderen Welt.
Die damalige Arbeit beim Prager Rundfunk rückblickend zu bewerten, fiel den Machern nicht immer leicht. Dennoch dachte der Schriftsteller Arnošt Lustig, der in den 1950er Jahren für Radio Prag arbeitete, im Jahr 1966 mit Nostalgie an die Atmosphäre zurück.
„Als ich bei dem Auslandssender angefangen habe, wurde dort ein Witz erzählt: Mehrere Dutzend Menschen würden dort arbeiteten, nur damit ein griechischer Bauer das Programm hören könne. Doch das stellte sich wirklich nur als Witz heraus. Die Briefe, die bei uns eingingen, sind in Wirklichkeit eine Art Literatur.“
Tigerfell und kubanische Zigarren: Wie die Verbindung zur Welt begann
Schon ganz zu Beginn, also im Jahr 1936, fand die Stimme aus Prag sofort ihre Zuhörer, und die ersten Rückmeldungen ließen daher nicht lange auf sich warten. „Bereits nach dem ersten Monat des Probebetriebs erhielt unser Sender Hunderte von Briefen aus allen Teilen der Welt, erinnerte sich der damalige Redakteur Josef Cincibus an den Erfolg.
Zwischen dem Sender und seinen Hörern entstand bald eine starke Bindung. In der Prager Redaktion trafen Briefe und gelegentlich auch kleine Geschenke ein. „Ich erinnere mich wie heute, dass uns während des Sokol-Treffens ein Hörer aus Kuba besuchte. Er hieß Juan Mata, also auf Slowakisch Jano Mata, und brachte mir eine Kiste mit hervorragenden kubanischen Zigarren mit“, erinnerte sich der ehemalige Radiosprecher Juro Horvát. Ein wirklich außergewöhnliches Geschenk erhielt auch die damals populäre Ansagerin Zdeňka Walló. Der einstige Redakteur František Kamil Zeman beschrieb: „Eines Tages traf an ihre Adresse beim Tschechoslowakischen Rundfunk eine große Kiste ein. Sie sah wie ein Tresor aus und war innen mit Blech ausgekleidet. Und darin lag ein weiches und wunderschön gefärbtes Tigerfell. Von einem echten Tiger.“
Von Swahili bis zu den Hörerklubs in Afrika und Asien
Als Radio Prag nach dem Zweiten Weltkrieg in den Äther zurückkehrte, stieg die Zahl der Sendesprachen. Die Hörer konnten die Beiträge nicht nur auf Englisch, Deutsch und Französisch verfolgen, sondern es kamen auch Arabisch, Swahili und sogar die südamerikanische indigene Sprache Guaraní hinzu. Der damalige Direktor des Auslandsrundfunks, Vladimír Vipler, prophezeite im Jahr 1975: „Wir haben Hörer auf allen Kontinenten der Welt. Ihre Zahl geht in die Millionen.“
Durch regelmäßige Wettbewerbe ermöglichte der Sender Traumreisen in die Tschechoslowakei. Die persönlichen Begegnungen mit den Gewinnern sorgten für bewegende Momente: „Wir haben einen jungen Mann aus Guinea namens Djaloma Madukone begrüßt, ich erinnere mich noch daran. Wir brachten ihn hoch auf den Hradschin. Als er Prag und die vielen alten Häuser sah, konnte er das nicht verstehen. Er sagte: Warum reißt ihr diese Häuser nicht ab?“, berichtet die damalige Redakteurin Pavla Jazairiová.
Der Kontakt zu den Hörern war auch ein Instrument ideologischer Einflussnahme – insbesondere nach der Gründung der Radio-Prag-Hörerklubs. Diese entfalteten ihre Aktivitäten besonders in den Ländern der Dritten Welt, die stark mit dem Sozialismus liebäugelten. Gerade das Hören der tschechoslowakischen Auslandssendungen habe ihnen gewissermaßen ein Muster für den Aufbau des Sozialismus geliefert, erläutert der Radio-Historiker Tomáš Pánek.
In den 1960er und 1970er Jahren gab es weltweit rund 600 Hörerklubs von Radio Prag. Der Sender schickte ihnen jährlich 200.000 Briefe mit Werbematerialien zu. Die Klubs selbst standen in regem Austausch mit der Redaktion. „Die Tätigkeiten sind sehr unterschiedlich, zum Beispiel spielen sie Fußball in unseren Farben. Wir haben etwa nach Damaskus T-Shirts mit der Aufschrift Radio Prag geschickt“, so Chefredakteurin Jana Špíšková.
Pilzesammeln und Nachrichten auf hoher See
Nicht alle Hörer von Radio Prag lebten nur für die Politik. Insbesondere die Sendungen nach Westeuropa mussten ideologisch gemäßigter sein. „Wir hatten eine Sendung, in der wir typische spanische Musik spielten, Flamenco und Ähnliches. Darauf gab es sehr starke Reaktionen“, merkt Antonio Casado an, der jahrelang in der spanischen Redaktion tätig war. Und Ivana Vonderková fügt hinzu: „Die Hörer hatten überhaupt keine Vorstellung vom hiesigen Alltag. Deshalb haben wir auch über die positiven Seiten gesprochen: dass die Menschen also sehr kulturbewusst leben, Sport treiben und dass Wochenendhäuser sowie das Pilzesammeln beliebt sind. Vor allem bestand Interesse an den Burgen und Schlössern.“
Ein eigenes Kapitel waren die tschechischen Seeleute. „Der Funker fing unsere Nachrichten ab. Diese Nachrichten wurden dann auf der Schreibmaschine abgetippt und an der Wandzeitung ausgehängt, wo die Seeleute sie lesen konnten“, schildert Redakteurin Zdeňka Kuchyňová. „Es war ein feierlicher Moment, als wir nachts mitten auf dem weiten Ozean der tschechischen Musik und dem tschechischen Wort lauschten, die aus der fernen Heimat gesendet wurden“, zitierte der Techniker Karel Koníček aus einem Brief eines Seemanns.
Unvergessen: Der Weg des Radios von 1989 bis heute
Nach der Wende von 1989 veränderten sich sowohl die Landkarte als auch die Gewohnheiten der Welt radikal. Die Hörerklubs gingen ein, und im Laufe der 1990er Jahre verschwanden auch die tschechoslowakischen Seeleute. Doch die Prager Wellen schlugen weiterhin an internationale Ufer, und Fans nutzten Reisen nach Europa gern für einen Besuch direkt an der Quelle.
„Es kamen etwa 30 Leute aus Australien, stellten sich im Foyer auf und sangen ein patriotisches Lied über das schöne böhmische Land. Niemand hatte sie dazu aufgefordert, sie hatten es einfach im Blut“, soweit Jozef Kubeczka.
Hörerbriefe schreiben aber nicht nur tschechische Landsleute, sondern auch Ausländer. Zu Besuch bei Radio Prag International war beispielsweise Wolfgang Brodöhl aus München, der die Auslandssendungen aus der Tschechoslowakei seit 1968 hörte: „Ich hatte Kontakt zu vielen Sendern, aber Radio Prag, das war mein Herz.“
Nostalgie und Verbundenheit überleben ungeachtet der vergehenden Zeit: „Wir haben eine sehr liebe Zuschrift aus Barcelona erhalten. Die Tochter eines über 90 Jahre alten Herrn schrieb, dass er sich immer noch daran erinnert, wie er einst eine Nähmaschine von Radio Prag bekommen habe. Und zwar als Sachpreis in einem Wettbewerb,“ schildert der Leiter der spanischen Redaktion, Daniel Ordoñez.
Die Stimme von Radio Prag International lebt weiter, wenn auch in digitaler Form. Das beweist eine E-Mail, die den Sender gleich zu Beginn des Jubiläumsjahres 2026 erreichte: Ein Hörer aus Ägypten gratuliert darin zum 90. Jahrestag und wünscht dem Sender viele weitere erfolgreiche Jahre.
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