1. Mit dem Mikrophon gegen Hitler: Radio Prag entsteht zur Verteidigung der Tschechoslowakei

Am 31. August 1936 um zehn Uhr morgens wandte sich der technische Direktor Eduard Svoboda erstmals auf Englisch an die Hörerinnen und Hörer in aller Welt. Kaum jemand ahnte damals, dass damit eine Tradition geschaffen wurde, die neun Jahrzehnte andauern sollte.

Zu Beginn der Auslandssendungen war im Äther überwiegend Musik zu hören, gelegentlich ergänzt durch Ansagen in verschiedenen Weltsprachen. Bald entstanden auch die ersten publizistischen Sendungen, wobei aber noch etwas im Hintergrund stand: die Notwendigkeit, die Wahrheit über die junge Tschechoslowakische Republik zu verteidigen.

Ivan Dubovický | Foto:  Barbora Navrátilová,  Radio Prague International

Die 1930er Jahre waren eine Zeit des technologischen Fortschritts, aber auch zunehmender internationaler Spannungen. Die Tschechoslowakei sah sich Angriffen ausländischer Radiosender ausgesetzt, die die Grenzen, die Politik und sogar die Existenz des Landes in Frage stellten. „Das Außenministerium war sich bewusst, dass es auf diese Angriffe reagieren und gleichzeitig auch die positive Propaganda über die Tschechoslowakei im Ausland verstärken muss“, sagt der heutige Direktor der Abteilung für öffentliche Diplomatie im tschechischen Außenministerium, Ivan Dubovický. Die Sendungen aus Prag verfolgten demnach drei Hauptziele: die Welt zu informieren, den Kontakt zu den Landsleuten aufrechtzuerhalten und den tschechoslowakischen Botschaften im Ausland zu dienen.

Karel Koníček  | Foto: APF Tschechischer Rundfunk

1937 wurden die Sendungen in ein „europäisches“ und ein „amerikanisches“ Programm aufgeteilt. Es wurde täglich nach Europa und dienstags und freitags nach Amerika ausgestrahlt. Schon damals waren die Nachrichten Teil jeder Sendung, die auf Tschechisch, Slowakisch und Englisch gesprochen wurden. Einmal wöchentlich erfolgte außerdem eine Sendung auf Ruthenisch, um auch Hörer aus der Karpatenukraine, die damals zur Tschechoslowakei gehörte, in den USA zu erreichen.

Die ersten Reaktionen trafen überraschend schnell ein. Der Techniker Karel Koníček erinnerte sich später in einer Hörersendung an die Freude über die ersten Briefe aus Übersee, die in Prag ankamen: „Wir wussten nicht, ob uns überhaupt jemand hören würde. Und dann kamen Ihre Briefe mit der frohen Botschaft, dass Sie uns gehört haben.“ Der Kurzwellensender wurde zu einer Brücke zwischen der Heimat und den Menschen, die sie verlassen hatten.

QSL 2023 | Foto: Radio Prague International

Mit dem Herannahen des Krieges gewannen die Auslandssendungen an Bedeutung. Die NS-Propaganda verbreitete Lügen über die tschechoslowakische Regierung und Präsident Edvard Beneš und stellte die Tschechen als eine Nation dar, die nicht zu einer eigenständigen Existenz fähig sei.

Josef Martínek | Foto: University of Chicago,  Archives of Czechs and Slovaks Abroad

Radio Prag wurde zur Stimme des Widerstands. Nach der Münchner Konferenz im September 1938 wandte sich Josef Martínek, ein ehemaliger Organisator des tschechoslowakischen Widerstands in den USA, an seine Landsleute im Ausland. Er warnte vor dem, was kommen würde – und er sollte Recht haben.

Wenige Monate nach dem Münchner Abkommen marschierte die deutsche Wehrmacht in die Tschechoslowakei ein. Die Radiosendungen ins Ausland wurden noch kurze Zeit fortgesetzt, dann aber verstummte die Stimme aus Prag.

Zdeňka Walló

Die Mitarbeiter von Radio Prag waren von harten Repressionen betroffen. Die bekannte Moderatorin Zdeňka Walló etwa kam in einem Konzentrationslager ums Leben. Der Auslandsdienst des Tschechoslowakischen Rundfunks wurde erst nach dem Zweiten Weltkrieg wieder vollends aufgenommen.

Autor: Jaromír Marek
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