„Sie ist ein Kind von uns“ – Instrumentenbauer Grenzing über die neue Orgel im Prager Veitsdom
Im Prager Veitsdom wurde am Montag während eines Festgottesdienstes die neue Orgel gesegnet. Sie wurde von dem Geld Tausender Spender finanziert. Das imposante Musikinstrument hat 5755 Pfeifen und 121 Register. Gebaut wurde es vom gebürtigen Deutschen Gerhard Grenzing, der seine Werkstatt in der Nähe von Barcelona hat. Kurz vor der Orgelweihe am Montag hat Martina Schneibergová im Veitsdom mit Gerhard Grenzing gesprochen.
Herr Grenzing, woran haben Sie im ersten Moment gedacht, als Sie diesen Auftrag für den Prager Veitsdom bekommen haben?
„Natürlich waren wir sehr froh, aber um froh und glücklich zu sein, muss man erst das Werk vollenden. Und das hat zehn Jahre gedauert. Das ist eine langsame Entwicklung der ersten Ideen, der Verwirklichungen des Designs, des Klanges. Somit baut sich ein Kunstwerk erst langsam auf. Mein erstes Gefühl war eine große Freude und auch gleichzeitig dieses Gewicht der Verantwortung, die wir haben, um hier eine große und schöne Orgel zu bauen.“
Haben Sie sich bei den Vorbereitungen auf den Bau der Orgel für Prag auch andere Orgeln in Tschechien angeschaut?
„Wir haben uns andere Orgeln hier im Land angesehen und angehört, um zu wissen, wie der Geschmack, das Interesse und die Vorliebe für tschechische Klänge sind.“
„Selbstverständlich, denn wir kommen nicht anders in ein Land, als wenn wir in ein Haus kommen. Wir klopfen an die Tür: Dürfen wir hereinkommen? Was erwarten Sie von uns? Somit haben wir uns andere Orgeln hier angesehen und angehört, um zu wissen, wie der Geschmack, das Interesse und die Vorliebe für tschechische Klänge sind. Und diese Orgeln haben wir untersucht. Wir haben sie auch gedanklich gespeichert, um sie dann später wiedergeben zu können. Denn, wie gesagt: Wir kommen irgendwo hin, sind aber Besucher und ganz bescheiden. Wir versuchen in diesen Momenten den Erwartungen, die an uns gestellt werden, zu entsprechen. Und dazu gehört ebenso die Antwort auf die Erwartung des Klanges, der auch mit der tschechischen Geschichte und mit der Entwicklung der Orgeln in diesem Land etwas zu tun hat.“
Für einen Laien ist es wahrscheinlich schwierig zu erkennen, dass es sogar einen regionalen Orgelklang gibt. Wie entsteht er?
„Der Klang einer Orgel ist sehr intim verbunden mit der Sprache, mit dem sprachlichen Ausdruck. Deshalb gehen wir auch auf den Marktplatz, um zu hören, wie die Leute sprechen, welche Phonetik sie haben. Damit wissen wir zumindest, welcher Klang ihnen zusagt, was sie lieben. Und natürlich können wir das nicht sofort umsetzen, aber zumindest gedanklich müssen wir das mit in unser Konzept hineinnehmen.“
Die Orgel haben Sie in Ihrer Werkstatt in Spanien gebaut. Hat das einen besonderen Grund, dass Sie nach Spanien gezogen sind?
„Die Orgel ist in Spanien gebaut worden, weil ich dort lebe. Ich bin nach Spanien gegangen, weil dort so wunderschöne historische Orgeln sind, die uns auch sehr viel gezeigt haben, von denen wir viel gelernt haben und mit denen wir zusammengelebt haben, wenn wir sie restaurierten. Und das ist der Moment, wenn man wieder etwas aufnehmen kann, sich inspirieren kann. Inspirieren heißt ja einatmen. Ich atme das ein, was ich höre, was ich sehe, und versuche es wiederzugeben. Zusammen mit meinen Mitarbeitern, mit meiner Familie und so weiter.“
Muss ein Orgelbauer auch ein Organist sein?
„Für einen Orgelbauer ist es wichtig, ein musikalisches Gefühl und Erinnerungsvermögen für Klänge zu haben.“
„Nein, aber die Orgelbauer müssen musikalisch sein. Es ist das Wichtigste, dass man ein musikalisches Gefühl hat, dass man aufnahmefähig ist und ein Erinnerungsvermögen für Klänge hat. Ich kann Gesichter nicht gut wiedererkennen, aber alle Klänge.“
Was hören wir jetzt gerade bei der Orgelstimmung?
„Jetzt ertönt eine Trompete – eine von den mehr als 5700 Pfeifen –, und sie klingt sehr gut. Sie muss ein wenig gestimmt werden. Das macht gerade in diesem Moment ein Mitarbeiter von uns, der aus Stuttgart kommt, aber schon seit 25 Jahren bei uns ist und unser völliges Vertrauen hat. Ich höre diese Klänge rein, silbrig und warm. Das ist ja auch wichtig dabei: ein warmer Klang, der uns verbindet, der uns umarmt.“
Die Orgel wird bei Konzerten erklingen, aber auch als Begleitinstrument für den Gesang der Gläubigen beim Gottesdienst. Gibt es dazwischen einen Unterschied?
„Musikalische Qualität ist immer musikalische Qualität, die uns erreicht und die uns glücklich macht.“
Spielte das Rosettenfenster bei der Gestaltung des ganzen Musikinstruments auch eine Rolle?
„Wir spielen mit dem Rosettenfenster. Wir gehen ein wenig hinaus, ein wenig wieder zurück. Das Rosettenfenster gibt seine Farbe an die metallischen Pfeifen ab. Das ist alles ein Zusammenspiel. Es gibt nichts, was für sich unabhängig ist, sondern alles kommt zusammen und spielt zusammen.“
Die Pfeifen sind aus verschiedenen Materialien, meist aus Metall, aber auch aus Holz. Welches Holz haben Sie hier benutzt?
„Das ist meist Kiefernholz und Eichenholz – Kiefernholz, weil es gut schwingt, und Eichenholz, weil es sehr statisch, sehr stabil ist und die kräftigen Töne abgeben kann.“
Wissen Sie von Anfang an, was für Material Sie benutzen, oder müssen Sie das erst ausprobieren?
„Das Leben bedeutet zu suchen, zu probieren, sich zu inspirieren. Der Weg ist nie zu Ende. Aber es war ein langes Suchen und ein langer Weg, bis wir dorthin gekommen sind, dass die Orgel jetzt so klingt, wie sie klingt.“
Sie haben viele Orgeln für große Sakralbauten gebaut. Gehört diese Orgel zu den Höhepunkten Ihrer Arbeit?
„Jede Orgel ist ein Höhepunkt. Jede Orgel wird zu einem Kind von uns.“
„Jede Orgel ist ein Höhepunkt. Jede Orgel wird zu einem Kind von uns. Aber während wir dieses Kind kreieren, versuchen wir an diese Herausforderung zu kommen, an die Spitze der Möglichkeiten dessen, was erwartet wird und was wir machen können. Und das nimmt uns völlig ein.“
Konnten Sie während der Zeit, in der Sie an der Orgel für Prag gearbeitet haben, noch an einem anderen Musikinstrument arbeiten?
„Leider sind wir heute vielspurig. Während wir jetzt diese Orgel hören, haben wir gleichzeitig im Hinterkopf ein Projekt irgendwo auf der Welt, das wir gerade ausarbeiten. Und irgendwann fällt uns eine gute Idee ein, die wir aufschreiben – meine Mitarbeiter, meine Tochter und ich. Es ist immer eine Entwicklung, die einen Schritt weiter und immer vorwärts führt.“
Sie haben gesagt, eine Orgel sei so etwas wie Ihr Kind. Werden Sie hierher zurückkommen, um auf das Kind aufzupassen oder zu erfahren, wie es ihm geht?
„Sicher. Ich frage immer – wie beispielsweise im Fall unserer Kathedralorgel in Mexico City. Sie hat uns 14 Jahre unseres Lebens gekostet. Aber ich freue mich immer, wenn ich erfahre, dass dort gute Konzerte waren. Die Orgel ist gut, sie wird von einem Schüler von uns gepflegt. Dann ist alles gut.“
Es ist immer noch möglich, eine der Orgelpfeifen im Veitsdom zu adoptieren. Mehr erfahren Sie unter www.svatovitskevarhany.com/en
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