Erkennungsmelodien, Spejbl, Esperanto und Čapek – bunte Kapitel aus der Geschichte der Auslandsendungen

Aufnahme der Friedensbotschaft „an alle Menschen guten Willens“. Von links nach rechts, stehend: Otakar Matoušek, Karel Čapek und Vincenc Lesný; im Vordergrund, sitzend: František Křižík (24. Dezember 1937)

Bei Radio Prag waren von Anfang an auch wichtige Persönlichkeiten zu hören sowie interessante Sprachen und eine berühmte Melodie zur Senderkennung.

Foto: APF Tschechischer Rundfunk

Mit seinen Auslandssendungen wollte der Tschechoslowakische Rundfunk von vornherein die ganze Welt ansprechen – und manchmal auch sehr konkrete Hörer. An Heiligabend 1937 meldeten sich der Erfinder František Křižík und der Schriftsteller Karel Čapek aus Prag. Ihre Botschaft adressierten sie an Albert Einstein und Rabindranath Tagore.

František Křižík | Foto: Archiv des Tschechischen Rundfunks

Čapeks Stimme, die nur in einer einzigen Aufnahme überliefert ist, und Křižíks Glaube an den Fortschritt zählen zu den eindrucksvollsten Momenten des Rundfunks der Vorkriegszeit. Der siebte Teil der Serie „Prag sendet in die Welt! 90 Jahre im Äther“ erinnert daran, dass die damaligen Kurzwellen nicht nur ein politischer Apell waren, sondern es wurde auch über Eishockey, Kultur und Wissenschaft gesprochen.

Karel Čapek und Olga Scheinpflugová  | Foto: Karel Čapek-Gedenkstätte

Die Propaganda bringt die Mikrofone zum Schweigen

Nach 1939 änderte sich der Tonfall der Sendungen drastisch. Die NS-Propaganda hielt Einzug in den Äther, vertreten durch den Kommentator Georg Schneider. Dennoch traten in den letzten Monaten des Sendebetriebs auch herausragende Stimmen in Erscheinung – etwa der Dichter Konstantin Biebl, der 1941 seine Verse für die Hörer in den USA vortrug.

Kurz danach stoppten die Nationalsozialisten die Auslandsendungen. Einige Rundfunkmitarbeiter wie František Kocourek bezahlten ihre Arbeit mit dem Leben.

Während der sechs Jahre der nationalsozialistischen Verfolgung kamen fünfzehn Mitarbeiter des Rundfunks ums Leben. Einer von ihnen war der Reporter František Kocourek  (in der Mitte) | Foto: APF Tschechischer Rundfunk

Nach dem Krieg

Nach 1945 wurde Radio Prag zu einem Instrument des kommunistischen Regimes. Dennoch wirkte dort eine Reihe bemerkenswerter Persönlichkeiten.

Die Journalistin Yvette Joye und der Künstler Jean Effel in Karlsbad   (1954) | Foto: Jiří Rublič,  ČTK

Arnošt Lustig arbeitete dort „zur Strafe“, weil versucht hatte, ein Fernsehgerät aus der UdSSR zu schmuggeln. Die Redaktion wurde von Jurij Gagarin, Che Guevara, Luis Corvalán und Álvaro Cunhal besucht. 1960 kam der französische Karikaturist Jean Effel nach Prag, der in den Sendungen die „harmonische Entwicklung Prags“ lobte. Zwei Jahre später gewährte der Schriftsteller Louis Aragon dem Rundfunk ein Gespräch, der in Karlsbad an seiner Sammlung „Elsa“ arbeitete.

Der Präsident der Republik Antonín Novotný  (4. von links) empfing am 3. September 1962 auf der Prager Burg den Schriftsteller Louis Aragon  (3. von links) und seine Frau,  die Schriftstellerin Elsa Triolet  (2. von links). | Foto: Jiří Rublič,  ČTK

Von Esperanto zum Trickfilm

Karel Höger | Foto: APF Tschechischer Rundfunk

Die Auslandssendungen boten auch tschechischen Künstlern einen Raum – bisweilen sogar in unerwarteten Sprachen. Bereits in der Vorkriegszeit strahlte Radio Prag Sendungen auf Esperanto aus. Der Schauspieler Karel Höger zählte zu begeisterten Förderern dieses Vorhabens. Ende der 1940er Jahre sprach er den Erzählertext für eine Esperanto-Fassung von Antonín Dvořáks „Rusalka“ ein – in Esperanto unter dem Titel „Najadó“.

Höger trat auch in den Sendungen für die Exiltschechoslowaken auf, wo er sich an seine Kindheit im Brünner Stadtteil Královo Pole erinnerte. 1963 las er eine Betrachtung mit dem Titel „Der Dank eines Schauspielers“ vor, die er dem Prager Nationaltheater widmete.

Jiří Trnka | Foto: APF Tschechischer Rundfunk

Im Jahre 1960 sprach Jiří Trnka, der Künstler und Regisseur von Puppen-Trickfilmen, über seinen Streifen „Der Sommernachtstraum“. Die Resonanz im Inland war hervorragend, während sie im Ausland noch ungewiss war. Trnka kritisierte die „Überpsychologisierung“ des westlichen Kinos.

1962 trat in den Sendungen auch das Puppen-Duo Spejbl und Hurvínek auf. Jiřina Skupová beschrieb, wie Hurvínek 1926 zu seinem Vater Spejbl stieß – als hölzerner Kopf mit Glatze und großen Ohren, den der Holzschnitzer Gustav Nosek an Josef Skupa übergab.

Josef Skupa mit den Puppen Hurvínek und Spejbl | Foto: Spejbl-und-Hurvínek-Theater

Erkennungsmelodien als Bestandteil der Identität

Die Erkennungsmelodien stellen ein interessantes Kapitel dar. Das ist allerdings kein Wunder – sie sind die akustische Visitenkarte, die die Identität eines Senders prägt.

Zuerst hatte der Radiosender keinen Namen, er meldete sich als „Prager Kurzwellensender“, und als Erkennungsmelodie diente ein Motiv aus Antonín Dvořáks „Sinfonie aus der Neuen Welt“. Dasselbe Motiv hat dann Radio Prague International ab 2022 in seiner neuen Erkennungsmelodie wiederaufgegriffen.

Helena Markusová  (2012) | Foto:  Martin Štěrba,  Josef Horázný,  ČTK

Über Jahrzehnte hinweg – von den 1950er Jahren bis 1989 – bildete das kommunistische Lied „Kupředu levá“ (Vorwärts links) die Grundlage für die Erkennungsmelodie von Radio Prag. Etwas paradoxerweise fand diese Melodie sogar Eingang in die Popkultur. Der Begründer der britischen Band OMD, Andy McCluskey, erinnerte sich, dass er als Teenager Sendungen der Propagandasender aus Osteuropa aufnahm. Das OMD-Album Dazzle Ships (1983) wurde von der neuen Original-Erkennungsmelodie von Radio Prag eröffnet.

Helena, deren Stimme auch auf der Aufnahme zu hören ist, ist Helena Markusová, ehemalige Redakteurin der englischen Sendungen von Radio Prag. Die Band OMD nahm die Erkennungsmelodie sogar zusammen mit dem Liverpool Symphony Orchestra auf.

Autor: Jaromír Marek
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