Von den Sendemasten in Poděbrady zur Manie um Karel Gott: Wie Radio Prag den Äther eroberte
Am Anfang stand die Kurzwelle, über die die Auslandssendungen jahrzehntelang verbreitet wurden. Zum besonderen Erfolg wurde jedoch das „Interprogram“.
Die Sendungen von Radio Prag International lassen sich heute störungsfrei übers Internet anhören. Früher war unserer Sender jedoch über ein kleines technisches Wunder in Form der Kurzwelle mit seinen Fans verbunden. Gerade mit ihnen ließen sich große Entfernungen überbrücken. Oldřich Číp stand viele Jahre lang an der Spitze der internationalen Organisation, die die Vergabe von Kurzwellenfrequenzen an die einzelnen Radiosender koordiniert:
„Kurzwellen breiten sich nicht geradlinig entlang der Erdoberfläche aus, sondern durch Reflexionen an der Ionosphäre – einer Umgebung in den oberen Schichten der Atmosphäre. Dort wird der Funkenergiestrahl gebrochen und wieder zur Erdoberfläche zurückgelenkt. Für die Strecke nach Nordamerika benötigen wir zum Beispiel drei solcher Refraktionen zwischen der Ionosphäre und der Oberflächenstruktur der Erde oder des Ozeans“, erläuterte Číp vor einiger Zeit.
Jeff White löste den Tschechen dann an der Spitze der Organisation ab, die den Kurzwellenrundfunk unterstützt.
„Die Sprünge können lang sein, Tausende von Kilometern, sodass man mit einem 50- oder 100-kW-Sender buchstäblich die ganze Welt erreichen kann“, so White.
Der US-Amerikaner hat selbst reiche Erfahrung mit dem Hören und dem Betrieb von Kurzwellensendern. Zu seinem Beruf und Hobby kam White überhaupt erst dank Radio Prag:
„Ich habe im Alter von zwölf Jahren angefangen, Kurzwellenrundfunk zu hören, als ich in Indianapolis im US-Bundesstaat Indiana lebte. Meine Eltern hatten ein Mehrbandradio, das auch mehrere Kurzwellenbänder hatte. Eines Nachts beschloss ich nachzuschauen, was dort so gesendet wird. Und das Erste, was ich hörte, war das englischsprachige Programm von Radio Prag.“
Kurzwellensignal aus Poděbrady
Zum Boom des Kurzwellenrundfunks kam es in den 1930er Jahren. Großbritannien und Italien begannen, auf diese Weise in ihre Kolonien zu senden. Zu den ersten erfolgreichen Versuchen der Tschechoslowakei mit der neuen Medientechnik kam es im Sendezentrum von Poděbrady in Mittelböhmen. Und zwar mithilfe von zwei 150 Meter großen Sendemasten…
„Es war im Jahr 1936, als das Ministerium für Post und Telegrafen die Hörer und die Öffentlichkeit mit der Nachricht überraschte, dass in seinem Radiozentrum in Poděbrady mit dem Testen unserer ersten transozeanischen Verbindung auf Kurzwelle begonnen wurde“, erinnerte sich Karel Koníček, einer der ersten Rundfunktechniker hierzulande.
Ausgenommen einer mehrjährigen Unterbrechung während der deutschen Besatzung im Zweiten Weltkrieg lief der Kurzwellen-Auslandsdienst ununterbrochen bis zum 31. Januar 2011, also 75 Jahre lang. Dann musste die damalige Leitung von Radio Prag diese Technik schweren Herzens aufgeben, und zwar aus rein finanziellen Gründen. Miroslav Krupička leitete damals den Sender:
„Das Senden über Kurzwelle ist schlichtweg extrem teuer, weil sehr viel Energie aufgewendet werden muss. Es kostete Millionen, beziehungsweise zig Millionen Kronen pro Jahr.“
Ideologie im Rhythmus westlicher Hits
Über Kurzwelle konnten die Sendungen von Radio Prag nur im Ausland empfangen werden, in der Tschechoslowakei war dies nicht möglich. Zur sehr wichtigen Ausnahme wurde dann das sogenannte Interprogram. Es entstand am 8. Januar 1972 als Nebenprodukt des Auslandsdienstes. Die offizielle Beschreibung klang zugleich unschuldig wie zielgerichtet:
„Es ist auf Westeuropa ausgerichtet und auch auf Touristen, die ihren Urlaub in der Tschechoslowakei verbringen. Sie werden auf diese Weise nicht nur über das Geschehen in der Tschechoslowakei und im Ausland informiert, sondern wir bieten auch Serviceleistungen wie den Wetterbericht an und spielen Lieder für sie, damit ihr Urlaub noch angenehmer vergeht“, beschrieb Jana Špíšková, damals stellvertretende Chefredakteurin von Radio Prag.
Das Interprogram von Radio Prag war ein Volltreffer. Verpackt in das attraktive Gewand eines Hit-Musiksenders verbreitete es kommunistische Propaganda auf unaufdringliche und für die Hörer akzeptable Weise. Weiter berichtet Václav Richter, der in der französischen Redaktion arbeitete:
„Es ging immer stundenweise, und jede Redaktion – die tschechische, französische, englische und deutsche – hatte in dieser Stunde eine Viertelstunde Sendezeit. Man begann also mit Tschechisch, und da gab es in der ersten Stunde am Anfang immer fünf Minuten Nachrichten und dann zehn Minuten Musik. Danach folgten fünf Minuten Nachrichten auf Deutsch und zehn Minuten Musik, und so weiter.“
Bei der Arbeit in der internationalen Redaktion musste man allerdings gerade ab der zweiten Hälfte der 1970er Jahre viele ideologische Kröten schlucken, die nicht allen schmeckten…
„Zu dieser Zeit wollte ich wirklich oft beim Radio aufhören, weil es schrecklich unangenehm und bedrückend war, überhaupt hier zu arbeiten. Selbst wenn wir die Kommentare nicht selbst geschrieben haben, mussten wir sie leider oft vorlesen“, erinnert sich Vávlav Richter.
Anderen wiederum gefiel die relative gestalterische Freiheit, wie zum Beispiel Jana Hořínková anmerkt, eine der ersten Redakteurinnen des Interprograms:
„Dieses Programm zu machen war für mich ziemlich gut. Wir haben 40 Prozent westliche Musik gespielt. Es gab auch ein bisschen Adrenalin, denn Live-Sendungen bringen dies natürlich immer mit sich.“
Skandal um „Shaddap You Face“
Während die Dramaturgen des Interprograms ab Mitte der 1980er freiere Hände bekamen, mussten sie sich in den Jahren davor hüten, Songs der roten Liste mit dem Namen „Embargo“ zu spielen. Darüber wachten die Zensoren mit scharfen Augen, dennoch kam es immer wieder zu großem Geschrei. Rgeisseurin Hořínková amüsiert sich auch heute noch über die Aufregung, als sie nach einem Interview mit der Vorsitzenden des tschechoslowakischen Frauenverbandes den italo-australischen Song „Shaddap You Face“ spielte. Der Titel bedeutet so viel wie „Halt deine Klappe“:
„Wir strahlten das Interview aus, und dann lief die Stationsansage, also ‚Hier Radio Prag Interprogram‘. Danach habe ich das Lied eingespielt. Etwa eine Stunde später rief mich mein Chef völlig fertig an: ‚Das Zentralkomitee hat angerufen, wir müssen das sofort… Stoppt das, spielt ab jetzt Blasmusik, spielt nichts anderes mehr!‘“
Goldene Stimme aus Prag und schlaue Hörer
Das Interprogram wurde schnell sehr beliebt. Und die größte Fangemeinde saß unmittelbar hinter der Grenze – in Deutschland. Václav Richter erinnert sich:
„Die Kollegen aus der deutschsprachigen Redaktion wurden von Briefen geradezu überschwemmt, weil das Interprogram in gewissem Maß zu einer Art, ich würde sagen, Radiostation von Karel Gott wurde.“
Während die Hörer in Westdeutschland ganz wild auf die „Goldene Stimme aus Prag“ waren, war dies für einige Redakteure eine gewisse Tortur…
„Samstags und sonntags gab es immer das Wunschkonzert, was – wenn man nach unserem Geschmack ging – angesichts der Vorlieben der Hörer manchmal ziemlich anstrengend war. Ich konnte nämlich schon als Kind Karel Gott nicht besonders ausstehen, und jetzt hatte ich dort immer eine ordentliche Dosis von ihm, jeden Samstag oder Sonntag“, gesteht Martina Schneibergová aus der deutschsprachigen Redaktion.
Da das Interprogram auch in der Tschechoslowakei empfangen werden konnte, wurde es für die Menschen so etwas wie ein Fenster in eine fremde Welt. Dabei wussten die Fans hierzulande, wie sie sich die dümmliche Propaganda ersparen konnten. Das zeigte sich in den Umfragen, die der Tschechoslowakische Rundfunk machte. Mitte der 1980er Jahre arbeitete auch der spätere Rundfunkmanager Petr Dvořák als Musikredakteur beim Interprogram. Er berichtet amüsiert:
„Wenn die Nachrichten im Interprogram liefen, nutzten die Hörer die Zeit, um sich kurz einen Kaffee zu kochen oder mal auszutreten. Danach hörten sie wieder 13 Minuten lang begeistert zu.“
Das Interprogram von Radio Prag war 20 Jahre lang auf Sendung. Nach 1989 reduzierte man die Anzahl der Sprachen auf Deutsch, Englisch und Französisch. Im April 1992 wurde der Sendebetrieb des Interprograms von Radio Prag dann endgültig eingestellt.
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