Eishockey und Karel-Vlach-Orchester: Herta Kallenbach erinnert sich an die Jugend in Nordböhmen

Foto: J. Heller, Archiv des Popmuseums

Die nordböhmische Stadt Litoměřice / Leitmeritz und das hessische Fulda sind durch eine Städtepartnerschaft verbunden. In der Region von Fulda leben mehrere „Altleitmeritzer“, die aus Böhmen stammen. Auch Herta Kallenbach ist eine „Altleitmeritzerin“. Sie war ein junges Mädchen, als sie mit ihrer Familie 1945 auf Umwegen nach Fulda gelangte. Das folgende Gespräch mit Herta Kallenbach entstand im Mai 2012 bei ihr zu Hause. In Fulda wurde damals eine Ausstellung über die zerstörten Sakraldenkmäler Nordböhmens eröffnet, und Frau Kallenbach nahm an der Vernissage teil.

Třebenice mit dem Berg Košťál (Foto: Juan de Vojníkov, Wikimedia CC BY-SA 3.0)
Frau Kallenbach, was ist das für ein Gemälde?

„Das ist meine Heimat, das ist der Košťál / Kostial. Am Fuße des Berges gibt es Aprikosenbäume. Die Aprikosen gedeihen dort sehr gut, aber an anderen Orten in der Umgebung nicht. Der Ort am unteren Bildende ist Trebnitz / Třebenice. Dort haben wir bis 1945 gelebt.“

Wie kommt es, dass Sie sowohl Deutsch als auch Tschechisch sprechen? Haben Sie es in der Kindheit gelernt?

„Tschechisch habe ich ganz einfach gelernt - von den Nachbarkindern. Zudem hatte ich eine Tante, die mit uns tschechisch gesprochen hat. Das war damals ganz normal, dass wir tschechisch sprechen konnten. Die Tschechen konnten deutsch und die Deutschen tschechisch, jeder, wie er es eben gelernt hat. Wir haben wunderbar zusammengelebt – geschäftlich sowie nachbarschaftlich.“

Karel Vlach mit seinem Orchester (Foto: J. Heller, Archiv des Popmuseums)
Ich habe gehört, dass Sie Musik sehr gern haben. Haben Sie in der Kindheit auch tschechische Musik im Radio gehört?

„Musik war meine große Liebe. Ich saß immer bis Mitternacht am Radio und habe sämtliche tschechische Lieder gehört. Bis heute kann ich viele davon singen.“

Wer war damals für Sie der große Musikstar?

„Das war Karel Vlach mit seinem Orchester, das tschechische Musik gespielt hat. Viele Schlager habe ich damals gelernt, denn ich war ein junges Mädchen und der Musik sehr zugeneigt.“

Foto: Santeri Viinamäki, Wikimedia CC BY 3.0
Konnte man damals auch tanzen gehen?

„Nein, während des Krieges war das nicht möglich.

Stimmt es, dass Sie auch Eishockey gespielt haben?

„Ja, schon. Wir hatten in Trebnitz einen Teich, der in zwei Hälften geteilt wurde: die linke war fürs Publikum und die rechte für Sportler. Dort habe ich als Schulmädchen den tschechischen Nationalsport Eishockey gespielt.“

War es üblich, dass auch Mädchen Eishockey mitspielten?

„Eigentlich nicht. Aber ich bin immer eingesprungen, wenn ein Spieler gefehlt hat. Ich war sehr flink, konnte mich bewegen und Schlittschuh laufen konnte ich auch sehr gut.“

Verfolgen Sie Eishockey immer noch?

„Ich habe auch später im Fernsehen Eishockey verfolgt. Der Sport gehört zu meiner Jugend und zu meiner Heimat.“

Ausstellung über zerstörte Sakraldenkmäler Nordböhmens (Foto: Martina Schneibergová)
Sind Sie damals zur deutschen Schule gegangen?

„Ja. Wir hatten in Trebnitz eine zwölfklassige deutsche Bürgerschule. Die Tschechen hatten tschechische Schulen. Aus der Umgebung, dem Böhmischen Mittelgebirge, kamen deutsche Kinder nach Trebnitz zur Schule. Denn das waren kleine Orte, wo es keine Schule gab.“

Sie haben sich auch die Ausstellung über zerstörte Sakraldenkmäler Nordböhmens angeschaut. Kennen Sie einige der Orte, die dort gezeigt werden?

Schloss in Třebívlice (Foto: Martina Schneibergová)
„Ich habe die Orte nicht besucht, aber weiß, wo sie sind. Die Ausstellung ist übrigens sehr interessant.“

Kennen Sie Třebívlice / Trieblitz?

„Dort wohnten mein Onkel und meine Cousine – im Haus gleich gegenüber dem Schloss, das Ulrike von Levetzow gehört hatte.“

In ihrer Heimatstadt Trebnitz wurde inzwischen ein Museum für böhmische Granate errichtet.

Granatstein (Foto: Archiv der Masaryk-Universität Brünn)
„Das wurde nach dem Krieg in der früheren evangelischen Kirche eingerichtet. Granate wurden zu meiner Zeit im Nachbarort Podsedice / Podseditz abgebaut. So schön rot leuchten nur die Granatsteine aus Böhmen. Ich kenne sie immer heraus.“

Wenn man sich die Landschaft vor ihrem Haus anschaut, hat man den Eindruck, dass sie doch ein wenig an Nordböhmen erinnert. Meinen Sie nicht?

„Das Böhmische Mittelgebirge und die Rhön sind einander ähnlich. Die Rhön ist auch vulkanischen Ursprungs. Nur gibt es hier kein Obst wie im sogenannten ´Böhmischen Obstgarten´, der von Leitmeritz die Elbe entlang führt.“

Fulda (Foto: Martina Schneibergová)
Seit mehreren Jahren gibt es gute Kontakte zwischen Leitmeritz und Fulda. Sie sind bestimmt auch in diesem Bereich aktiv.

„Ja, ich bin Mitglied im Freundeskreis Leitmeritz – Fulda und im Heimatverein Leitmeritz. Die jüngeren Menschen, die hier geboren sind, haben Verständnis dafür, was ihnen die Eltern über Böhmen erzählen, aber sie fühlen anders als wir Älteren.“

Besuchen Sie die Region von Leitmeritz und vor allem Ihren Heimatort?

„Ich besuche mein Zuhause fast jedes Jahr, allerspätestens jedes zweite Jahr. Denn: To je můj domov.(‚Das ist mein Zuhause‘).“