Entstehung einer Industriemetropole: Buch über die Geschichte der Stadt Kladno
Kladno liegt vor den Toren Prags und ist die größte Stadt des Kreises Mittelböhmen. Früher war sie als Industriemetropole bekannt, vor allem die Poldi-Hütte war über die tschechoslowakischen Landesgrenzen hinaus ein Begriff. Doch zur Geschichte der Stadt gibt es bis heute keine einschlägige Monographie. Nun hat der Historiker Filip Bláha die erste ausführliche Darstellung über die Entwicklung von Kladno verfasst und vergangene Woche vorgestellt.
Filip, du hast hier im Rathaus dein Buch über die Geschichte von Kladno vorgestellt. Was ist an der Entwicklung der Stadt deiner Meinung nach besonders interessant?
„Am interessantesten finde ich die Fähigkeit der Stadt, sich immer wieder nach einer längeren Zeit neu zu erfinden. Kladno musste dies mehrmals in der Geschichte schaffen. Von einem kleinen, unbedeutenden Städtchen verwandelte es sich zu einer Industriemetropole. Nach 1989 gab es einen großen Bruch, ähnlich wie es ihn auch im Ruhrgebiet oder anderswo gegeben hat. Hier verschwand die Schwerindustrie fast über Nacht, und die Stadt musste sich neu orientieren. Das hat sie auch geschafft.“
Dein Buch ist in vier große Kapitel unterteilt, die die historischen Epochen der Stadt repräsentieren. Das erste heißt „Les“, also Wald. Warum?
„Weil die Ursprünge von Kladno wirklich im Wald liegen. Hier, wo wir jetzt sitzen, war überall dichter Wald. Und eigentlich kommt auch der Name Klad-no von einer Tätigkeit mit Holz. Scheinbar wurde hier Holz gelagert. Oder – das ist eine weitere Theorie – es gab dort, wo später ein Dorf entstanden ist, eine Siedlung von Köhlern.“
Verschlafenes Städtchen
Die nächste große Entwicklung ist dann die Erhebung von Kladno zur Stadt im Jahr 1561…
„Konkret zu einem Städtchen, das war noch eine Zwischenstufe. Es war eher ein Dorf mit bestimmten Merkmalen einer Stadt – wie zum Beispiel einem Markt oder einem Rathaus, in dem Recht gesprochen wurde. In diesem Zustand blieb Kladno relativ lange, fast 300 Jahre lang. Erst die Entdeckung von Steinkohle und vor allem die Gründung von Hüttenwerken brachten der Stadt eine rasante Entwicklung und auch ein schnelles Wachstum.“
Kannst du ein paar Zahlen nennen?
„Eigentlich hat die Entwicklung von Kladno jene von anderen Industrieorten in der Habsburger Monarchie kopiert. Solche Industriestädte wurden einfach dort aufgebaut, wo es Rohstoffe gab. Und am Anfang geschah dies sehr chaotisch. Vor allem entstanden neue Betriebe, und erst dann wurden Straßen angelegt oder eine bestimmte Infrastruktur, die die Einwohner brauchten, wie beispielsweise Wasserleitungen und Kanalisation. Noch Mitte des 19. Jahrhunderts war Kladno ein sehr ruhiges Örtchen mit höchstens 1500 Einwohnern. Und zu Ende des Jahrhunderts war es bereits ein industrielles Zentrum mit 20.000 Einwohnern, wobei die angrenzenden Ortschaften nicht mitgezählt wurden. Das heißt, die Agglomeration hatte insgesamt über 50.000 Einwohner. Sie gehörte zu den größeren Industriestädten in den Böhmischen Ländern.“
Wittgenstein und die Poldi-Hütte
Es gibt auch einen – zumindest vom Namen her – wichtigen Bezug zu Deutschland beziehungsweise zu Österreich: Karl Wittgenstein, der die Poldi-Werke gegründet hat. Vielleicht kannst du etwas zu ihm sagen…
„Karl Wittgenstein ist wirklich eine interessante Erscheinung. Seine Geschichte und die seiner Familie wären mindestens einen Film von Netflix oder von Hollywood wert. Sie ist auch die eines unermüdlichen Drangs nach oben. Wittgenstein hat das größte Eisenwerk Österreich-Ungarns aufgebaut und war ebenso Mitbegründer des damaligen Eisenkartells. Vor allem hat er aber auch Kunst und Musik stark gefördert. Er hat zum Beispiel den Pavillon der Wiener Secession zur Hälfte finanziert, zudem in großem Stil Werke von Gustav Klimt und Max Klinger gekauft und Komponisten wie Johannes Brahms oder Gustav Mahler unterstützt – genauso wie seine Kinder. Das bekannteste von ihnen ist sicher Ludwig Wittgenstein, der Philosoph aus Cambridge. Aber hier in Kladno hat Karl Wittgenstein mit der Gründung eines Stahlwerks – das er nach seiner Frau Leopoldine eben ‚Poldi‘ nannte – neue Wege eingeschlagen. Damit schuf er eine Stadtlegende, ohne es zu wissen. Denn dieses Werk wurde Jahrzehnte später, nach 1945, zum bedeutendsten Arbeitgeber hier in der Region. Und bis heute sind die Leute darauf stolz, dass sie bei Poldi gearbeitet haben.“
Pläne für Musterstadt der Nazis
Du hast in deinem Buch auch beschrieben, was die Nationalsozialisten nach der Besetzung von Böhmen und Mähren mit der Stadt vorhatten.
„Kladno sollte in eine Muster-Industriestadt verwandelt werden. Das hing auch mit den städtebaulichen Überlegungen zusammen, die im Prager Bauamt entwickelt wurden. Prag sollte zu einer Metropole auferstehen, mit einem Ring von industriellen Vororten um sie herum. Die Nazis wollten hier in Kladno eine Heimat für die ‚deutschen Volksgenossen‘ aufbauen – eine neue Siedlung, die komplett der nationalsozialistischen Ideologie untergeordnet war. Es war nicht wie zum Beispiel in Wolfsburg, wo eine Siedlung für 90.000 Arbeitenden entstehen sollte. Sondern der Maßstab war bedeutend kleiner, und letztlich beteiligte sich nur die Poldi-Hütte. Dennoch sollte nicht weit von hier entfernt eine Mustersiedlung entstehen. Aber auch das Zentrum der Stadt, die von den Nazis als nicht repräsentativ eingestuft wurde, sollte komplett verändert werden. Am Ende kam es nicht dazu, weil der Krieg schneller voranschritt als gedacht. Letztlich wurden nur zwei Straßen der Siedlung gebaut. Daher stehen noch heute einige typische Häuser mit sächsischen Spitzgiebeln hier, weil sich die Architekten in Sachsen inspirieren ließen.
Interessanterweise brachte der tschechoslowakische Architekt Václav Hilský in den 1960er Jahren ebenfalls die Idee auf, das Stadtzentrum komplett umzubauen und die alten Gebäude abzureißen. Es sollte hier eine Plattenbaustadt entstehen. Auch dazu kam es nicht, aber Kladno hatte lange mit diesem Erbe zu kämpfen. Zu Ende der 1980er Jahre war das Stadtzentrum eigentlich eine Ruine. Das ging sogar so weit, dass hier zwei Produktionsfirmen Filme über Stalingrad gedreht haben – eine sowjetische und später, zu Beginn der 1990er Jahre, eine deutsche.“
Grünanlagen und Sport
In welcher Weise hat sich Kladno denn während der kommunistischen Zeit verändert?
„Die Stadt hat vor allem in den 1970er Jahren einfach einen riesengroßen konjunkturellen Aufschwung erlebt. Es wurde ein neues Hüttenwerk gegründet, Neubausiedlungen entstanden. Der Eishockeyverein aus Kladno feierte die größten Erfolge seiner Geschichte, er wurde in sechs Jahren fünfmal tschechoslowakischer Meister. Und viele der Spieler – wie Milan Nový – wurden zu weltberühmten Legenden ihres Sports. Mit der politischen Wende von 1989 kam es aber zu einem großen Bruch. Weil die Privatisierung der Werke misslang, verloren viele Menschen plötzlich ihre Arbeit, ihren sozialen Status und die Perspektive. Die Stadt war dann gezwungen, sich irgendwie neu zu erfinden.“
In welche Richtung ist dann in den letzten Jahren die Entwicklung hier in Kladno gegangen?
„Es ist sehr ähnlich wie zum Beispiel im Ruhrgebiet. Auch Kladno hat in Grünflächen investiert und vor allem in den Sport. Das heißt, heute versteht man sich als Sportstadt und als einen Ort für einen angenehmen Aufenthalt im Freien. Die Umgebung der Stadt ist sehr grün. Das war sie auch schon früher, nur jetzt wird darauf noch mehr Wert gelegt.“
Filip Bláhas Buch heißt „Kladno Story – příběh města“ (Kladno Story – Die Geschichte einer Stadt). Es hat 272 Seiten, ist schön bebildert und entstand im Auftrag der Stadt Kladno. Zu bekommen ist der Band im städtischen Informationszentrum und in weiteren kommunalen Einrichtungen.







