Fast vergessen und im eigenen Land vertrieben: mährische Kroaten

Mährische Kroaten (Foto: Offizielle Facebook-Seite der mährischen Kroaten)

Vor dem Zweiten Weltkrieg lebten in der Tschechoslowakei viele ethnische Minderheiten. Eine von ihnen war die Kroaten. Sie waren im 16. Jahrhundert nach Südmähren gekommen - auf der Flucht vor den Türken, die den Balkan eingenommen hatten. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die kroatischstämmigen Südmähren jedoch aus ihren Heimatorten vertrieben.

Nový Přerov / Neuprerau (Foto: palickap, Wikimedia CC BY 3.0)
Jevišovka / Fröhlendorf, Dobré Pole / Guttenfeld und Nový Přerov / Neuprerau – so heißen drei Dörfer nahe der österreichischen Grenze, in denen bis 1945 vornehmlich Kroatisch gesprochen wurde. Dort bildeten Menschen mit kroatischen Wurzeln sogar die Mehrheit. Insgesamt lebten in Südmähren rund um Mikulov / Nikolsburg mehrere Tausend von ihnen. Die drei genannten Kommunen waren wirtschaftlich sehr erfolgreich und relativ unabhängig. Die Lage änderte sich jedoch im 19. Jahrhundert. Dazu Lenka Kopřivová vom „Bund tschechischer Bürger kroatischer Nationalität“:

„Bis 1804 hatten die Kroaten eigene Schulen, in denen neben Kroatisch auch Deutsch und Tschechisch unterrichtet wurde. Dann setzte das Bistum in Brünn aber durch, dass der gesamte Unterricht nur noch auf Deutschen abgehalten wurde. Man argumentierte damit, dass die Gegend überwiegend deutschsprachig sei und den Kroaten zugute käme, Deutsch in Wort und Schrift zu beherrschen. Das Kroatisch war nur für den Religionsunterricht zugelassen. Im 19. Jahrhundert verstärkten sich auch die nationalistischen Tendenzen. Deutsch wurde zur Behördensprache sowie zur Sprache der Gebildeten und der städtischen Mittelschicht. Das alles führte zu einem zunehmenden Germanisierungsdruck. Trotzdem blieb sich diese slawische Minderheit ihres Ursprungs bewusst.“

Mährische Kroaten (Foto: Offizielle Facebook-Seite der mährischen Kroaten)
Gerade der Germanisierungsdruck trieb die Kroaten dazu, ihre Identität zu bewahren. Weiter entlang den Flüssen Thaya und March, wo die tschechische und die slowakische Bevölkerung überwogen, war dies anders. Dort assimilierten sich die Kroaten sehr schnell. Im Bezirk Mikulov / Nikolsburg bemühten sie sich hingegen, zwischen den Deutschen und Tschechen neutral zu bleiben. Sie konnten sich in beiden Sprachen verständigen, und das Zusammenleben verlief problemlos.

Die Lage änderte sich jedoch mit der Entstehung der Tschechoslowakei am 28. Oktober 1918. Nur wenige Tage später kam es zum Versuch, das Gebiet um das heutige Mikulov an Niederösterreich anzuschließen. Prag intervenierte militärisch. Die Region war zu 96 Prozent deutschsprachig, nur in den genannten drei Gemeinden überwogen Kroaten. Die tschechoslowakische Regierung wollte daher mit allen Mitteln dort den Anteil der slawischstämmigen Bevölkerung verstärken. Das Ergebnis fiel aus kroatischer Sicht jedoch fragwürdig aus, meint Lenka Kopřivová:

„In Fröllendorf, heute Jevišovka, entstand 1924 eine große bürgerliche Mittelschule, dort gingen dann auch tschechische Schüler aus der weiteren Umgebung hin. Den Antrag, an der Schule auch Kroatisch unterrichten zu können, lehnte die Regierung ab. Ihre Einstellung zu dieser Minderheit war also rein zweckmäßig. Trotzdem waren die meisten Kroaten loyal gegenüber der Tschechoslowakei. Erst in der zweiten Hälfte der 1930er Jahre verschärfte sich die Lage. Einige Mitglieder dieser Minderheit vom Balkan definierten sich als Deutsche, und das führte zu Spannungen in den kroatischen Dörfern.“

Infolge des Münchner Abkommens im Herbst 1938 ging das Gebiet rund um Mikulov an das Deutsche Reich. Einige Kroaten flüchteten vor Hitler ins Inland der Tschechoslowakei, die Mehrheit jedoch blieb in den Sudetengebieten. Das hatte für sie große Folgen: Sie waren einer absoluten Germanisierung ausgesetzt, an sprachliche oder kulturelle Autonomie war nicht zu denken. Die Männer mussten als Reichsbürger in die Wehrmacht einrücken. Gerade diese Tatsache war für das spätere Schicksal der Kroaten entscheidend.

Lenka Kopřivová (Foto: Archiv Post Bellum)
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die meisten Deutschen aus der Tschechoslowakei vertrieben. Tausende neuer Einwanderer drängten in die Grenzgebiete, wo sie die leeren Häuser und Güter besetzten und somit mühelos zu Eigentum kamen. Besonders Südmähren war für diese „Goldgräber“ attraktiv, da die Landschaft sehr fruchtbar war. Bald gerieten auch die Kroaten unter Druck. Ihre Lage war problematisch – einerseits waren sie Slawen, anderseits wurden ihnen vorgeworfen, mit den Deutschen sympathisiert zu haben. Diese Spannung übertrug sich auch auf die Politik.

„Die Kommunistische Partei stand eindeutig auf der Seite der Einwanderer, denn diese waren meist ihre Wähler. Die anderen Parteien unterstützten hingegen die Kroaten. Das zeigte sich in den Wahlergebnissen von 1946: Die Kommunisten erhielten von den Mitgliedern dieser Minderheit eine Abfuhr. Die Rache folgte auf den Tritt. Die Kommunisten entfachten eine Kampagne und behaupteten, dass alle Kroaten kollaboriert hatten und daher wie die Deutschen vertrieben werden müssten. Dabei wurde auf ihren Dienst in der Wehrmacht hingewiesen. Tatsächlich hatten aber einige von ihnen auch bei der Royal Air Force oder in der Roten Armee gekämpft oder waren in KZs verschleppt worden. Das wurde jedoch verschwiegen. Für die Kommunisten war nur wichtig, dass die Kroaten ihre Gegner waren“, so Lenka Kopřivová.

Foto: ČT24
Die Kommunisten setzten durch, dass nach den Wahlen damit begonnen wurde, die Loyalität der Kroaten zu überprüfen. Dazu wurde eine Sonderkommission gegründet. Das Ergebnis: 168 Menschen wurden als Verräter bezeichnet. Infolge dessen wurden je 65 Güter in Jevišovka und in Nový Přerov konfisziert sowie sechs in Dobré Pole - und ihre Bewohner wurden aus der Tschechoslowakei vertrieben. Für die Vertreibung aller Kroaten bestand jedoch keine rechtliche Grundlage. In den sogenannten Beneš-Dekreten wurden nur Deutsche und Ungarn genannt. Und viele ehemalige tschechische Polizisten, Beamten und Grenzsoldaten aus der Zeit vor dem Krieg bezeugten sogar, dass sich die meisten Mitglieder der Minderheit während des Zweiten Weltkriegs sehr loyal gegenüber der Tschechoslowakei verhalten hatten. Die Kommunisten schlugen daher erst zu, nachdem sie im Februar 1948 die alleinige Macht im Land übernommen hatten. Am 11. Juni des Jahres fand in Mikulov eine Sitzung der Partei- und Staatsfunktionäre statt. Dort wurde entschieden, die Kroaten im Inland zu verteilen und sie so schnell wie möglich zu assimilieren. Im Protokoll der Sitzung heißt es:

Beskiden (Foto: Barbora Kmentová)
„Es wurde entschieden, dass die Umgesiedelten wie Mitglieder eines alten slawischen Stammes behandelt werden sollen, obwohl sie infolge ihres langjährigen Lebens im meist deutschsprachigen Gebiet teilweise der Germanisierung unterlegen sind. Wir erwarten aber, dass sie sich in der neuen tschechischen Umgebung assimilieren werden.“

Ihre neue Heimat wurde vor allem Mittel- und Nordmähren. Sie durften zwar ihr ganzes Eigentum mitnehmen, die Vertreibung empfanden sie trotzdem als große Ungerechtigkeit. Ihr Lebensumfeld änderte sich stark: von der sonnigen und fruchtbaren Gegend im Süden gerieten sie in die rauen Berge der Beskiden oder des Altvatergebirges. Lenka Kopřivová:

Gemeinde Huzová
„Bei der Entscheidung, wohin die Kroaten umgesiedelt werden sollten, galt eine Regel: In keinem Dorf durften mehr als fünf kroatische Familien wohnen. Dadurch sollten die Kontakte untereinander eingeschränkt werden. Diesen Grundsatz einzuhalten war jedoch schwierig, denn 1948 gab es nur wenige leerstehende Häuser. So kam es, dass in der Gemeinde Huzová die Kroaten sogar die Mehrheit bildeten. Zufrieden waren sie dennoch nicht, sie wollten in ihre früheren Dörfer zurückehren. Da dies nicht möglich war, zogen später manche von ihnen an andere Orte in Südmähren, also in die Gegend, die sie kannten.“

Mährische Kroaten in Jevišovka (Foto: Jan Francl, Offizielle Facebook-Seite der mährischen Kroaten)
Bis zur Wende 1989 durften die kroatischstämmigen Tschechoslowaken nicht ihre Kultur pflegen. Erst in der letzten Zeit entdecken einige wieder ihre Wurzeln und bemühen sich, die Bräuche und Traditionen ihrer Vorfahren wiederzubeleben. In Jevišovka entstand sogar ein „kroatisches Haus“, und die Mitglieder der Minderheit auch aus anderen Orten treffen sich dort einmal im Jahr.