Hinrichtung auf dem Altstädter Ring 21. 6. 1621

L'exécution des seigneurs tchèques

Hinrichtung auf dem Altstädter Ring 21. 6. 1621
Wer von Ihnen schon mal in Prag war, dem sind sie vielleicht aufgefallen, die 27 in das Pflaster eingelassenen Kreuze zu Füssen des Altstädter Rathausturmes. Vielleicht haben Sie sich über deren Ursprung gewundert. Nun in den folgenden Minuten erfahren Sie mehr über die Bewandtnis dieser Kreuze. Hören Sie zunächst einmal, wie der tschechische Schriftsteller Alois Jirasek die entsprechenden Ereignisse Ende des 19. Jahrhunderts in einer seiner Geschichten schilderte:

"In der Nacht vom 20. auf den 21. Juni 1621 herrschte überall in Prag Angst und Trauer. Die Strassen waren wie ausgestorben, denn über Prag war Ausgangsverbot verhängt worden. Nur das Klirren der Waffen und schwere Schritte fremder Soldaten durchbrachen die bedrückende Stille. Auf dem Altstädter Ring herrschte reger Betrieb. Bretter und Balken wurden von Wagen abgeladen und zur Platzmitte getragen, wo beim flackernden Licht zahlreicher Fackeln ein Gerüst wuchs. Als es zu dämmern begann, ragte da ein mit rotem Stoff überzogener Galgen empor. Beim Sonnenaufgang donnerte von der Prager Burg ein Kanonenschlag. Ein Zeichen dafür, dass die Exekution beginne. Auf dem Galgengerüst waren dunkle vermummte Gestalten zu sehen - die Henkershelfer und der Totengräber. Schliesslich erschien auch der Henker Jan Mydláø. Alsbald nahmen die kaiserlichen Richter ihre Sitze ein, und die Namen der 27 zum Tode verurteilten Standesherren wurden ausgerufen. Während in den Strassen Prags fremde Soldaten trommelten, beteten in den Häusern die Prager für ihre Getreuen, die 27 Herren, die zur selben Zeit geköpft oder gehängt wurden. Es wird berichtet, dass die hingerichteten Adeligen und Bürger einmal im Jahr, immer in der Nacht vom 20. auf den 21. Juni, auf dem Altstädter Ring erscheinen. Schweigend gehen sie über den Platz zur Kirche, wo sie, vor dem Altar knieend, das Abendmahl in beiderlei Gestalt empfangen. Und so lautlos wie sie gekommen verschwinden sie wieder."

Soweit der tschechische Schriftsteller Alois Jirasek über die Ereignisse jener Nacht vor 380 Jahren, als die Anführer des Ständeaufstandes gegen die katholischen Habsburger gerichtet wurden. 27 Adelige, Herren und Bürger, Tschechen und Deutsche, Protestanten und ein Katholik liessen damals ihr Leben. Bestraft wurden sie dafür, dass sie sich einem Aufstand gegen den rechtmässigen Habsburger Kaiser angeschlossen hatten, der einen religiösen Hintergrund hatte, denn der Kaiser hatte zuvor versucht, die seit Mitte des 15. Jahrhunderts in den Böhmischen Ländern geltende Religionsfreiheit einzuschränken. Der Aufstand hatte am 23. Mai 1618 mit dem berühmten Prager Fenstersturz begonnen und mit der für Tschechen noch heute ein nationales Trauma darstellenden Schlacht am Weissen Berg im November 1620 geendet. In jener Schlacht vor den Toren Prags hatte das Heer der katholischen Habsburger die protestantischen Stände vernichtend geschlagen. Was folgte war eine unbarmherzige Verfolgung aller Aufständischen, ungeachtet ihrer gesellschaftlichen Stellung oder Nationalität. Kaiser Ferdinand II. nutzte seinen militärischen Sieg, um seine Stellung in den aufständischen Böhmischen Ländern zu stärken, den protestantischen Glauben zurückzudrängen und die Macht der Stände ein für alle mal zu brechen.

Alle Personen, die irgendwie an dem Ständeaufstand beteiligt gewesen waren, wurden bestraft. Am schlimmsten traf es dabei drei Herren, sieben Ritter und 17 Bürger, die in den frühen Morgenstunden des 21. Junis 1621 auf dem Altstädter Ring hingerichtet wurden. Bei der Hinrichtung wurde die Etike gewahrt: zuerst waren die Herren dran, dann die Ritter und schliesslich die Bürger. Vier Stunden lang soll die blutige Tortur gedauert haben, vier Schwerter soll der Henker Jan Mydlar dabei stumpf geschlagen haben.

Als erster wurde Joachim Andreas Graf Schlick geköpft, dessen Familie dank der Silberminen im westböhmischen Joachimsthal reich geworden war. Graf Schlick hatte jahrelang am sächsischen Hof als Erzieher des zukünftigen Herrschers Johann Georg gewirkt. Während des böhmischen Ständeaufstands war Schlick recht aktiv gewesen, unter anderem gehörte er zu den Teilnehmern des berühmten Fenstersturzes von 1618. Als nächstes kam Vaclav Budova von Budovec an die Reihe. Dieser hatte sich seit dem Beginn des 17. Jahrhunderts stark für die Einhaltung der Glaubensfreiheit in den Böhmischen Ländern eingesetzt und war einer der Wortführer der Aufständischen gewesen. Als dritter hochgestellter Adeliger verlor Krystof Harant von Polzice und Bezdruzice seinen Kopf. Dieser war am Hofe Kaiser Rudolfs II. Hofmusikant und Gesellschafter Rudolfs gewesen. Für Politik interessierte er sich nicht sehr, doch war er einer der Heerführer der Aufständischen gewesen, das kostete ihn nun seinen Kopf. Alle drei Herren gehörten ohne Zweifel zur geistigen Elite des Landes, alle drei waren weitgereist, hervorragend gebildet, sprachen mehrere Sprachen - und waren Protestanten.

Unter den 7 Rittern war auch der Katholik Divis Cernin von Chudenice. Dieser hatte den verhängnisvollen Fehler gemacht, am 23. Mai 1618 den Repräsentanten der Stände die Burgtore geöffnet zu haben, die dann die drei Vertreter der Habsburger Macht aus Protest gegen die Einschränkung der Rechte der Protestanten aus einem Fenster warfen.

Eines der härtesten Urteile traf Jan Jessenius, den Rektor der Prager Karlsuniversität, der als 16. an die Reihe kam: er wurde nicht nur geköpft, zuvor wurde ihm die Zunge abgeschnitten, ausserdem wurde er nach der Hinrichtung noch geviertelt. Für dieses harte Urteil hatte sich Kaiser Ferdinand persönlich ausgesprochen. Der international angesehene Gelehrte, der 1600 in Prag die erste öffentliche Obduktion durchgeführt hatte, hatte den Zorn des Herrschers erregt, da er sich auf verschiedenen Landtagen gegen die Wahl Ferdinands zum böhmischen König ausgesprochen sowie eine Reihe von scharfen Schriften gegen die Habsburger veröffentlicht hatte.

Die Köpfe von zwölf Hingerichteten wurden in Eisenkörben zur Abschreckung und Warnung an den Altstädter Brückenturm gehängt. Von dort wurden sie erst 10 Jahre später entfernt, als die Sachsen 1631 Prag für kurze Zeit besetzten.

Ferdinand II.
Kaiser Ferdinand II. nutzte seinen Sieg über die aufständischen protestantischen Stände, die ihn, den rechtmässigen Erben, entthront hatten und einen anderen, den "Winterkönig" Friedrich von der Pfalz, gewählt hatten. 166 Adelige liess Ferdinand vollkommen enteignen, weitere 500 verloren einen Grossteil ihrer Güter. Belohnt wurden dagegen seine Getreuen. Diese erhielten grosse Ländereien in den Böhmischen Ländern. Ausserdem bekamen Klöster Ländereien zurück, die sie zur Zeit der Hussitenkriege im 15. Jahrhundert verloren hatten.

Die grössten Gewinner waren wohl Albrecht von Waldstein, Karl von Liechtenstein sowie Johann Ulrich von Eggenberg, die nun grosse Herrschaften ihr Eigen nennen konnten. Aber auch andere Adelsdfamilien setzten damals in den Böhmischen Ländern ihren Fuss, wie die Familien Trauttmansdorff, Thun, Metternich und Clary.

Auch einfache Bürger und Bauern waren betroffen: wer nicht zum katholischen Glauben übertrat, musste das Land verlassen. 1624 wurde der katholische Glaube der einzig anerkannte in den Böhmischen Ländern - immer mehr Untertanen sahen sich gezwungen, zu emigrieren. Rund 150.000 Menschen sollen in den Jahren nach der Niederlage der protestantischen Stände die Böhmischen Länder aus religiösen Gründen verlassen haben. Der wohl bekannteste Emigrant jener Zeit ist Jan Amos Komensky - Comenius. Der Pädagoge und Bischof der Brüderunität liess sich nach einigen Reisen in Holland nieder, wo er 1670 im Alter von 78 Jahren verstarb.

Auch in den Augen der meisten heutigen Tschechen begann damals mit der Niederlage der protestantischen Stände in der Schlacht am Weissen Berg die "Zeit der Finsternis". Als solche werden die knapp 300 Jahre der uneingeschränkten Herrschaft der Habsburger über die Böhmischen Länder bezeichnet, die erst mit der Unabhängigkeit der Tschechoslowakei 1918 endeten. Das einstmals stolze Königreich Böhmen war nach der neuen Landesordnung von 1627 zu einer Habsburger Provinz degradiert worden und hatte die meisten seiner Rechte verloren - auch das der Glaubensfreiheit, für das seine Bewohner seit dem Ketzertod des Jan Hus 1415 gekämpft hatten. Heute erinnern an diese Geschichtsepoche nicht nur die 27 in das Strassenpflaster eingelassenen Kreuze auf dem Altstädter Ring, sondern auch all die prächtigen Barockbauten im Lande. Mit diesen zeigten die katholischen Habsburger ihren böhmischen und mährischen Untertanen, wer der Herr im Lande ist.

Und damit sind wir bereits am Ende unseres Ausfluges in das 17. Jahrhundert.

Autoren: Olaf Barth , Katrin Bock
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