„Integriert, nicht assimiliert“ – die griechische Minderheit in Tschechien

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In der heutigen Tschechischen Republik gibt es eine kleine griechische Minderheit. Sie ging aus Flüchtlingen hervor, die während des griechischen Bürgerkriegs von 1946 bis 1949 evakuiert wurden und eine neue Heimat in Mitteleuropa fanden. Kateřina Králová ist Griechenlandexpertin an der Karlsuniversität Prag, ihre Dissertation hat sie zu den deutsch-griechischen Beziehungen nach 1945 geschrieben. Zudem hat sie ein Projekt der „Geschichtswerkstatt Europa“ mit initiiert und betreut, in dem tschechische Studenten mit den griechischen Flüchtlingen gesprochen und ihre Geschichten aufgeschrieben haben. Die Ergebnisse sind im vergangenen Jahr in einem Sammelband erschienen.

Buch über die Erlebnisse der griechischen Flüchtlinge von Kateřina Králová
Kateřina Králová, Sie sind an der Sozialwissenschaftlichen Fakultät der Prager Karlsuniversität wissenschaftliche Mitarbeiterin, und Sie haben gerade einen Sammelband über Griechen in Tschechien bzw. der Tschechoslowakei herausgegeben. Was war das für ein Projekt?

„Dieses Projekt lief eigentlich schon seit ein paar Jahren und wir haben daran zusammen mit unseren Studenten gearbeitet, Mit einer Gruppe von etwa zwölf Leuten haben wir hauptsächlich Interviews aufgenommen. Es ging also um Oral-History und im Rahmen dieses Projektes haben wir drei Generationen von griechischen Flüchtlingen interviewt, die im Zusammenhang mit dem Bürgerkrieg nach Tschechien gekommen sind. Da sind etwa 60 Interviews zusammengekommen, die jetzt auf das Webportal von Paměť národa (Erinnerung des Volkes, Zeitzeugen-Projekt des Vereins Post Bellum, Anm. d. R.) geladen werden. Zusätzlich ist aus dem Projekt noch ein thematisches Buch entstanden. Dort werden die Erlebnisse der griechischen Flüchtlinge in Griechenland, auf dem Weg nach Tschechien beziehungsweise der Tschechoslowakei oder dann hier im Land beschrieben.“

Griechische Flüchtlinge
Wie viele Griechen sind nach dem Zweiten Weltkrieg in die Tschechoslowakei gekommen?

„Es war eine ziemlich große Gruppe von etwa 12.000 Menschen. Es waren jedoch nicht nur Griechen und das haben wir in unserem Buch auch berücksichtigt: die Gruppe war viel bunter. Tatsächlich sind sehr viele slawische Mazedonier nach Tschechien gekommen, gut ein Drittel der Gruppe waren slawisch sprechende griechische Bürger. Sie sind dann später oft nach Jugoslawien gegangen und sie beziehungsweise ihre Kinder leben heutzutage sehr oft in der Republik Mazedonien. Ein sehr großer Bestandteil der Gruppe waren Kinder, weil die kommunistische Partei in Griechenland, also eine der Gruppen aus dem Bürgerkrieg, die Evakuierung der Kinder organisiert hat. Diese Kinder sind meistens nach Jugoslawien, Rumänien und besonders nach Tschechien gebracht wurden. Ich sage explizit Tschechien, weil die meisten Kinder nach Tschechien gebracht wurden und nicht in die Slowakei. Und sie sind zum Teil bis heute bei uns geblieben.“

Griechische Flüchtlinge in der Tschechoslowakei
Wo genau wurden sie angesiedelt?

„Nach der Abschiebung der Sudentendeutschen aus Tschechien, wurden die verlassenen Dörfer von den griechischen Flüchtlingen besiedelt. Die meisten sind nach Nordmähren gekommen. Da aber sehr viele Kinder ohne Eltern gekommen sind ist eine gewisse Altersgruppe in Kinderheimen untergebracht worden. Es gab einige Dutzend Kinderheime wo die Kinder ihre Jugend verbracht haben.“

Wie sind sie aufgenommen worden und wie hat sich diese Gruppe in die tschechische Gesellschaft integriert?

Griechische Flüchtlinge in der Tschechoslowakei
„Es gab eine Direktive der kommunistischen Partei Griechenlands, dass die Flüchtlinge separiert werden sollten. Deshalb waren die ehemaligen Dörfer der Deutschen sehr praktisch, da die Flüchtlinge eigentlich kein Kontakt zur tschechischen Bevölkerung haben sollten. Mit den Jahren hat sich jedoch gezeigt, dass die Leute nicht so schnell nach Griechenland zurückkehren werden. Als der Krieg dann vorbei und für die kommunistische Partei Griechenlands verloren war, war klar, dass diese Leute langfristig in den osteuropäischen Ländern bleiben werden. Dann hat die Integration angefangen und man kann sagen, dass die Leute sich sehr gut und relativ schnell integriert haben. Soweit wir das in den Interviews feststellen konnten, hatten eigentlich alle sehr gute Beziehungen zu den Tschechen. Sie haben selten Rassismus erlebt, und wenn doch, dann haben das die Zeitzeugen eher in den Kinderjahren verortet. Es ging meist darum, dass die tschechischen Kinder mit den griechischen Kindern Sport getrieben haben und dann natürlich auch böse Worten gefallen sind. Aber das ist nicht unbedingt etwas, was man Rassismus nennen könnte. Die Beziehungen waren schon sehr gut, und die Griechen haben sich sehr gut integriert.“

Kateřina Králová
Welches Bewusstsein haben die Griechen heute in der tschechischen Gesellschaft?

„Ich sage extra integriert, denn diese Menschen haben sich definitiv nicht assimiliert. Sie haben ihre griechische Identität behalten und diese Identität hat sich weiterentwickelt. Deswegen sprechen sie heute davon, dass sie die „tschechischen Griechen“ sind. Das ist eine Bezeichnung, welche sie selbst gewählt haben und die einer Misch-Identität entspricht, also so wie es die meisten Emigranten haben.“

Wie wurde das Projekt von der griechischen Gemeinschaft in Tschechien aufgenommen?

Griechische Flüchtlinge in der Tschechoslowakei
„Natürlich gab es einige Schwierigkeiten, die sehr viel mit dem eigenen Gedächtnis und der Offenlegung, einer „Offizialisierung“ der eigenen Erlebnisse zusammenhängt. Das ist ein bekanntes Phänomen bei allen Oral-History Projekten und war auch bei uns der Fall. Natürlich gab es Leute die gesagt haben: wir sind nicht im Stande über die Vergangenheit zu sprechen. Dabei war nicht ihre Zeit in Tschechien das Problem, sondern der Bürgerkrieg. Das war für sie noch so belastend weil sie dabei so viel Schlimmes erlebt haben. Daher sagen sie, dass es noch nicht überwunden haben und noch nicht offen darüber sprechen können. Im Allgemeinen muss ich aber sagen, dass die Leute sehr offen waren. Unsere Studenten waren begeistert und es war sehr schön, wie sich die neue und die alte Generation im Rahmen dieses Projekts begegneten – noch dazu mit einer Gruppe von Menschen, die eigentlich eine Minderheit ist, die oft aber fließend Tschechisch spricht oder Tschechisch als Muttersprache verwendet. Die Studenten wurden sehr positiv aufgenommen und haben eine sehr schöne Zeit verbracht. Und sie sind mit den Zeitzeugen bis heute im Kontakt. Ich bin sehr froh, dass das Projekt auch menschlich ein Erfolg war und nicht nur wissenschaftlich.“

Griechiesche Gemeinschaft in Brünn
Die Gruppe definiert sich selbst als „Tschechische Griechen“. Wie versucht denn die griechische Gemeinde hier ihr Erbe zu bewahren? Werden sie vom Staat anerkannt?

„Genau, die Griechen werden vom tschechischen Staat als Minderheit anerkannt, sie haben ihre Repräsentation im Haus der Minderheiten, das seinen Sitz im Zentrum von Prag hat. Sie sind auch sehr aktiv an Diskussionen mit der Regierung beteiligt. Natürlich ist die Gruppe im Vergleich mit einigen anderen Minderheiten eher klein und sie ist sehr spezifisch. Es wird sich zeigen, ob zu dieser spezifischen Gruppe von griechischen Flüchtlingen mit der Zeit noch andere Emigranten aus Griechenland stoßen. Die Migrationswelle ist derzeit vor dem Hintergrund der Finanzkrise in Griechenland sehr stark. Auch dass die Grenzen nach 1989 geöffnet wurden, hat natürlich vieles geändert: die tschechischen Griechen gehörten zu einer Gruppe, die Griechenland eigentlich nie gesehen habt. Es waren ja Flüchtlinge. Sie hatten nicht einfach die Möglichkeit, wieder nach Hause oder in das Land ihrer Ahnen zu gehen. Das hat sich jetzt mit der offenen Grenze und dem Schengen-Raum natürlich wesentlich geändert. Die Tendenz ist klar: die Migration wird stärker. Ob diese Migration aber dazu führen wird, dass wir in Tschechien eine größere Gruppe von griechischen Staatsbürgern haben werden, die hierher ziehen, das lässt sich derzeit nur schwer abschätzen.“


Dieser Beitrag wurde am 18. August 2012 gesendet. Heute konnten Sie seine Wiederholung hören.