Karpfenzucht in Böhmen

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Liebe Hörerinnen und Hörer im folgenden Bericht haben wir für Sie winterliche Impressionen festgehalten, die aus einer uralten tschechischen Tradition hervorgehen. Lassen Sie sich also überraschen.

Während der Sommermonate fährt man in Südböhmen immer wieder an den überall verstreuten Teichen vorbei, die in gleissendem Sonnenlicht wie Spiegel flimmern. Im Herbst verändert die Fläche von 45.000 Hektaren Teich, die in Tschechien seit dem 13. Jahrhundert der Fischzucht dienen, ihren Charakter.

Bevor man nicht nur in Tschechien an Heiligabend den keinesfalls fetten Weihnachtskarpfen verspeisen kann, haben die Fischzüchter in Südböhmen alle Hände voll zu tun. Die Karpfen wachsen dank Plankton und einer speziellen Fütterung mit einer Mischung aus Getreidesorten nach althergebrachter Rezeptur zu stattlichen Brocken von 1 bis mehreren Kilogramm Gewicht an.

Die sauberen Teiche sorgen Fachleuten zufolge für den speziellen Geschmack der böhmischen Karpfen. Im Herbst wird das Wasser in den Teichen jeweils fast vollständig ausgelassen, so dass der schlammig graue Teichgrund zum Vorschein kommt und die Fischer mit riesigen Netzen die Fischleiber aus dem kühlen Nass in Boxen hieven. Dieses in Südböhmen gepflegte Ritual des Karpfenfangs hat seinen unwiderstehlichen Reiz, der in Kontrast steht zur grell heiteren Badeatmosphäre im Sommer.

Darüber sprachen wir beim Auslassen des Teiches Smyslov in Südböhmen mit dem mit Wasserbauingenieur, Prof. Ivan Vanicek, der in Prag an geotechnologischen Abteilung der Technischen Universität unterrichtet und selber in der Restitution einige Teiche in Südböhmen in den Familienbesitz zurückerstattet bekam. Was ist das reizvolle am Karpfenfang....

"Das hängt mit dieser stimmungsvollen Atmosphäre zu zusammen. Zu der Jahreszeit im Spätherbst schwelgt die Landschaft in schönen satten Farben inh den verschiedensten Braun -und Rosaschattierungen. Aber auch die Arbeit der Fischer, der Dampf der vom See aufsteigt, der leichte Sonnenschein, das ist sehr eindrücklich..."

Während die Herbstlandschaft also in Braunschattierungen schwelgt, steigt von den Teichen Dampf auf, die in Gummimontur eingekleideten, durchs Wasser watenden Fischer wirken düster und melancholisch, die glitschigen Karpfen purzeln in ihrer fast barocken Fülle direkt in die Behälter bereitstehender Lastwagen, die dicht am Teichufer fast im Schlamm versinken. Bleibt ein Karpfen versehentlich auf dem Deckel der Transportbox liegen schnappt er mit kussförmigem Mund verzweifelt nach Luft. Zuschauer beobachten Grog trinkend und frittierte Krapfenchips knabbernd die Szenerie.

Wer aber glaubt, dass man bei stahlblauem Herbsthimmel und leichtem Sonnenschein in heiterer Jahrmarktsatmosphäre einem lustigen Karpfenspektakel zu sehen kann liegt auf der falschen Fährte, denn Karpfen mögen es nicht etwa warm, sondern kühl mit einer maximalen Wassertemperatur von 10 °C. Wenn die Sonne scheint, ist der Sauerstoffgehalt der Teiche zu niedrig, die Fische drängen sich aneinander und für die Fischer steht Schwerstarbeit auf dem Programm. Ideal für das Karpfenteich- Auslassen ist deshalb leichte Bewölkung, kühle Temperaturen und Nieselregen.

Von Ivan Vanicek wollte ich wissen, was das besondere an der Karpfenzucht in Tschechien ist....

"Die Karpfenzucht ist sicher faszinierend, weil sie hier in Tschechien auf eine alte Tradition zurück geht, d.h. von Kindsbeinen bekommen man zu Weihnachten immer diesen Fisch serviert, aber wenn der Karpfen nicht wirklich ein guter Fisch wäre, käme er hier nicht so oft auf den Tisch. Die Qualität des Fleisches ist ausschlaggebend. Ein Hecht z.B. hat ein sehr fettarmes, leichtes Fleisch, das aber im Geschmack nicht so stark ist, hingegen ein Karpfen hat verschiedene Fleischpartien und ist einfach saftiger."

Viellleicht wird es Sie interessieren, wieso man überhaupt dazu kommt, sich so intensiv mit Teichen und Karpfen zu beschäftigen...Ing. Vanicek hat nämlich seine Passion zum Beruf gemacht.

"Ich bin ja Wasserbauingenieur, habe da also eine Affinität, zudem habe ein Standardwerk über Staudämme herausgegeben, dass fasziniert mich. Nicht das von klein auf eine Wasserratte gewesen wäre, aber während meiner Studienzeit hat sich diese Beziehung, oder diese Liebe zum Element Wasser herauskristallisiert, weil Wasser einerseits sehr romantisch und angenehm ist, andererseits aber auch gefährlich werden kann. Unsere Aufgabe ist es das Wasser in eine geeignete Bahn zu bringen, weil ohne Wasser gibt es ja bekanntlicherweise kein Leben..."

Die Krapfenzucht ist in Tschechien laut dem zuständigen Ministerium der am besten florierende Landwirtschaftszweig, zumal die meisten Karpfen nach Deutschland, Österreich, aber auch Frankreich exportiert werden. Der Fischzuchtbetrieb in Trebon beispielsweise gehört mit 6976 Hektaren zu den grössten in Europa. Die Zuchttradition geht bis auf das 13. Jahrhundert zurück, als man in Südböhmen Donaukarpfen zu veredeln begann, auch Karl IV. förderte das Anlegen von Fischteichen. Damals wie heute hatten die Fischzüchter mit Wilddieben zu kämpfen, die sich am reichen Inhalt der Teiche bedienen, im 16. Jahrhundert zögert man nicht den Übeltätern die Ohren oder gar die Hand abzuhacken.

Im Teich Smyslov steht ein grosser Gedenkstein, den man immer erst beim Auslassen zu sehen bekommt, der Fischzuchtexperte Karel Nusle erzählte uns vor Ort die Geschichte des Steins...

"Wir haben da so einen kleinen Gedenkstein an den Graf Palffy, dem diese Grafschaft gehört und Schloss Breznice. Er kam im Winter hierher zum Eislaufen, das Eis brach aber unter ihm zusammen. Ein paar Jungs aus dem Dorf haben Graf Palffy aber aus dem Wasser gezogen. Aus Dank liess der Graf hier einen Gedenkstein errichten, dieser ist im Laufe der Jahre ziemlich stark im Sand und Schlamm versunken, aber er sieht trotzdem sehr schön aus und wenn wir den Teich auslassen dann kommt der Palffystein immer zum Vorschein..."

Bevor der Karpfen paniert, pochiert, mariniert, geräuchert, gefüllt, assistiert von Pilzen, Speck oder Knoblauch an Heiligabend bei tschechischen Familien serviert wird, verbringt er die Tage meistens in der Badewanne des künftigen Karpfenverzehrers. Tierschützer weisen darauf hin, das man dabei mindestens zweimal täglich das Wasser wechseln soll, da der Fisch ansonsten zu sehr leidet.

Karel Nusle verriet uns auch, wie der Karpfen in Deutschland gegessen wird, den dorthin wird ein grosser Teil der südböhmischen Karpfen nämlich exportiert wird.

"In Deutschland isst man gerne Karpfen blau, darüber führen die deutschen richtige Fachdiskussionen. Man übergiesst den Karpfen mit heissem Essig dadurch erhält er diese wunderbare blaue Farbe, dann wird er in einem Sud nach Belieben mit verschiedenen Kräutern pochiert. Dann gibt es beispielsweise den Karpfen auf Französische Art, man frittiert eine Karpfenhälfte, wobei die Flossen und der Kopf dran bleiben..."

Wie geheimnisvoll die Karpfen in der freien böhmischen Natur wirken, wusste Ota Pavel in seiner Erzählung "Karpfen für die Wehrmacht" einzufangen:

"Plötzlich tauchte im kristallklaren Wasser ein dunkler ovaler Schatten auf und schwamm an uns vorbei. Er kam wieder zurück. Ein Karpfen. Und was für ein Karpfen. Er streckte seinen runden Mund heraus und schnappte an der Wasseroberfläche nach Luft. Da kam ein zweiter. Es störte sie überhaupt nicht, dass wir da standen und sie anstarrten. Während einiger Sekunden war die Wasseroberfläche voll von Karpfen. In dem Augenblick verfiel unser Vater in einen tiefen merkwürdigen Zustand, er kniete auf das Eis und begann die Karpfen am Kopf und am Rücken zu streicheln, er hätschelte sie und flüsterte ihnen "meine Kärpfchen" zu.

Autor: Marcela Pozarek
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