Medien-Kampagne gegen Rassismus

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"Die Frau meines Freundes war krank. Sie brauchte eine Blutspende. Das war ein Problem, denn sie hat eine seltene Blutgruppe. Als ich von meinem Freund erfuhr, dass die Spenderin eine Roma war, dachte ich mir: Das ist ja was! Aber was eigentlich? Schließlich hat sie ein menschliches Leben gerettet." So beginnt einer der halbminütigen Radio-Spots, der im Rahmen einer Medien-Kampagne der Non-profit-Organisation "Liga für ethnische Minderheiten" mehrere Wochen lang auf dem privaten Radiosender Europa 2 sowie dem privaten Fernseh-Sender TV Nova zu hören war. Diese sowie eine weitere Medien-Kampagne gegen Rassismus wollen wir Ihnen in der heutigen Sendung vorstellen, zu der Sie aus dem Prager Studio Silja Schultheis begrüßt.

Wie es zu der Wahl ausgerechnet dieses Spots kam und welche Botschaft er transportieren sollte, erklärt Obonete Ubam, Vorsitzender der "Liga für ethnische Minderheiten":

"Wir haben versucht, uns in dem Spot auf Momente zu konzentrieren, die auf den ersten Blick normal aussehen, dabei aber sehr kontrovers sind. Im Fall der blutspendenden Roma war unser Ausgangsgedanke, dass es schwer ist, einen Menschen zu finden, der in einer kritischen Situation, in der das Leben eines seiner Familienangehörigen bedroht ist, eine Blutspende - von wem auch immer, also auch von einem Roma - ablehnen würde. In so einer Situation verliereen Rassismus oder wie immer geartete Vorurteile im Grunde ihren Sinn."

Zum Nachdenken und zur Diskussion darüber wollte die Kampagne aufrufen. Dabei hatten die Organisatoren vor allem drei Zielgruppen vor Augen: die tolerante Minderheit jüngeren Alters in Prag und größeren Gemeinden, die laizistische Öffentlichkeit mittleren Alters in kleineren Gemeinden und die ältere Gruppe der Nichtinteressierten, vor allem in Nord-Mähren. Insgesamt machen alle drei Gruppen ca. 60% der Gesamtbevölkerung aus.

In den zehn größten tschechischen Städten wurden Plakate aufgehängt, auf denen drei verschiedene Alltagssituationen im Zusammenleben von Tschechen und Minderheiten in Tschechien dargestellt wurden. Ihr Motto: "Wir leben mit Euch zusammen - Warum stört Euch das?"

Über das Echo auf die Kampagne - das "Projekt Zusammenleben" - äußert sich Obonente Ubam rückwirkend zufrieden:

"Wir haben das Gefühl, dass die Kampagne ihren Zweck erfüllt hat, dass sie sowohl mediale als auch öffentliche Aufmerksamkeit erzielt hat. Wir haben erreicht, was wir erreichen wollten: Wir haben auf Probleme der alltäglichen Spannung zwischen Minderheiten und der Mehrheitsgesellschaft hingewiesen."

Neben einem breiten positiven Echo habe die "Liga für ethnische Minderheiten" auch eine Reihe an "härteren" Reaktionen erhalten von Menschen, die der Organisation genau das vorwarfen, was sie am wenigsten beabsichtigte: die Bevorzugung bestimmter Menschengruppen.

"Ich muss noch mal sagen, dass dies nicht der Fall ist. Wir leben alle in einem Land und für uns alle gelten dieselben Regeln. Also entschieden keinerlei Begünstigung. Außerdem haben wir natürlich Reaktionen des sogenannten rechten Flügels bekommen, aber ich glaube, diese sollte man nicht veröffentlichen."

Die nächste Kampagne der "Liga für ethnische Minderheiten" ist bereits in Planung und soll diesmal unter der Schirmherrschaft des Regierungsbeauftragten für Menschenrechte stattfinden. Über Einzelheiten wollte Obonente Ubam sich noch nicht äußern. Eins steht für ihn jedoch fest:

"Wir sind überzeugt davon - und alles weist darauf hin - , dass Medien-Kampagnen eins der besten Mittel sind, eine öffentliche Diskussion über ein bestimmtes Problem zu entfachen. In der Kampagne, die wir jetzt vorbereiten, wollen wir das Problem aus einer etwas anderen Perspektive und in seiner ganzen Nacktheit beschreiben und zeigen, wie dieses Problem sich auf die gesamte Gesellschaft auswirken kann. Lassen Sie sich also überraschen."


Nahezu zeitgleich mit dem "Projekt Zusammenleben" der "Liga für ethnische Minderheiten lief und läuft in Tschechien derzeit eine republikweite und bewusst provokativ gestaltete Medienkampagne gegen Neofaschismus. Beteiligt sind daran das Öffentlich-rechtliche tschechische Fernsehen, der Privatsender TV3, die Organisation "Mensch in Not" sowie mehrere Werbeagenturen. Unterstützt wird die Kampagne von der ressortüberschreitenden Regierungskommission für Roma-Angelegenheiten, finanziert z.T. aus Mitteln der Europäischen Union. Ihr Ziel ist es, mit Humor gegen neonazistische Einstellungen sowie Gleichgültigkeit vorzugehen - daher auch das Motto: "Sei nicht gleichgültig. Hilf deinem örtlichen Nazi, irgendein lobenswertes Hobby zu finden. Zeig ihm den Weg, bevor er verroht!"

Die provokativen Plakate, auf denen beispielsweise Neonazis mit zum Führergruß in die Höhe gestreckten Armen als Wäscheständer fungieren, haben eine Reihe kontroverser Reaktionen und sogar eine Strafanzeige von Vertretern der Wochenzeitschrift "Republika" nach sich gezogen. Durch die Kampagne, so Vertreter der äußersten Rechten, werde der Eindruck verbreitet, dass die tschechische Gesellschaft rassistisch sei.

Über die Spannbreite der Reaktionen äußerte sich Herr Kamenicky, Pressesprecher der Kampagne von der Organisation "Mensch in Not":

Über den weiteren Verlauf der Kampagne und das Echo darauf werden wir Sie, liebe Hörerinnen und Hörer, in unseren Sendungen auf dem Laufenden halten. Für heute bedanke ich mich für Ihre Aufmerksamkeit und freue mich auf Ihre Kritik. Am Mikrophon war mit Ihnen Silja Schultheis.