Milan Knížák: der streitbare Nationalgalerie-Chef im Interview

Milan Knížák

Er ist einer der bekanntesten und zugleich umstrittensten zeitgenössischen Künstler Tschechiens. Vom kommunistischen Regime wurde er wegen seiner kritischen Haltung und seines unangepassten Lebensstils schikaniert. Nach der Samtenen Revolution avancierte er zum Rektor der Prager Kunstakademie und wurde Leiter der Prager Nationalgalerie. Seine Äußerungen und Ansichten spalten auch heute die öffentliche Meinung. Kürzlich wurde bekannt, dass der bald 70-jährige Knížák im kommenden Jahr seinen Chefsessel räumen soll. Im Gespräch mit Radio Prag lässt Knížak zunächst die Entwicklung der tschechischen bildenden Kunst im letzten Vierteljahrhundert Revue passieren.

„Nach dem Jahr 1990 musste sich die tschechische Kunst mit den internationalen Trends auseinandersetzen. Ich würde sagen, diese Öffnung hat sogar schon fünf Jahre früher langsam begonnen, im Jahr 1985. Nach der Samtenen Revolution hat sich diese Entwicklung natürlich noch verstärkt. Ab 1995 hat sich das dann gefestigt, die tschechische zeitgenössische Kunst hat ab diesem Zeitpunkt ihren eigenen Weg eingeschlagen. Sie blieb zwar im Kontakt mit den internationalen Trends, aber sie hat sich eine gewisse Eigenständigkeit erkämpft und bewahrt. Die tschechischen Künstler setzen sich natürlich auch mit aktuellen Fragen auseinander, aber dabei kopieren sie nicht nur das, was international gerade ‚in’ ist, sondern gehen ihren eigenen Weg. Das macht die tschechische zeitgenössische Kunst so spannend.“

Milan Knížák
Herr Profesor Knížák, Sie sind seit 1999 Direktor der Prager Nationalgalerie. Wenn Sie jetzt auf dieses Jahrzehnt zurückblicken: was ist Ihnen in dieser Zeit gelungen und was weniger?

„Na, da könnten wir lange darüber debattieren. Aber am wichtigsten war die Restrukturierung des Hauses. Als ich mein Amt angetreten habe, war die Nationalgalerie hoch verschuldet und in viele kleine Einheiten zerteilt, die miteinander überhaupt nicht kommuniziert haben. Die Sammlungstätigkeit war lächerlich und so weiter. Gerade im Bereich der modernen Kunst gab es überhaupt kein Konzept. Das konnte ich ändern. Natürlich gefällt mein Programm einigen Leuten nicht, aber ich bestehe darauf, dass wir uns nicht durch die aktuellen Trends leiten lassen. Im Gegenteil, will wollen unsere eigenständige Position finden und uns mit unserer eigenen kunsthistorischen Vergangenheit auseinandersetzen. Darauf bin ich stolz. Dieser Unterschied ist entscheidend. Das erkennt man auch daran, dass sich diejenigen an meinem Konzept stoßen, die gerne hätten, dass die Galerie so weitermacht wie vor meinem Amtsantritt. Wir haben Feinde, und das bedeutet für mich, dass wir gut sind.“

Ihre Amtszeit neigt sich jetzt langsam dem Ende zu. Was möchten Sie noch schaffen vor dem Jahresende 2011. Welche Projekte sind noch offen?

„Ich werde im Laufe des Jahres 2011 zurücktreten. Das habe ich mit dem Kulturminister so vereinbart und es war mein eigener Vorschlag. Vorher möchte ich noch den Umbau des Palais Salmov auf der Prager Burg zu Ende bringen, wo wir Kunst des 19. Jahrhunderts zeigen werden. Außerdem möchte ich das Konzept zur Sanierung des Messepalastes, in dem wir jetzt gerade stehen, fertig stellen. Der wurde während des Kommunismus leider so schlecht saniert, dass er nicht nur ein riesiger Energiefresser ist, sondern auch jede Menge potenzielle Katastrophen in sich birgt…“

…wenn wir hier hinaufschauen, sehen wir zum Beispiel das undichte Dach, wo es kräftig hereinregnet.

„Ja, leider. Und das kann man nur mit einer Komplettsanierung beheben. Wir reparieren zwar permanent, aber auf Dauer bringt diese Flickerei nichts. Wir planen diese Sanierung so, dass wir nicht das ganze Haus auf einmal sperren müssen. Wir sehen drei Etappen vor, die voneinander unabhängig sind. Wenn wieder einmal das Geld knapp wird, können wir die Bauarbeiten jederzeit unterbrechen. Die Sammlung moderner Kunst bleibt also immer zugänglich. Damit die Leute nicht auf sie vergessen.“

Häufig wirft man Ihnen die angeblich schlechten Besucherzahlen ihrer Häuser vor. Ich weiß schon, die Nationalgalerie ist kein Einkaufszentrum, wo es nur um eine möglichst hohe Frequenz geht. Aber Fakt ist, dass die Zahl der Besucher in den letzten Jahren leicht gesunken ist…

Die Nationalgalerie Prag
„Ich glaube nicht, dass man sagen kann, die Besucherzahlen seien gesunken. Wir wissen nicht, wie früher gezählt worden ist. Kürzlich hatten wir an einem Wochenende freien Eintritt und allein hier in den Messepalast sind über 3000 Besucher gekommen. Vielleicht sollten wir eine zeitlang freien Eintritt anbieten, um die Leute anzulocken. Dann würden sie vielleicht später wiederkommen und dafür auch bezahlen. Der Eintrittspreis hält sicher auch einige Leute von einem Besuch ab, weil sie es sich einfach nicht leisten können. Das ist ein sehr komplexes Problem. Denn wir wollen uns ja auch nicht unter unserem Wert verkaufen. Ich will wirklich nicht, dass die Galerie zu einem Einkaufszentrum wird. Ich habe ja einmal sogar eine Theorie entworfen, dass sich die Leute den Besuch in der Nationalgalerie quasi erst verdienen müssen. Der Eintritt in unsere Sammlungen sollte der Visumpflicht unterliegen. Schließlich bietet die Galerie eine andere Qualität von Kultur als zum Beispiel ein Kommerz-Kino.“

À propos verdiente Besucher: Wie sieht es eigentlich mit den tschechischen Spitzenpolitikern aus? Kommen die in die Nationalgalerie? Präsident Václav Klaus ist ja häufig auf Vernissagen zu sehen. Aber war etwa Jiří Paroubek hier oder Mirek Topolánek?

„Nein. Weder Paroubek noch Topolánek waren je hier. Paroubek zum Beispiel habe ich eingeladen, nachdem er mich wieder einmal öffentlich beschimpft hat. Er hat zuerst versprochen zu kommen und dann einen Rückzieher gemacht. Ich hätte ihm gerne alles gezeigt aber er ist einfach nicht gekommen. Topolánek war wohl einmal am Abend da, als wir so ein Seminar für Manager und Politiker veranstaltet haben; auch für diese Leute haben wir ein eigenes Kunstvermittlungsprogramm. Ich war damals leider nicht da und habe ihn also hier nicht erlebt. Aber wie gesagt, Topolánek war als Teilnehmer eines Seminars und nicht als Ausstellungsbesucher hier.“

Minister Václav Riedelbauch
Und Minister Václav Riedelbauch?

„Nein, der Herr Minister Riedlbauch war nie hier. Zumindest nicht offiziell.“

Moment, der ist aber doch immerhin Kulturminister. Und die Nationalgalerie wird doch vom Kulturministerium finanziert.

„Ja, aber auch seine drei Vorgänger waren nie in der Nationalgalerie. Der letzte Kulturminister, der hier war, war glaube ich Pavel Dostál.“

In der jüngsten Zeit haben in Prag einige neue Galerien und Ausstellungsräume eröffnet, etwa das DOX in Holešovice. Sehen Sie diese privaten Initiativen als Konkurrenz oder als Bereicherung?

„Nein, das ist überhaupt keine Konkurrenz für uns. Im Gegenteil, es ist eine klare Bereicherung. Ich war es, der seit fünfzehn Jahren geschrien hat, dass Prag endlich eine Kunsthalle braucht. Ohne so eine Kunsthalle kommt eine Großstadt wie Prag heutzutage nicht aus. Und keine Nationalgalerie, kein Kunstmuseum auf der Welt kann die Funktion einer Kunsthalle übernehmen.

Da ist ein Unsinn. Diese neuen Ausstellungshallen in Prag-Smíchov und Holešovice waren dringend notwendig und wir müssen ihr Überleben sichern. Das ist auch im Interesse der Nationalgalerie, die sich so voll auf ihre Sammlungstätigkeit konzentrieren kann und nicht irgendwelche verzweifelten Versuche unternehmen muss, etwas zu tun, was nicht ihrer Aufgabe entspricht.“

Sie haben zwar im vergangenen Jahr hier im Messepalast Ausstellungen aus der Sammlung moderner Kunst komplett neu aufgestellt. Dennoch hat man den Eindruck, dass hier lange Zeit immer dieselben Werke zu sehen sind. Nehmen wir als Beispiel das Pariser „Centre Pompidou“. Das hat auch eine große Sammlung, ist also nicht unbedingt eine Kunsthalle. Und trotzdem wechseln dort mehrmals pro Jahr die Ausstellungen. Die werden aus der umfangreichen Sammlung neu zusammengestellt. Wäre das nicht auch ein Rezept, um mehr Besucher in die Prager Nationalgalerie zu locken?

‚Centre Pompidou’
„Das ‚Centre Pompidou’ ist nur ein Museum für moderne Kunst. Wir nicht. Wir haben neun Standorte in Prag und unsere Sammlung umfasst Kunst von der Antike bis zur Gegenwart. Der Messepalast und die moderne Kunst sind nur ein Teil der Nationalgalerie. Wir können nicht ständig alle Ausstellungen umstellen. Bei uns ist die Situation viel komplizierter. Sicher, das ‚Centre Pompidou’ hat auch verschiedene Sammlungen, aber in seiner Konzeption nähert es sich schon einer Kunsthalle. Wir hingegen wollen und müssen uns auch mit der alten Kunst beschäftigen. Wir stehen jetzt zwar gerade inmitten der Sammlung moderner Kunst, aber sie dürfen nicht vergessen, dass wir noch viele andere Sammlungen haben, die betreut werden müssen. Das ist nicht so einfach.“

Schauen wir zum Abschluss noch nach Wien: Dort sind die Bundesmuseen ab Ende der 1990er-Jahre schrittweise in die wirtschaftliche Selbstständigkeit entlassen worden. Seither sind die Besucherzahlen stark gestiegen, etwa im Museum Moderner Kunst oder in der Albertina. Dort kommen Sie am Wochenende kaum hinein. Vor allem vor Weihnachten und zu Ostern strömen auch sehr viele Tschechen in die Wiener Museen. Wünschen Sie sich auch für die Prager Nationalgalerie mehr Unabhängigkeit von der Ministerialbürokratie?

„Natürlich würden wir uns ein anderes Finanzierungssystem und einen anderen Umgang mit der Nationalgalerie wünschen. Aber damit konnten wir uns bisher nicht durchsetzen. Und ich glaube auch nicht, dass uns das in absehbarer Zeit gelingt. Wir haben sehr instabile Regierungen und die bringen einfach nichts zustande. Wenn einmal eine Regierung längere Zeit amtieren würde und man mit den Politikern verhandeln und sich auf ihr Wort verlassen könnte, dann wäre das sicher möglich. Aber wegen dieser ständigen Regierungswechsel bewegt sich gar nichts und wir zahlen drauf. Und damit zahlt auch die ganze kulturinteressierte Öffentlichkeit drauf.“

Alle Informationen zur Prager Nationalgalerie finden sie auf deren Internetseiten:http://www.ngprague.cz/en/1069/0/0/sekce/homepage/