„Fragt nicht ständig nach dem Warum“ – Der neue Pfarrer der Prager katholischen Gemeinde im Gespräch

Pater Jakob in der Kirche Sankt Johannes Nepomuk am Felsen

Im September wurde Pater Jakob Seitz offiziell in sein neues Amt als Priester der deutschsprachigen katholischen Gemeinde in Prag eingeführt. Er folgt auf Lothar Vierhock, der im Sommer in den Ruhestand gegangen ist. Radio Prag International hat mit dem neuen Pfarrer gesprochen. Dabei ging es auch um die Fragen, warum er immer Weiß trägt und was er sich in den ersten Monaten im Amt alles vorgenommen hat.

Eigentlich wollte Pater Jakob gar nicht Priester werden. Der neue Pfarrer der deutschsprachigen katholischen Gemeinde in Prag hatte eine Ausbildung zum Kaufmann gemacht und interessierte sich für Literatur und Dramaturgie. Doch dann sei alles etwas anders gelaufen als geplant, wie er Radio Prag International gegenüber zugibt:

„Mein französischer Professor ermutigte uns Studenten, nicht ständig nach dem Warum zu fragen, sondern vielmehr, was wir daraus machen können.“

„Ich wollte eigentlich Theaterwissenschaften studieren, habe aber zwei Jahre Zivildienst in einem Krankenhaus für herzkranke Kinder absolviert und dort sehr enge Beziehungen zu den Kindern aufgebaut. Leider habe ich dort auch Kinder sterben sehen, und dann kamen ganz viele Fragen bei mir auf. Um diese beantworten zu können, habe ich Theologie studiert. Weil mir dieses Fach auch nicht alle Antworten geben konnte, habe ich noch Philosophie dazu genommen. Theaterwissenschaften, dachte ich, kann ich später machen. Und dann ging alles vollkommen andere Wege.“

Er studierte Theologie, Philosophie, Soziologie und Religionspsychologie in München sowie in Wien und Paris. Als gebürtiger Bayer, der im beschaulichen Schwabmünchen bei Augsburg geboren und aufgewachsen ist, habe ihn die Studienzeit in den Großstädten Wien und Paris sehr geprägt. Die Herangehensweise an Probleme sei etwa in Frankreich ganz anders gewesen als in Deutschland…

„Mein französischer Professor ermutigte uns Studenten, nicht ständig nach dem Warum zu fragen, sondern vielmehr, was wir daraus machen können. Das ist tatsächlich ein anderer Zugang, auch in der Philosophie, und das hat mir sehr geholfen, auch für mein weiteres Denken. Also in dem Sinne: Das ist die Situation, und was können wir daraus machen“, so der Geistliche.

Zu jedem guten Werk bereit

Nach dem Studium sei er in den Prämonstratenser-Orden eingetreten, berichtet Pater Jakob, dessen Heimat-Abtei Kloster Speinshart in der nördlichen Oberpfalz ist. Gegründet wurde der Prämonstratenser-Orden im Jahr 1121 von Norbert von Xanten, der später heiliggesprochen wurde. Viele Ordensbrüder arbeiteten als Pfarrer und Seelsorger in Gemeinden, erläutert der Pater, ihr Leitspruch laute „Ad omne opus bonum parati“ (auf Deutsch: „Zu jedem guten Werk bereit“). Dass er sich aber ausgerechnet für diesen Orden entschieden habe, habe auch einen ganz pragmatischen Grund:

Norbert von Xanten | Foto: Rijksmuseum,  public domain

„Die Prämonstratenser stehen nicht so früh auf. Erst war ich bei den Benediktinern, aber ich bin ein Morgenmuffel, in der Frühe schwer ansprechbar. Und die Prämonstratenser sind sehr weltoffen, sehr den Menschen zugewandt. Und wenn man abends viele Termine hat, dann geht das Morgengebet erst um 7.30 Uhr los. Das hat mich sehr angesprochen. Bei den Benediktinern beginnt der Tag schon um fünf Uhr. Zudem haben mich die Aufgabenfelder der Prämonstratenser sehr interessiert. Dazu zählen die Pfarreiarbeit sowie die Seelsorge – und natürlich die Aussicht, vielleicht einmal nach Prag gehen zu können.“

Für das Interview mit Radio Prag International trägt Pater Jakob helle, sportliche Alltagskleidung. Für den Fotografen streift er sich noch seinen weißen Habit über, die typische Kleidung des Prämonstratenser-Ordens, die er auch vor der Gemeinde trägt. Doch warum ist die Ordenstracht der Prämonstratenser eigentlich weiß?

„Dafür gibt es unterschiedliche Erklärungen. Die einen sagen, die weiße Farbe symbolisiere die Auferstehung. Aber der heilige Norbert, unser Ordensgründer, hat der Armutsbewegung angehört. Die Benediktiner mussten ihre Kutte schwarz einfärben, das war teuer. Also hat der heilige Norbert verfügt, dass wir die Wolle so nehmen sollen, wie sie vom Schaf kommt. Und die Schafswolle war eben weiß. So konnte man Geld sparen. Deswegen haben auch die Dominikaner einen weißen Habit. Diese Ordenstracht hat ihre Wurzeln in der Armutsbewegung – um den Menschen zu zeigen, dass wir anders leben“, sagt Pater Jakob.

Pater Jakob Seitz  (rechts) | Foto: Deutschsprachige Katholische Pfarrei Prag

„Bewirb dich doch“

Mit Prag verbindet ihn eine lange Geschichte. So gehört unter anderem das berühmte Strahov-Kloster auf dem Petřín-Hügel mit den beiden historischen Bibliothekssälen und dem Panoramablick über die ganze Stadt zu den Prämonstratensern. Ein befreundeter Mönch sei noch zu Zeiten des Kalten Krieges immer wieder zu den Ordensbrüdern nach Prag gefahren, erinnert sich der Pater:

Strahov-Kloster | Foto: Balou46,  CC BY-SA 3.0

„Als ich 1983 zum ersten Mal im Kloster Windberg in Niederbayern war, habe ich einen Mitbruder kennengelernt, der mittlerweile leider verstorben ist. Er fuhr immer illegal in die damalige Tschechoslowakei, um dort die Mitbrüder zu unterstützen. Irgendwann haben ihn die Behörden nicht mehr ins Land gelassen. Aber er hat mir immer wieder von seinen Reisen erzählt. Es war ja immer dieser Eiserne Vorhang davor, aber seitdem interessiere ich mich für dieses Land. Nach der Wende war ich dann öfter zu Besuch in Prag, auch bei den Mitbrüdern im Kloster Strahov. Doch als ich eine Zeit lang als Lehrer in der Erwachsenenbildung tätig war, konnte ich nicht mehr so viel reisen. Ich war jahrelang nicht mehr hier. Aber mein Interesse und meine Freude für dieses Land blieb trotzdem bestehen. Als mein Abt mir erzählte, da ist eine Stelle frei, bewirb dich doch, da habe ich die Chance ergriffen. Und dann hat es geklappt.“

Am meisten Respekt habe er davor, den Menschen und ihren Wünschen gerecht zu werden. Er sei nicht ein Pfarrer, der seiner Kirchengemeinde aufdrücke, was sie denken solle, sagt Pater Jakob, der die Natur liebt und in seiner Freizeit gerne wandert und viel liest. Er wolle es im guten Miteinander schaffen und möglichst viele Menschen in die Arbeit der Gemeinde einbinden.

Foto: Deutschsprachige Katholische Pfarrei Prag

Tatsächlich seien die ersten Tage in Prag wunderschön gewesen, freut sich Pater Jakob. Die Gemeinde sei offen auf ihn zugegangen und hätte ihn sehr herzlich aufgenommen. Networking mache ihm überhaupt viel Spaß, ergänzt er:

„Den unterschiedlichsten Menschen zu begegnen und sie miteinander in Verbindung zu bringen. Das war in den letzten Jahren immer mein Hauptanliegen.“

Herz für Außenseiter

„Da kamen viele Leute, die mit der Institution Kirche überhaupt nichts mehr am Hut hatten, sich aber bei uns wohl fühlten.“

Vielleicht hilft ihm bei seiner Arbeit als Priester auch, dass er Fan des Fußballvereins FC Augsburg ist. Der Klub gilt als Überlebenswunder. Seit dem Aufstieg im Jahr 2011 spielt Augsburg ununterbrochen in der ersten Bundesliga. Fast jede Saison wird er als Abstiegskandidat gehandelt, rettet sich am Ende aber doch. Diese Zähigkeit hat den Augsburgern viel Respekt eingebracht. Wahrscheinlich muss man auch als Priester ein wenig hartnäckig sein. Ein Erlebnis aus seiner Zeit als Dozent sei ihm besonders in Erinnerung geblieben, erzählt Pater Jakob…

„Ich war früher im Kloster Windberg, eine Abtei in der Diözese Regensburg, für die Erwachsenenbildung zuständig. Wir haben Kurse zu ganz unterschiedlichen Themen angeboten, unter anderem Philosophiekurse und auch Seminare über Spiritualität. Da kamen viele Leute, die mit der Institution Kirche überhaupt nichts mehr am Hut hatten, sich aber bei uns wohl fühlten. Eine Frau hat mir einmal gesagt: Ich kann mit der Kirche nichts mehr anfangen, aber hier blüht mein Glaube an Gott wieder auf. Und so einem Menschen, der der Kirche eigentlich distanziert gegenübersteht, einen Raum zu bieten, in dem der Glaube wieder blühen kann, das wäre auch in Prag eine schöne Sache“, findet der Geistliche.

Pater Jakob Seitz  (rechts) | Foto: Deutschsprachige Katholische Pfarrei Prag
Autor: Karoline Richter
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