Plattenbauten: Tschechische Regierung will Sanierung finanziell unterstützen

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Die sichtbarsten architektonischen Missgeschicke der letzten politischen Ära, die Plattenbauten, verrotten langsam auch in Tschechien. Um diesem Verfallsprozess etwas entgegen zu setzten, hat die tschechische Regierung vorletzte Woche beschlossen, allen denjenigen zu helfen, die zu einer Sanierung dieser Häuser bereit sind. Hören Sie dazu den folgenden Beitrag von Daniela Kralova:

Es macht den Eindruck, als hätte bei der Planung vor einigen Jahrzehnten niemand an ihre kurze Lebensdauer gedacht, denn die Plattenbauten, von den Tschechen oft als Kaninchenställe bezeichnet, befinden sich heutzutage größtenteils in einem jämmerlichen Zustand. Da aber alternative Wohnmöglichkeiten für die mehr als eine Million tschechischer Familien, die gegenwärtig in solchen Häusern leben, zur Zeit kaum in Aussicht gestellt werden können, müssen diese schnellstmöglich saniert werden. Deshalb beschloss die tschechische Regierung, diejenigen Hauseigentümer zu unterstützen, die für die Sanierung ein Kredit bei der Bank oder Bausparkasse aufnehmen wollen. Für diesen Zweck stellte sie noch für dieses Jahr eine Summe in Höhe von 350 Millionen Kronen (das sind etwa 20 Millionen Mark) zur Verfügung, und von diesem Geld können die Antragsteller schon in diesem Herbst Gebrauch machen. Für das nächste Jahr sollen dann nach dem Versprechen des Kabinetts bis zu sechs Hundert Millionen Kronen für die Sanierungen aus der Haushaltskasse fließen.

Den Eigentümern der Häuser (dies sind meistens Kommunen oder Genossenschaften), die ein Kredit aufnehmen, wird der Staat drei Prozent der Zinstilgung bezahlen. In Gebieten mit einer hohen Arbeitslosigkeit sollen sogar fünf Prozent durch öffentliche Mittel beglichen werden. Diese Finanzhilfe kommt vor allem dort entgegen, wo eine Genossenschaft der Hauseigentümer ist. Denn unter den Genossenschaften gibt es viele, die zu einer schnellen Sanierung entschlossen sind. Mit leeren Händen kommen demgegenüber wohl zuerst Mieter in Häusern aus, die die Kommune besitzt. Viele Städte sind nämlich dermaßen verschuldet, dass für sie zur Zeit gar nicht in Frage kommt, ein Kredit aufzunehmen. Nach Meinung einiger Gemeindevertreter wäre hier wahrscheinlich eine direkte finanzielle Hilfe notwendig.

Die Verbesserung der Lebensqualität in den Plattenbauten soll auch einen langfristigen sozialen Effekt mit sich bringen: Zu Zeiten des Kommunismus bezogen die neuen, mit Komfort wie Zentralheizung und Einbauküche ausgestatteten Wohnungen nicht die sozial und ökonomisch Schwachen, sondern auch Leute mit unterschiedlichem sozialen und Bildungsniveau. Es ist nun wünschenswert, dass diese soziale Pluralität auch weiterhin besteht, damit die Plattenbausiedlungen nicht zu verwahrlosten Ghettos verkommen.

Autor: Daniela Kralova
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