Proteste und Beschimpfungen: Dokumentarfilm zeigt Kontroverse um Sudetendeutschen Tag in Tschechien
Am Mittwoch hatte der Dokumentarfilm „Den smíření“ (Tag der Versöhnung) Premiere im öffentlich-rechtlichen Tschechischen Fernsehen (ČT). Regisseur Jan Gebert beleuchtet darin die Kontroverse um den Sudetendeutschen Tag, der in diesem Jahr erstmals in Tschechien, konkret in Brno / Brünn, stattgefunden hat. Es gibt Aufnahmen aus drei Perspektiven zu sehen: von den Organisatoren, den Teilnehmenden und den Protestierenden.
Der Film heißt „Den smíření“, zu Deutsch „Tag der Versöhnung“. Aber versöhnlich klingen nicht alle Stimmen, die Jan Gebert – Regisseur und Kameramann in einem – in Brünn eingefangen hat, als dort im Mai der Sudentendeutsche Tag stattfand. Es war historisch das erste Jahrestreffen der Sudetendeutschen Landsmannschaft, das in Tschechien und überhaupt im Ausland organisiert wurde. Und es war stark umstritten. Gebert erläutert die Idee zu seinem Film:
„Im Grunde interessiert mich immer die Frage danach, wie Geschichte für nationalistische Spiele benutzt wird. Das Thema der Sudetendeutschen ist ein wiederkehrendes Motiv. Und es ist eine erprobte Karte für tschechische Nationalisten, um in den Leuten eine Paranoia hervorzurufen und sie zu beunruhigen. Die Sudetendeutschen sind dabei das gleiche wie Geflüchtete oder alle Menschen, die Tschechien dieser Ideologie zufolge bedrohen.“
Dieses Thema habe ihn schon in der Schule beschäftigt sowie später im Geschichtsstudium, sagt der 1981 geborene Regisseur. Und so ging es in seinem ersten Film „Hra o kámen“ (Spiel um einen Stein) von 2012 auch um die Kontroverse, die ein Friedhofsdenkmal für acht ermordete Sudetendeutsche im nordböhmischen Nový Bor unter der Bewohnerschaft ausgelöst hat.
Diese Proteste haben laut Gebert, ähnlich wie die diesjährigen Demonstrationen in Brünn, wenig mit den eigentlichen historischen Ereignissen zu tun. In dem 26-Minüter „Den smíření“ treffen die Zuschauer auf David, der als Einspruch gegen den Sudetendeutschen Tag die Fahne der tschechischen Kommunistischen Partei KSČM schwingt und den russischen Grauen Wölfen für ihre Unterstützung dankt. Gebert schildert:
„Genau aus diesem Grund, dass ich die Motivation der Demonstranten und auch diese gewisse Absurdität zeigen wollte, habe ich jemanden aus dem protestierenden Lager dabei. Gleichzeitig sollte aber auch die andere Seite vertreten sein, also die Sudetendeutschen. Ich wollte den Kontrast zeigen zwischen dem, wie die Nationalisten diese Menschen enthumanisieren und sie zu einem kollektiven Gespenst machen, und der Realität. Denn wir sehen dort einige ältere, kultivierte und ganz normale Menschen, die ziemlich sympathisch sind. Das Ganze ist also ein Realitätscheck für diese einfältige Rhetorik.“
Die angesprochenen älteren Menschen sind das Ehepaar Spanhel aus Bayern. Als Kinder wurden sie aus der Tschechoslowakei vertrieben. Liselotte Spanhel musste 1945 als Vierjährige an dem sogenannten Brünner Todesmarsch teilnehmen. Dieses Jahr im Mai ging sie die Strecke in umgekehrter Richtung – beim Gedenkmarsch der Organisation Meeting Brno nämlich, der Teil des Sudetendeutschen Tages war. Es war eben diese tschechische NGO, die die Landsmannschaft nach Brünn eingeladen hatte und deren Co-Gründer David Macek der dritte Protagonist im Dokumentarfilm „Den smíření“ ist.
Ohne zusätzliche Kommentare
Jan Gebert begleitet das deutsche Ehepaar Spanhel bei seiner Reise nach Brünn. Die Kamera dokumentiert verschiedene Momente, aus denen sich das Bild für den Zuschauer zusammensetzt. Es gibt keinen Kommentar, keine Informationen zu den Protagonisten – auch ihre Namen tauchen nur im Abspann auf. Gebert sagt, er habe sich bewusst für diese Regiemethode entschieden:
„Ich glaube, es ist besser, die Menschen dadurch kennenzulernen, was sie tun und wie sie wirken. Eine Erklärung in Untertiteln würde dabei nicht helfen, es wäre nur eine Krücke. Es soll vielmehr darum gehen, die Dinge innerhalb einer nachweisbaren Situation zu zeigen, die eine Bedeutung hat.“
Ihre Bedeutung bekommt eine Szene etwa, als die Teilnehmer der Gedenkwanderung von den Gegendemonstranten in Brünn mit Zurufen wie „Faschisten“ und „Kollaborateure“ empfangen werden. Noch aufgeheizter wirkt die Stimmung bei der vorangegangenen Sitzung der Brünner Stadtverordneten...
„Für die Organisatoren von Meeting Brno war es sehr anstrengend, weil der riesige Druck von Seiten der Protestierenden auf ihnen lag. Das fängt der Film ein, wenn die direkten Konfrontationen zu sehen sind. Zum Beispiel bei der Stadtverordnetenversammlung, wo sie sich wirklich Beschimpfungen, Geschreie und Beleidigungen ausgesetzt sahen.“
Nun gehören unterschiedliche Meinungen und die öffentliche Diskussion zu einer Demokratie dazu. Die Auseinandersetzungen rund um das Treffen der Sudetendeutschen in Brünn allerdings wurden in einem besonders scharfen Ton geführt. Gebert betont, dass die Beschimpfungen aber nur von einer Seite kämen – nämlich der der Protestierenden:
„Der Sudetendeutsche Tag war nur ein Vorwand, unter dem sie ihre Unzufriedenheit herausgelassen haben über etwas, was mit dieser Veranstaltung gar nichts zu tun hatte. Sie äußerten damit ihre Missbilligung der Entwicklung seit 1989 und der Demokratie. In Brünn gab es also ein stellvertretendes Thema, durch das sie ihren Ärger ventilieren. Es ist genau die gleiche Personengruppe, die hierzulande auf die Ukrainer schimpft, die Flüchtlinge und Journalisten hasst und die Putin liebt.“
Richtig einheitlich scheint diese Gruppe jedoch nicht zu sein. So ist im Film zu sehen, dass Protagonist David von anderen Demonstranten dazu aufgefordert wird, seine UdSSR-Flagge einzupacken. Die Organisatoren der Proteste legten den Aufnahmen zufolge mehr Wert darauf, ihren Stolz auf die tschechische Heimat auszudrücken.
Das Ehepaar Spanhel schaut im Film interessiert auf das Geschehen auf der anderen Straßenseite und filmt es per Smartphone. Regisseur Gebert unterstreicht den Kontrast:
„Diese deutsche Familie kehrte zurück an jenen Ort, von dem Liselotte Spanhel stammt. Sie nahmen das alles wirklich mit einem gewissen Abstand, wenn auch emotiv. Aber es war ein Ausflug für sie, ein Wiedersehen mit Bekannten und Freunden. Diese Leute waren völlig befreit von jeglicher Ideologie. Und ich würde sagen, das gilt auch für die überwiegende Mehrheit der Menschen, die an dem Treffen teilnahmen. Der radikale Teil der Landsmannschaft ist schon längst weg und neigt sich jetzt paradoxerweise eher der Partei AfD zu.“
Sensible Herangehensweise
Dennoch gibt es auch unter den Vertriebenen und ihren Nachfahren immer noch Gefühle der Trauer und des Schmerzes, da Themen wie Heimatverlust und gewaltsame Ausweisung für Betroffene oft traumabelastet sind. Das muss auch ein Dokumentarfilmer berücksichtigen. Jan Gebert berichtet:
„Ich habe Regie geführt und war Kameramann. Mit diesem System kann ich gut arbeiten, damit kommt man den Menschen nahe. Es ist wesentlich weniger invasiv, als wenn man mit einem ganzen Filmteam ankommt und die Protagonisten sich an viel mehr Beteiligte gewöhnen müssen. Auf diese Weise waren wir nur zu zweit.“
War es trotzdem schwierig, die Protagonisten davon zu überzeugen, sich für den Film begleiten zu lassen?
„Ich habe ihnen mit einem zeitlichen Vorlauf meine Absicht erläutert, die einzelnen Situationen beobachten und dem Wesentlichen nachgehen zu wollen. Das ist natürlich immer eine heikle Phase. Am schwierigsten war, jemanden aus dem Lager der Protestierenden zu finden – vor allem, weil es sich um einen Film für das öffentlich-rechtliche Tschechische Fernsehen handelte, welches diese Menschen hassen. Aber der Protagonist David war auf seine Art großzügig, mich filmen zu lassen. Er ist ein Mensch voller interessanter Widersprüche. Es ließ sich mit ihm aber auf menschlicher Ebene normal reden.“
Nach der Premiere im Tschechischen Fernsehen wird „Den smíření“ am kommenden Wochenende auch beim Internationalen Dokumentarfilmfestival in Jihlava gezeigt. Die Sprache des Kurzfilms ist vor allem Tschechisch, aber im Falle der Familie Spanhel auch Deutsch. Eine komplett deutsch untertitelte Version sei bisher noch nicht geplant, sagt Regisseur Jan Gebert.
Der 26-Minuten-Film „Den smíření“ ist frei verfügbar in der Mediathek (iVysílání) des Tschechischen Fernsehens zu sehen: www.ceskatelevize.cz/porady/17543982782-den-smireni







