Auf den Spuren der Vorfahren im Adlergebirge – Norbert Feichtinger erzählt

Norbert Feichtinger

Während des Sudetendeutschen Tags vergangenes Wochenende begegnete ich auf dem Messegelände in Brno / Brünn Norbert Feichtinger. Am Info-Stand des Adlergebirges entstand das folgende Gespräch.

Herr Feichtinger, wir stehen jetzt am Stand der Heimatlandschaft Adlergebirge. Stammen Ihre Vorfahren aus dem Adlergebirge? Auf Ihrem Namenschild steht nicht nur Ihr Name, sondern darunter auch „der Enkelsohn des Geigers aus dem Adlergebirge“. Hat das einen besonderen Grund?

Foto: Martina Schneibergová,  Radio Prague International

„Den Namen Feichtinger gab es in Zdobnice, in der nächstliegenden Stadt, 60 Mal. Wenn die Kinder im Wald verloren gegangen wären und gesagt hätten, ich heiße ,Anton Feichtinger‘, hätte keiner gewusst, wo sie zu Hause sind. Deswegen hatten die Häuser oder die Familien immer noch Hausnamen. Mein Großvater spielte Geige, so war mein Vater Anton Feichtinger, der Anton vom Geiger. Also bin ich der Enkel vom Geiger.“

Wo leben Sie?

„Ich lebe jetzt in der Oberlausitz am Schluckenauer Zipfel, nicht weit von Rumburk oder Varnsdorf. Und auch nicht weit von Filipov, das als das nordböhmische Lourdes bezeichnet wird.“

Ich nehme an, dass Ihre Vorfahren vertrieben worden sind. Wie ist die Geschichte Ihrer Familie?

„Wenn mein Vater nicht vertrieben worden wäre, gäbe es mich nicht. Mein Großvater ist im Januar 1945 verstorben. Meine Großmutter ist mit neun Kindern zweimal vertrieben worden: Einmal am 5. Juni1945 durch die Partisanen, über Geiersgraben in den Kreis Habelschwerdt in der Grafschaft Glatz, also in Polen. Dort blieben sie sechs Wochen und gingen wieder über das Gebirge zurück in ihr Haus im Adlergebirge in Rassdorf – tschechisch Kamenec. Auch die Hausnummer hat sich nie geändert, bis heute ist Kamenec 22 die Hausnummer. Sie blieben dort, meine Großmutter und neun Kinder, bis sie dann 1946 gehen mussten – im fünften Transport von Grulich im Waggon Nummer 35. Sie sind in Gotha in Thüringen gestrandet. Mein Vater war damals 14 Jahre alt, er war noch nicht fertig mit der Lehre. Er strandete in evangelischem Gebiet, war aber katholisch. Und er sorgte sich, wie er eine katholische Frau finden werde. Er bekam mit, dass es im Eichsfeld viele Katholiken gab. Darum machte er dort seine Lehre bei einem Herrenschneider. So lernte er meine Mutter kennen, und deshalb gibt es mich. Ich könnte eigentlich dankbar sein für die Vertreibung…“

Hat der Vater Ihnen darüber erzählt?

„Ja. Er hat mir leider nur einen Satz in Mundart beigebracht. Das war der Satz, den er seinem Lehrmeister sagen sollte – von meinem Opa.“

Ich habe Sie zuvor schon bei tschechisch-deutschen Konferenzen gesehen. Engagieren Sie sich in den tschechisch-deutschen Beziehungen?

„Ich bin Diplomtheologe, habe katholische Theologie studiert. Mein Vater ist bisher der letzte der Familie, der verstorben ist – vor vier Jahren. Da wir in der DDR großgeworden sind, wollten sie nie, dass ich mich mit der Geschichte auseinandersetze. Mein Vater wusste, dass ich es nicht akzeptiert hätte, sie nicht Vertriebenen nennen zu dürfen, sondern Umsiedler. Umsiedler sind Menschen, die freiwillig von einem Ort zu einem anderen gehen. Mich gäbe es nicht, weil meine Familie weiter in ihrem Haus geblieben wäre, wenn sie gedurft hätte. Deswegen war ich vor vier Jahren das erste Mal auf einem Sudetendeutschen Tag. Als einen katholischen Theologen hat mich der Stand der Ackermann-Gemeinde wirklich begeistert. Denn sie macht das, was für mich als Theologe verständlich ist. Wir können das, was wir erfahren haben, nur mit dem Glauben beantworten. Und nur wenn wir mit den Augen des Glaubens darauf schauen, können wir uns versöhnen und verzeihen. Das hat mich angesprochen. Deswegen bin ich vor vier Jahren Mitglied der Ackermann-Gemeinde geworden und engagiere mich auch in diesem Kontext. Und weil ich aus dem Adlergebirge bin, bin ich natürlich auch Vertreter am Stand der Adlergebirgler.“

Haben Sie Kontakte im Heimatort Ihres Vaters?

„Ja, ich habe gute Kontakte zu der Familie, die jetzt in dem Haus lebt. Wir hatten immer Kontakte zu den Menschen, die das Haus bewohnt haben. Jetzt muss ich Tschechisch lernen. Warum? Die können nur Englisch. Das möchte ich mit ihnen nicht sprechen, also muss ich Tschechisch lernen.“

Gibt es noch Menschen, die sich an Ihre Familie erinnern?

„Ja, ich kenne eine Dame – Anni Zintl, sie wohnt an der bayerisch-österreichischen Grenze. Sie war in meinen Vater verliebt. Sie ist schwerhörig, 97, aber geistig fit. Sie kann mir erzählen, wie es bei meiner Großmutter ausgesehen hat. Sie hat mir genau gesagt, wo was in dem Haus stand. Sie war die Tochter eines reichen Bauern und hätte meinen Vater nie geheiratet, das ist klar. Aber sie war eben häufig bei Feichtingers. Und immer wenn sie nach Hause kam, stand ihre Mutter schon hinter der Tür: ,Nun, warst du wieder bei Feichtingers, diesen armen Leuten? Schau mal in dein Zimmer, räum das auf. Bei Feichtingers kannst du auf dem Boden essen. Guck mal, wie es bei dir aussieht!‘“

Das war also als ein Vorbild gemeint…

„Ja. Aber das zeigt mir auch diese Gemeinsamkeit der Geschichte. Meinen Großvater hat man nicht gefragt, ob er Tscheche werden wollte im ersten tschechoslowakischen Staat. Er wurde es. Meinen Großvater hat man nicht gefragt, ob er eingegliedert werden wollte ins Protektorat. Er wurde es. Wäre mein Großvater noch am Leben gewesen bei der wilden Vertreibung, hätte er sich erschießen lassen. Denn das Haus war das einzige, was er hatte. Er ist Gott sei Dank im Januar schon verstorben. Der Älteste meiner Familie, Adolf Feichtinger, der Erbe, hat sich erschießen lassen. Und das war ein Tabu, das wurde in unserer Familie nie erzählt. Aber jetzt weiß ich es.“

War das Ihr Onkel?

„Ja, der älteste Onkel, aber ich habe ihn nie kennengelernt. Er wurde 1920 geboren. Er ging in Deštné in die höhere Schule. Im Internet sind Originalzeichnungen von ihm, im Sudetendeutschen Museum. Die habe ich dorthin gegeben, weil das Museum sie besser konservieren kann. Das finde ich interessant: Masaryk, die tschechische Fahne, ein tschechischer Muttertagsgruß, ein deutscher Muttertagsgruß – alles in einem Schulheft. Ganz normal, Tschechen und Deutsche miteinander. Und das beschäftigt mich jetzt, weil ich nicht genau weiß, ob sie wirklich miteinander oder nebeneinander gelebt haben. Das weiß ich nicht. Es interessiert mich aber sehr. Denn es ist vollkommen klar: Im Adlergebirge haben sie miteinander leben müssen. Durch die raue Gebirgslandschaft war man auf Hilfe angewiesen. Und da war es egal, ob man Tscheche war oder Deutscher.“