80 Jahre Vertreibung: Konferenz zur Aufarbeitung in der tschechischen Gesellschaft

Konferenz '80 Jahre Vertreibung – Verdrängen. Gedenken. Aufarbeiten'

Eine Konferenz mit dem Titel „80 Jahre Vertreibung“ wurde vorige Woche in der deutschen Botschaft in Prag veranstaltet.

Der ganze Titel der Konferenz lautete „80 Jahre Vertreibung – Verdrängen. Gedenken. Aufarbeiten.“ Persönlichkeiten aus verschiedenen Bereichen suchten zuerst in einer Podiumsdiskussion nach der Antwort auf die Frage, wie in Tschechien an die Vergangenheit erinnert wird.

Martin Krsek | Foto: Senat des Parlaments der Tschechischen Republik

Martin Krsek ist Historiker, er arbeitet im Regionalmuseum in Ústí nad Labem. Vor drei Jahren wurde er als parteiloser Kandidat in den Senat des tschechischen Parlaments gewählt. Hat sich nach seiner Meinung in seiner Stadt die Beziehung der Öffentlichkeit zu ihrer teilweise deutschen Vergangenheit geändert? Krsek dazu:

„Ich denke, dass es in der gegenwärtigen Gesellschaft allmählich cool wird, sich für die Geschichte zu interessieren und wahrzunehmen, dass mein Wohnort vor mir von jemandem aufgebaut wurde, der deutsch sprach. Inzwischen ändert sich auch die Beziehung der Menschen zur problematischen Phase der Koexistenz von Tschechen und Deutschen. Deutsche, die in unserer Region lebten, werden nicht mehr nur durch das Prisma des Zweiten Weltkriegs bewertet – das heißt danach, in wie weit sie sich an der Unterstützung des Nationalsozialismus beteiligt haben. In der heutigen Gesellschaft ist zu erkennen, dass die Menschen die Vergangenheit immer stärker als eine Verbindung mit jenem Ort wahrnehmen, an dem sie wohnen. Damit entwickeln sie eine positive Beziehung zu ihrem Geburtsort oder zur Region, in der sie leben.“

Dieser Trend sei unter den jungen Menschen verbreitet, meint Martin Krsek und fügt hinzu:

„Für sie ist der Zweite Weltkrieg ein weniger brennendes Thema, als er für meine Generation und insbesondere die Generationen meiner Eltern und Großeltern war. Bei uns in Ústí wird häufig der deutsche Name für die Stadt genutzt – Aussig. Es gibt dort eine Band, die sich Aussig nennt sowie einen Taxidienst mit diesem Namen. Es wäre noch vor ein paar Jahren undenkbar gewesen, dass jemand den Geist des deutschen Ústí beschwören würde.“

Kennen die Bewohner der Region von Ústí auch deren ältere Geschichte? Und wissen sie, dass Deutsche dort Jahrhunderte lang gelebt haben – und nicht nur im 19. und 20. Jahrhundert? Martin Krsek:

„Es ist schwer, der Community die ältere Geschichte vorzustellen. Ich nehme es niemandem übel, aber es ist natürlich, dass die Mehrheit der Menschen die Vergangenheit aus heutiger Sicht bewertet, also aus der Sicht sozusagen des modernen Nationalismus. Diesen Trend gab es zuerst um die Mitte des 19. Jahrhunderts herum, und den Höhepunkt erreichte er im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts und in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Es ist für die Leute kaum vorstellbar, dass da Menschen lebten, die tschechisch und deutsch sprachen und im Prinzip die gleiche Beziehung zum Land teilten – den sogenannten Landespatriotismus. Als Historiker sollten wir in der Lage sein, den Menschen zu zeigen, dass das Zusammenleben Jahrhunderte lang dauerte. Und dass der Nationalismus eine Tendenz war, die die Jahrhunderte lange Koexistenz sowie die Teilnahme an der Gestaltung des Landes zerstörte.“

Martin Krsek und Jiří Havelka | Foto: Deutsche Botschaft Prag

Um das Interesse der Bewohner von Ústí nad Labem für die deutsche Vergangenheit der Stadt zu wecken, habe er mit seinen Kollegen vom Stadtmuseum versucht, einige Superlative aus der Geschichte zu finden, erzählt der Historiker Martin Krsek:

Victor Cibich | Foto: Eva Bucharová,  Tschechischer Rundfunk

„Diese Superlative waren oft mit konkreten Persönlichkeiten verbunden, die in der Stadt gelebt haben und die meistens deutsch sprachen. Beispielsweise lebte in Ústí der reichste tschechoslowakische Unternehmer der Zwischenkriegszeit, Ignaz Petschek. Der Unternehmer und Naturschutzpionier Heinrich Lumpe errichtete in der Stadt das erste Vogelschutzgebiet in Mitteleuropa. Die Biertrinker kennen wiederum den Mann vom Etikett des Biers Březňák, das in Velké Březno bei Ústí gebraut wird: Das war Victor Cibich, der Bahnhofsvorsteher in Velké Březno. Und Cibich war jüdisch-deutsch-tschechischer Abstammung.“

In der Aufzählung der „Nej- z Ústí“ (Besten von Ústí) darf die Unternehmerfamilie Schicht nicht fehlen. Diese stehe hinter mehreren der Superlativen der Stadt, merkt der Historiker an:

„Am bekanntesten von ihren Produkten ist die Hirsch-Seife. Das Unternehmen Schicht wurde von einem alten deutsch-böhmischen Geschlecht, das aus der Gegend von Liberec stammte, gegründet. Ihre Firma in Ústí war das größte Unternehmen seiner Art in Europa.“

Johann Schicht und seine Familie wohnten nach der Gründung der Fabrik in dem ursprünglichen Verwaltungsgebäude in Střekov,  Ústí nad Labem | Foto: Gabriela Hauptvogelová,  Tschechischer Rundfunk

Unter den Teilnehmern der Podiumsdiskussion bei der Konferenz war auch der renommierte tschechische Regisseur und Drehbuchautor, Jiří Havelka. Mit der Aufarbeitung der Nachkriegsgewalt an den deutschsprachigen Bewohnern des Landes hat er sich gleich in mehreren seiner Projekte befasst. In Havelkas Theaterstück „Dechovka“ (auf Deutsch „Blasmusik“) geht es um das Massaker an den deutschen Bewohnern des Dorfes Dobronín nahe Jihlava, das sich am 18. Mai 1945 abspielte. Und am Prager Nationaltheater entstand während der Corona-Zeit Havelkas Online-Vorstellung „Očitý svědek“ („Augenzeuge“), die die Ermordung deutscher Zivilisten im Juni 1945 an der Schwedenschanze bei Přerov thematisierte. Wie der Regisseur während der Diskussion anmerkte, will ein Teil der tschechischen Gesellschaft immer noch nichts über diese Gewalttaten hören.

Regisseur Jiří Havelka | Foto: Kateřina Cibulka,  Tschechischer Rundfunk

Auf der Konferenz zum Thema 80 Jahre Vertreibung wurde auch über den Erhalt des deutschen Kulturerbes in Tschechien diskutiert. Im Publikum saßen darum Martin Chalupa und Matěj Pláček von der Initiative „Zachraňme Chomýž“ (Retten wir Chomýž). Wie die beiden jungen Männer gegenüber Radio Prag International berichteten, seien sie bei ihren Wanderungen vor ein paar Jahren auf den verwüsteten Friedhof von Chomýž gestoßen. Der Ort hieß auf Deutsch Komeise. Er liegt in Schlesien, am Stadtrand von Krnov. Die beiden Männer entschieden sich, den Friedhof zu retten, obwohl sie selbst nicht direkt aus der Nähe stammen. Martin Chalupa lebt in Ostrava / Ostrau. Er merkte an:

„Wir interessierten uns schon immer für diese Region. Ich halte mich für einen Tschechen und Schlesier, Matěj stammt aus der Gegend von Hlučín. Um den Friedhof kümmern wir uns auch deswegen, um ein von den Vorfahren begangenes Unrecht wiedergutzumachen und mit unseren Aktivitäten andere Menschen zu inspirieren.“

Matěj Pláček sagt, er komme aus dem Hultschiner Ländchen und habe die deutsche Nationalität.

„Die deutsche Kultur steht mir nahe, und ich möchte, dass der Friedhof wieder würdevoll aussieht. Neben dem Friedhof gibt es eine Marienkapelle, sie wurde 1907 geweiht. Sie ist eine Dominante von Chomýž. Auf dem Friedhof gibt es keine größeren Grüfte mehr, sie wurden vermutlich schon früher abtransportiert. Wir finden bei den Arbeiten auf dem Friedhof jedoch immer wieder Grabmalfragmente. Allmählich gelingt es uns, den Ort in einen normalen Zustand zu bringen.“

Pláček betont, er habe sich schon immer für die Geschichte interessiert:

„Auf dem Gymnasium war das mein Lieblingsfach. Ich habe jedoch Polonistik studiert. In meiner Heimatregion habe ich mehr Chancen, als Polonist Arbeit zu finden.“

Matěj Pláček  (links) und Martin Chalupa | Foto: Martina Schneibergová,  Radio Prague International

Martin Chalupa wiederum arbeitet im Hotelwesen. Genauso wie Pláček betont er sein Interesse für Geschichte, Regionalkultur und Natur. Sie seien beide jedoch nicht nur in Chomýž aktiv, erklärt Chalupa:

„In Rejvíz nahe Jeseník helfen wir beispielsweise jedes Jahr, die Marienprozession zu organisieren. Das war ursprünglich ein deutscher Brauch. In der Pfarrei Zlaté Hory, zu der Rejvíz gehört, ist derzeit ein polnischer Pfarrer tätig. Man kann sagen, dass dort Tschechen, Deutsche und Schlesier zusammenarbeiten, um die Kulturtraditionen aufrechtzuerhalten.“

Martin Chalupa und Matěj Pláček sind am Donnerstag dieser Woche von einer längeren Wanderung zurückgekehrt, die sie auf den Spuren des Hungermarsches von Krnov nach Králíky unternommen haben. Über ihre Erlebnisse wollen sie auf dem Facbookprofil ihrer Initiative „Zachraňme Chomýž“ berichten. Vor 80 Jahren wurden rund 3000 deutschsprachige Bewohner von Krnov, vorwiegend Frauen, Kinder und alte Männer, auf diesen über 120 Kilometer langen Marsch getrieben. Es wird geschätzt, dass jeder Zehnte ums Leben gekommen ist.