Auf den Spuren der wilden Vertreibung: Von Krnov nach Králíky
Der verwüstete Friedhof am Rande von Krnov (früher Jägerndorf) gab vor ein paar Jahren zwei jungen Männern Anlass dazu, die Initiative „Zachraňme Chomýž“ ins Leben zu rufen. Sie kümmern sich nicht nur um den Friedhof, sondern organisieren auch weitere Aktivitäten – wie die bevorstehende Wanderung auf den Spuren des Hungermarsches vom Juni 1945. Martina Schneibergová hat die beiden Bürgeraktivisten getroffen.
Martin Chalupa und Matěj Pláček saßen im Publikum der Konferenz, die am vergangenen Montag zum Thema „80 Jahre Vertreibung“ in der deutschen Botschaft in Prag stattfand. Die Podiumsdiskussion über den Erhalt des deutschen Kulturerbes betraf, wie sich später herausstellte, auch ihre Initiative. Diese heiße „Zachraňme Chomýž“ (Retten wir Chomýž), erklärte Martin Chalupa im Gespräch für Radio Prag International:
„Wir sind keine offizielle Initiative und kein offiziell eingetragener Verein. Seit 2022 bemühen wir uns aber darum, den Friedhof in Chomýž in einen würdigen Ort umzuwandeln. Wir möchten damit auch andere Menschen inspirieren und zeigen, dass es möglich ist, so etwas auch auf eigene Faust, mit eigenen Mitteln und nur aus Überzeugung zu machen.“
Chomýž (auf Deutsch Komeise) liegt in Schlesien. Das nahegelegene Krnov hieß früher auf Deutsch Jägerndorf. Er selbst lebe in Ostrava / Ostrau, merkt Martin Chalupa an. Nach Chomýž seien es von dort etwa 60 Kilometer, sagt er. Und Matěj Pláček stammt aus der Gegend von Hlučín. Er ergänzt:
„Wir sind wegen der Geschichte oft in das Sudetengebiet gereist, in Richtung Bruntál, Jeseník und anderswohin. Als wir Chomýž mit dem verwüsteten Friedhof sahen, weckte der Ort unsere Aufmerksamkeit. Wir lasen dort einen Aufruf, dass es wahrscheinlich zur Beseitigung des Friedhofs kommen würde, falls sich die Eigentümer der Gräber nicht melden. Da kontaktierten wir das Rathaus, mit dem wir bis heute zusammenarbeiten, und fingen an, immer öfter dorthin zu reisen.“
Martin Chalupa und Matěj Pláček organisieren neben der Arbeit auf dem Friedhof auch weitere Aktivitäten. Eine davon stehe gerade bevor, wie Chalupa erwähnt:
„Wir planen am Sonntag, den 22. Juni, auf den Spuren des Hungermarsches zu wandern, als eine Erinnerung an die deutschen Bewohner von Krnov, die vor 80 Jahren vertrieben wurden. Sie mussten zu Fuß aus Krnov über das Altvatergebirge bis nach Králíky gehen. Wir starten unsere Wanderung an demselben Tag, an dem damals der Hungermarsch begann, und zwar vor der Synagoge in Krnov. Wir hoffen, dass wir nach fünf Tagen Králíky erreichen.“
Vor 80 Jahren wurden rund 3000 deutsche Bewohner von Krnov – vorwiegend Frauen, Kinder und alte Männer – auf diesen über 120 Kilometer langen Marsch über das Altvatergebirge getrieben. Helga Rügamer war damals eine der jüngsten Betroffenen. Für das Zeitzeugenprojekt „Paměť národa“ (Memory of Nation) beschrieb sie vor einem Jahr die Erlebnisse, die sie vor allem aus den Erinnerungen ihrer älteren Brüder kannte. Diese seien damals drei und fünf Jahre alt gewesen, erzählte Rügamer:
„Sie mussten manchmal getragen werden. Ich hatte einen Kinderwagen, und es kam uns zugute, dass wir so viele waren und jeder andere Fähigkeiten hatte. Erich hat Stricke oder seinen Hosengürtel an den Kinderwagen gebunden, sodass man den Kinderwagen gehoben und gezogen hat, damit er durchhält. Die Straßen waren ja noch nicht asphaltiert, die waren geschottert. Den Walter haben sie mir sicher manchmal auf die Beine gesetzt. Erich hat sich sehr verantwortlich gefühlt, er war der Älteste. Er hat immer geschaut, dass alle nahe dem Kinderwagen blieben und weit vorn in dem Trauermarsch. Weil hinten hat man immer Schreie und Schüsse gehört. Es traf eine Nachbarin, die in der Troppauer Straße direkt neben uns im Hinterhaus gewohnt hat. Sie war eine Frau, die über 80 war, sie konnte nicht mehr laufen. Die haben sie einfach im Straßengraben erschossen. Und deswegen hat Erich geschaut, dass wir weit vorn bleiben.“
Es wird geschätzt, dass jeder Zehnte beim Hungermarsch aus Krnov nach Králíky ums Leben kam.
Die Initiative „Zachraňme Chomýž“ werden wir in einer unserer nächsten Sendungen noch ausführlicher vorstellen. Mehr über ihre Aktivitäten erfahren Sie auch auf dem Facebook-Profil der Initiative.
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