Weihnachten in der Tschechoslowakei vor 80 Jahren
Es war das erste Weihnachten im Frieden, nachdem der Zweite Weltkrieg sechs Jahre gedauert hatte. Die Feiertage konnten 1945 in der Tschechoslowakei in Freiheit, aber nur bescheiden begangen werden.
Viele Familien versammelten sich am Heiligabend 1945 zum ersten Mal seit Jahren wieder um den Tisch. Für andere jedoch war das Fest sehr traurig. Sechs Monate nach dem Kriegsende blieb ihre Hoffnung, dass ihre vermissten Familienmitglieder noch aus den NS-Gefängnissen oder Konzentrationslagern zurückkehren können, sehr gering. Und auch die Zeitungsartikel hatten nur wenig mit der friedlichen Weihnachtsstimmung zu tun. Sie berichteten vor allem über die laufenden Nürnberger Prozesse, in denen die NS-Kriegsverbrecher vor Gericht standen.
Das erste Weihnachten nach dem Krieg stand auch im Zeichen der Karitas. 1945 wurde in der Tschechoslowakei die Tradition der „Weihnachtsbäume der Republik“ nach Jahren des Verbots wiederbelebt. In Sparbüchsen unter den Bäumen auf den zentralen Plätzen der Städte wurden Spenden etwa für Kinder gesammelt, die im Krieg ihre Eltern verloren hatten.
Die Tschechoslowakei litt nach dem Krieg unter einem Mangel an Lebensmitteln, Kleidung, Hygieneartikeln und nicht zuletzt an Kohle. Das Beleuchten von Werbung im öffentlichen Raum wurde verboten. Die Behörden empfahlen außerdem, in Unternehmen wie Cafés, Theatern und Kinos Strom zu sparen. Aufgrund des Kohlemangels war auch der öffentliche Nahverkehr eingeschränkt. Die Historikerin Pavlína Kourová vom Pädagogikmuseum in Prag (Národní pedagogické muzeum a knihovna J. A. Komenského):
„Die Leute bekamen Papierbögen mit Gutscheinen, auf denen stand, wie viele Güter sie für die amtlichen Preise kaufen konnten. Das galt für sämtliche Lebensmittel, außer für Fisch.“
Weihnachtskarpfen waren nicht in der Lebensmittelrationierung enthalten. Es gab aber so wenig davon, dass man sie ohnehin nicht kaufen konnte. Die Gutscheine betrafen zudem nicht nur Lebensmittel, sondern auch Seife, Schuhe, Stoffe und Bekleidung. Wer mehr Güter wollte, habe sie auf dem Schwarzmarkt kaufen müssen, auf dem die Preise um ein Mehrfaches höher gelegen hätten, sagt Kourová:
„Dafür brauchte man Geld – oder noch besser etwas, was man tauschen könnte. Vor allem auf dem Lande wurden Butter, Malz, Speck, Fleisch und weiteres mehr angeboten.“
Staatspräsident Edvard Beneš wandte sich am 24. Dezember 1945 mit einer 22 Minuten langen Weihnachtsansprache an das Volk. Er wünschte allen Menschen guten Willens Frieden und Ruhe, erinnerte aber auch an die Aufgaben, die der Tschechoslowakei bevorstanden:
„Die Menschen vergessen allzu schnell die Gräuel des Krieges und erwarten, dass die Wunden sofort zuheilen und von Tag zu Tag ein neues Leben geschöpft werden kann. Ein besseres und glücklicheres Leben.“
Von großer Bedeutung für die Bevölkerung waren laut Pavlína Kourová großzügige Spenden von der UN-Hilfsorganisation UNRRA (United Nation Relief and Rehabilitation Administration):
„UNRRA war wie ein Wunder. Kakao, echte Schokolade, Orangen und vor allem Kaugummis. Wenn jemand ein Kaugummi hatte, hat er es sogar einem Freund aus dem Mund ausgeliehen. Die Kinder sehnten sich sehr danach.“
Die Rationen und die Spenden wurden an den Großteil der Bevölkerung verteilt. Dennoch blieben die deutschen Bewohner außen vor. Die meisten von ihnen waren zu Weihnachten 1945 noch in der Tschechoslowakei, der offizielle Transfer begann erst 1946. Die Historikerin:
„Nicht einmal die kleinsten Kinder durften etwa Milch bekommen. Es war eine Art Rache: So wie es zuvor für die Juden galt, sollte es nun für die Deutschen gelten.“
Das Rationierungssystem mit Gutscheinen, das schon im sogenannten Protektorat Böhmen und Mähren eingeführt worden war, wurde in der Tschechoslowakei 1953 endgültig aufgehoben.
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