Frühling 1945 in Pilsen: Bombardierung und Befreiung

Das brennende Škoda-Werk in Pilsen nach der Bombardierung am 25. April 1945

Der April 1945 war der letzte Monat, in dem Bomben auf das Gebiet des heutigen Tschechiens fielen. Mehrere Städte wurden getroffen, unter ihnen auch Pilsen. Knapp vor der Befreiung der Stadt durch die US-Truppen zielten drei Luftangriffe auf die Stadt im Westen des Landes.

Die westböhmische Metropole Plzeň / Pilsen war im Unterschied zu anderen Städten im „Protektorat Böhmen und Mähren“ nicht erst in den letzten Monaten des Krieges, sondern schon seit 1942 das Ziel von Luftangriffen der Alliierten. Denn dort befanden sich die Škoda-Werke, im Zweiten Weltkrieg eine der größten Waffenfabriken in Europa. Drei große Bombardierungen im April 1945 haben die Stadt stark beschädigt.

Der Hauptbahnhof in Pilsen nach der Bombardierung | Foto: Škoda Museum

Die Nacht vom 16. auf den 17. April 1945 könnte als der tragischste Moment in die Geschichte Pilsens eingehen, sagt der Pilsner Historiker Karel Foud. Während die Angriffe in den Vorjahren die Škoda-Werke zum Ziel hatten, hätten diesmal mehr als 200 Bomber der britischen Royal Air Force auf den Bahnhof und dessen Umgebung gezielt:

„In dieser Zeit bombardierten die Briten ebenso wie die Amerikaner die Verkehrsknotenpunkte in Westböhmen. Ihr Ziel war es, den Verkehr auf der Schiene, Militärtransporte und die Beförderung von Material, Waffen und Munition zu verhindern.“

Der Angriff begann vor vier Uhr morgens. Innerhalb von 15 Minuten wurden fast 900 Tonnen Bomben auf das Bahnhofsgelände abgeworfen. Historiker Foud:

Škoda-Werke nach der Bombardierung am 25. April 1945 | Foto: Westböhmisches Museum in Pilsen

„Der Rangier- und der Hauptbahnhof wurden mit Scheinwerfern beleuchtet, so dass man buchstäblich wie am Tag sehen konnte, wie Zeitzeugen berichten. Die Leute befanden sich hauptsächlich in den weiter entfernten Orten. Alle, die in der Stadt waren, versuchten, sich in Bunkern zu verstecken. Und das Ziel wurde sehr genau getroffen. Es gab beträchtliche Schäden an den Gebäuden und an der Eisenbahnausrüstung. Mehrere Tage lang war es nicht möglich, durch die Stadt zu fahren. Dann wurde ein Gleis mit großer Mühe wieder in Betrieb genommen.“

Beim Luftangriff sterben 600 Zivilisten

Die Bomben fielen ebenso auf die umliegenden Gebäude, aber auch auf die Stadtviertel Doubravka, Letná und teilweise auf Lobzy. Mehr als 120 Häuser wurden zerstört und weitere 2200 Gebäude beschädigt. Es gab eine große Zahl von Opfern und Verletzten.

Eduard Maur | Foto: Tschechisches Fernsehen

„Die Zahl der getöteten tschechischen Zivilisten beziehungsweise Personen, von denen bekannt ist, dass sie dabei gestorben sind, lag bei über 600. Die Zahl der Opfer unter den Kriegsflüchtlingen oder den Angehörigen der Militärtruppen, die sich zu diesem Zeitpunkt im Bereich des Bahnhofs aufhielten, ist nicht bekannt. Denn in jenem Moment befanden sich dort zahlreiche mit Menschen oder militärischem Material voll beladene Züge.“

Eduard Maur war 1945 acht Jahre alt. Er lebte im Pilsner Stadtteil Doubravka, und die Luftalarme gehörten in den Kriegsjahren zu seinem Alltag:

Zerstörtes Hauptsitzgebäude der Škoda-Werke | Foto: Westböhmisches Museum in Pilsen

„Während des Krieges, bei den ersten Bombenangriffen, waren wir daran schon gewöhnt. Wir haben einen Koffer mit Nahrungsmitteln und Wasser genommen, sind damit in den Keller gegangen und nach dem Angriff wieder zurückgekommen. Das war eine alltägliche Geschichte. Aber am Ende des Krieges, während dieses großen Angriffes Mitte April, das war schrecklich. Wir dachten damals, dass das unser Ende ist und dass wir nicht mehr zurückkommen. Das galt nicht nur für unser Haus, sondern für das ganze Stadtviertel, das sehr schwer getroffen wurde. Von unserer Schule zum Beispiel wurden eine Lehrerin und sechs Kinder getötet, allein aus unserer Klasse zwei Kinder.“

Die Škoda-Waffenfabrik wird zerstört

Den Bewohnern blieb kaum Zeit, sich zu erholen. Schon am nächsten Tag mussten sie einen weiteren Angriff erleben. Eine Woche später, am 25. April, fand dann der schwerste Angriff auf die Stadt statt. Die Škoda-Werke wurden dabei zerstört. Karel Foud fährt fort:

Škoda-Werke nach der Bombardierung am 25. April 1945 | Foto:  Foto: Tschechisches Fernsehen/Hledání ztraceného času: Co viděly americké kamery v Čechách

„Bis zu diesem 25. April 1945 produzierte die Fabrik ununterbrochen große Mengen an Waffen. Gleichzeitig gab es dort auch Reparaturwerke. Die Hauptprodukte waren die Jagdpanzer Hetzer und verschiedene Kanonen, sowohl mit deutscher Lizenz oder Kanonen des Škoda-Systems. Das Werk wurde zu etwa 70 Prozent zerstört oder schwer beschädigt. Dennoch rollte schon im Herbst 1945 die erste Lokomotive wieder aus den Toren der Škoda-Werke.“

Bis heute werde diskutiert, ob die Bombardierung in dem Moment, als die Amerikaner schon auf dem Gebiet Böhmens standen, nötig war, so der Historiker:

„Der Angriff wurde vom Hauptquartier der 1. US-Armee angeordnet und von der 8. US-Luftflotte durchgeführt. Es war ihr letzter Einsatz im Zweiten Weltkrieg. Die Amerikaner glaubten im April 1945 noch fest an den Mythos der sogenannten Alpenfestung. Außerdem waren die Škoda-Werke eine der letzten Rüstungsfabriken, die noch in Betrieb waren und dem Feind Waffen und Munition liefern konnten.“

Škoda-Werke nach der Bombardierung am 25. April 1945 | Foto:  Foto: Tschechisches Fernsehen/Hledání ztraceného času: Co viděly americké kamery v Čechách

In den Morgenstunden am Mittwoch, den 25. April 1945, sendete der tschechische Radiosender der BBC in London wiederholt eine Warnung vor dem Luftangriff in tschechischer und deutscher Sprache. So etwas war bis dahin noch nicht gemacht worden. Die Alliierten riskierten damit das Leben ihrer eigenen Piloten, um die Bevölkerung zu verschonen:

„Die Škoda-Arbeiter wollten es zunächst nicht glauben, versteckten sich dann aber doch alle in Bunkern. Es gab 67 Opfer. Das waren diejenigen, die es nicht schafften, in die großen, tiefen Bunker unter der Škoda-Fabrik zu kommen. Und es waren auch Menschen, die im Stadtteil Karlov wohnten, wo einige Bunker direkt getroffen wurden. Über die Warnung wurde und wird auch heute oft gesprochen, weil sie ein Hinweis darauf sein könnte, dass der Angriff einen politischen Hintergrund gehabt haben könnte.“

Škoda-Werke nach der Bombardierung am 25. April 1945 | Foto:  Foto: Tschechisches Fernsehen/Hledání ztraceného času: Co viděly americké kamery v Čechách

Die Befreiung durch die US-Armee

Zehn Tage nach dem letzten Luftangriff wurde Pilsen befreit. Dem Einmarsch der US-amerikanischen Truppen ging am 5. Mai 1945 ein spontaner Aufstand der Pilsner Bevölkerung voraus. Bewaffnete Einheiten illegaler Widerstandsgruppen und der tschechischen Polizei unter der Führung des Revolutionären Nationalausschusses besetzten alle wichtigen Gebäude in der Stadt. Den Aufständischen gelang es, mit den deutschen Besatzern dann einen brüchigen Waffenstillstand auszuhandeln. Das war ein Erfolg, denn in der Stadt befand sich eine Garnison von 7500 deutschen Soldaten. Der Historiker Foud:

Foto: Patton Memorial Pilsen | Foto: Patton Memorial Pilsen

„Der Aufstand brach am 5. Mai 1945 in Pilsen, aber eben auch in Prag und an anderen Orten im ‚Protektorat‘ los. Es gab zwar viele entschlossene Menschen, die bereit waren, den Feind zu bekämpfen. Gleichzeitig hatten die Aufständischen aber praktisch keine oder nur wenige Waffen. Vertreter des Revolutionären Nationalausschusses führten den ganzen Tag Verhandlungen mit dem Oberbefehlshaber der deutschen Truppen in Pilsen, General von Majewski. Sie versuchten, ihn davon zu überzeugen, keine Schießerei mehr zu befehlen. Denn die Karten waren natürlich so verteilt, dass die Überlegenheit auf der Seite der Deutschen lag.“

Karel Foud | Foto: Veronika Krátká,  Tschechischer Rundfunk

Am 6. Mai 1945 kurz nach 8 Uhr marschierte die 3. US-Armee in die Stadt ein. Panzerwagen, leichte Panzer und Geländewagen der 16. Panzerdivision, gekennzeichnet mit weißen Sternen, wurden im Stadtzentrum begeistert empfangen. Am Nachmittag folgten Angehörige der 97. Infanteriedivision und der 2. Infanteriedivision.

Bald nach der Ankunft der amerikanischen Truppen bildeten sich allerdings in der Stadt mehrere Widerstandszentren kleiner Gruppen deutscher Fanatiker. Vom Turm der St.-Bartholomäus-Kirche, aus den Fenstern der Häuser auf dem Hauptplatz und aus Dachgeschosswohnungen in weiteren Teilen der Stadt wurde geschossen.

In der Stadt wird geschossen

Der Zeitzeuge Eduard Maur war damals selbst nicht direkt vor Ort. Seine Familie, deren Wohnung bei der Bombardierung am 17. April beschädigt worden war, fand Unterkunft bei Bekannten in einem etwa vier Kilometer entfernten Dorf. Dennoch befand sich sein Vater an jenem Tag im Stadtzentrum:

General Patton | Foto: Martina Schneibergová,   Radio Prague International

„Mein Vater war im Zentrum der Stadt in einem Amt beschäftigt. Am 6. Mai ging er von dort nach Hause, und wir waren darüber sehr beunruhigt. Wir haben diese Schüsse gehört und hatten natürlich Angst. Wir wussten, dass sich einige Soldaten der deutschen Armee gewehrt und auf die Amerikaner geschossen haben, zum Beispiel vom Kirchenturm aus. Einige Soldaten haben sich zwar auf diese Weise gewehrt, doch es gab keine großen Kämpfe. Zum Glück ist er nach Hause gekommen.“

Der Widerstand der Deutschen wurde unterdrückt, und nach 14 Uhr unterzeichnete der Oberbefehlshaber der deutschen Streitkräfte in der Stadt die Kapitulationsurkunden.

Der südwestliche Teil der Tschechoslowakei wurde im Frühling 1945 von der 3. US-Armee unter dem Kommando von General George Smith Patton befreit. Zu Ehren des legendären Soldaten stehen in Pilsen eine Statue, ein Museum und eine Brücke, die nach ihm benannt ist. Eigentlich habe General Patton aber im Sommer und Herbst 1945 jeweils nur kurz in der Stadt Halt gemacht, sagt Karel Foud:

Hunderte von Opfern der Bombardierung von Pilsen im April 1945 werden mit einem Denkmal auf der Jateční třída in Pilsen geehrt | Foto:  Lukáš Milota,  Tschechischer Rundfunk

„In Pilsen war er nachweislich auf dem Flughafen Bory. Wir haben Fotos von General Patton dort, er landete mit seinem Flugzeug und flog in einer kleineren Maschine in Richtung Strakonice weiter, um die 94. Infanterie-Division zu besuchen. Zur gleichen Zeit besuchte er die 8. Panzerdivision in Rokycany. Zudem war er mehrmals hier, um seinen Freund General Ernst Harmon, den Kommandeur des 22. Korps, zu sehen. In seinem Tagebuch findet sich ein Eintrag, dass er die Škoda-Fabrik besichtigte. Es gibt mehrere Berichte darüber, dass er auch in Pilsen gewesen sein soll. Wir haben aber keine Beweise dafür.“

War auch General Patton in Pilsen?

Neben den US-amerikanischen Truppen waren auch belgische Soldaten an der Befreiung Westböhmens beteiligt. Der Historiker erläutert:

Foto: Radio Prague International

„Das sogenannte 17. Bataillon der Belgischen Schützen war eine Einheit, die aus Freiwilligen bestand. Sie waren zuvor größtenteils Widerstandskämpfer. Nachdem Belgien befreit worden war, traten sie in die belgische Armee ein und bildeten eine Einheit, die dann an der Seite der Amerikaner vorrückte. Sie kamen zusammen mit diesen auch nach Holýšov bei Pilsen und ein Teil von ihnen ebenfalls direkt nach Pilsen. An den Befreiungskämpfen hier in der Stadt nahmen sie eigentlich nicht teil. Aber nach 1945 begannen einige Gruppen ehemaliger Kriegsveteranen hierherzufahren. Und diese Tradition besteht bis heute weiter.“

Seit 1990 wird in Pilsen mit einem „Freiheitsfest“ (Slavnosti svobody) an die Befreiung durch US-amerikanische und belgische Truppen erinnert. Nachkommen von Kriegsveteranen besuchen regelmäßig die Stadt. Der Höhepunkt der Feierlichkeiten ist der sogenannte Convoy of Liberty mit mehreren hundert alten Militärfahrzeugen. Außerdem gibt es Gedenkveranstaltungen und ein Kulturprogramm. Die diesjährige Ausgabe findet vom 2. bis 6. Mai statt.