Die schlechten Angewohnheiten der Tschechen: Vergnüglicher Sammelband über persönliche Unarten

„Ich esse und lese dabei ein Buch“

Nägel kauen, fluchen oder schmutziges Geschirr im Spülbecken stehen lassen – diese Unarten sind noch nichts gegen die riesige Sammlung, die Kateřina Šedá in der „Nationalen Sammlung schlechter Angewohnheiten“ zusammengetragen hat. Mehrere Jahre lang war die Künstlerin aus Brno / Brünn in ganz Tschechien mit ihrem Fragebogen unterwegs. Herausgekommen ist ein erstaunliches Buch über all die privaten und öffentlichen Unsitten, oft brüllend komisch und manchmal bitterernst.

„Ich mache das Bett erst kurz vor dem Schlafengehen.“

„Mein Freund macht die Dusche grundsätzlich nicht sauber, weil er davon überzeugt ist, dass sie sich selbst reinigt.“

„Es ist ein Problem für mich, meine Mama nicht für dumm zu halten und ihr Denken und Verhalten nicht zu verurteilen.“

„Ich klaue.“

Foto: Offizielle Website der Nationalen Sammlung schlechter Angewohnheiten

Dies ist nur eine kleine Auswahl dessen, womit sich die Menschen der Künstlerin Kateřina Šedá anvertraut haben. Und im Interview für die Inlandssendungen des Tschechischen Rundfunks führt die 48-Jährige noch ein weiteres Beispiel an:

„Mein Favorit ist der Junge, der schreibt, dass bei ihm im Dorf einfach nichts passiert. Darum stellt er sich an die Haltestelle, sobald ein Bus kommt. Und wenn dieser dann anhält, läuft der Junge weg.“

Foto: Offizielle Website der Nationalen Sammlung schlechter Angewohnheiten

Mit ihrem Buch „Nationale Sammlung schlechter Angewohnheiten“ habe sie unter anderem jene Grenze erforschen wollen, die eine schlechte Angewohnheit von böser Absicht trennt, erläutert Šedá. Das große Ziel sei jedoch, die Menschen zusammenzubringen:

„Ich denke, die schlechten Angewohnheiten verbinden uns. Natürlich sind sie etwas, das uns stört. Aber gleichzeitig haben wir sie auch lieb. Sie unterscheiden uns von anderen. Ich mag viele der schlechten Angewohnheiten meines Partners. Ich selbst futtere nachts gern Schokolade – und ich habe nicht vor, das zu ändern.“

Eine schlechte Angewohnheit ist eine Tätigkeit, die sich wiederholt und die einem an anderen Menschen oder an sich selbst stört. So definiert Šedá den Gegenstand ihres Kunstprojektes, das schon 2022 begonnen hat. Dafür hat sie kurze Fragebögen in der Öffentlichkeit verteilt – an Infoständen, in Klassenzimmern oder bei kulturellen Veranstaltungen. Zusammengekommen sind Unmengen von Geständnissen, die sich auf die befragte Person selbst beziehen, auf ihre Freunde und Bekannte, die Familie, auf die Heimatregion und Tschechien allgemein oder auch auf berufsbedingte Eigenheiten.

Kateřina Šedá | Foto: Kateřina Cibulka,  Tschechischer Rundfunk

„Generell hält man eine schlechte Angewohnheit für etwas, worin alle übereinstimmen. Nägelkauen zum Beispiel stört jeden. Im Buch gibt es aber vieles, das aus subjektiver Sicht negativ bewertet wird. Eine Menge Leute sammeln etwa absurde Dinge und sind darauf stolz – ihre Familienangehörigen geben das jedoch als Unart an. Wir haben also Fälle dabei, die auf den ersten Blick wie eine gute Angewohnheit wirken, aber trotzdem immer jemanden stören. Darum gehören sie meiner Meinung nach zu den schlechten Angewohnheiten. So gibt es etwa den Mann, der Bäume pflanzt an Orten, die ihm nicht gehören. Davon sind die Leute in den sozialen Netzwerken ganz gerührt, aber in gewisser Weise ist es eine Straftat.“

„Ich fresse wie ein Schwein.“

„Englisch zu sprechen bedeutet hierzulande, Tschechisch zu brüllen. So ist es verständlicher.“

„Ich frage die Leute zwar, wie es ihnen geht. Aber es interessiert mich nicht.“

„Nationalen Sammlung schlechter Angewohnheiten“ | Foto: Romana Kubicová,  Tschechischer Rundfunk

Die „Nationale Sammlung schlechter Angewohnheiten“ ist im vergangenen Jahr erschienen, und zwar in Šedás eigenem Verlag Akademie pavěd (zu Deutsch: Akademie der Pseudowissenschaften). Die Publikation trägt den Untertitel „Enzyklopädie der Unsitten des tschechischen Volkes in XV Kapiteln“. Es ist ein stattliches Buch mit 999 Seiten, knallrot eingefasst und bebildert mit dem gekrönten Böhmischen Löwen, der auf ein Smartphone glotzt. Beim Literaturpreis Magnesia Litera kam es unter die drei Nominierungen als bestes Veröffentlichungsprojektes des Jahres.

Foto: Offizielle Website der Nationalen Sammlung schlechter Angewohnheiten

Das Buch mag dem Leser als soziologische Studie erscheinen. Tatsächlich ist es aber eines der zahlreichen Kunstprojekte von Kateřina Šedá. Sie hat einst an der tschechischen Akademie der Bildenden Künste studiert und sagt über die Ausbildung:

„Mich hat dabei fasziniert – obwohl das gar nicht das Ziel der Akademie ist –, dass am aufregendsten ja der Schaffensprozess selbst ist. Es kommt mir unfair vor, dem Publikum nur das zu präsentieren, was am Ende als Kunst herauskommt. Darum finde ich es von jeher spannend, die Leute zu Mitautoren zu machen.“

Darum sagt Šedá von sich selbst, sie modelliere die Atmosphäre zwischen den Menschen und schaffe einen gemeinsamen Raum oder auch Beziehungen. Dies stand zum Beispiel auch im Mittelpunkt ihres Projektes „Šťastní a Veselí“ (Frohe Weihnachten) Ende vergangenen Jahres. Die mittelböhmische Stadt Kutná Hora hatte Šedá eingeladen, sich am vorweihnachtlichen Feierprogramm zum 30. Jubiläum des Eintrags als Unesco-Welterbe zu beteiligen. Daraufhin gründete die Künstlerin eine fiktive Reiseagentur und lud die Bewohner auf Führungen durch ihre Stadt ein – so wie es sonst nur Touristen machen. Dabei seien ganz neue nachbarschaftliche Kontakte entstanden, berichtet Šedá, und die Leute seien motiviert worden, ihre Weihnachtsgeschenke bei den örtlichen Ladenbesitzern einzukaufen.

Bei einem Engagement in Zürich wiederum betrieb sie einen kommunalen Radiosender, in dem Alteingesessene und Zugezogene ihre persönlichen Geschichten erzählten. So hätten sich alte und neue Nachbarn viel besser kennengelernt, resümiert Šedá. Sie wirft aber auch ein, dass es zu Beginn ihrer Projekte immer viel Skepsis und Ablehnung gebe:

„Ich habe so eine eigenartige, masochistische Methode. Wenn die Leute gleich bereit sind mitzuarbeiten, dann habe ich das Gefühl, dass ich das falsche Konzept verfolge. Immer will ich eine Idee entwickeln, die die Menschen eher aufregt, sie erst einmal nicht anspricht oder sie irritiert. Es ist für mich ein wichtiger Punkt, etwas Überraschendes anzubringen. Diese Methode beinhaltet, dass mir nicht alle gleich vor Freude um den Hals fallen.“

Trotzdem funktioniere es immer, betont Šedá, und die Leute ziehen anschließend gemeinsam los, ohne dass sie sich dessen unbedingt bewusst sein müssten.

„Ich kaue Papier.“

„Mein Schwiegervater, mein Mann und auch mein siebenjähriger Sohn grüßen fremde Leute. Sie winken anderen aus dem Auto zu oder bei der Schlittenfahrt auf dem Hang – nur so aus Spaß. Die fragenden Blicke nach dem Motto ‚Wer war das denn?‘ bereiten ihnen eine riesige Freude.“

„Eine Freundin hat auf ihrem Klingelschild den Namen des Typen, mit dem sie gern gehen würde – schon seit einem Jahr!“

„Nationalen Sammlung schlechter Angewohnheiten“ | Foto: Romana Kubicová,  Tschechischer Rundfunk

Auch die „Nationale Sammlung schlechter Angewohnheiten“ bringt Menschen zusammen. Das Ausfüllen der Fragebögen allein ist nicht alles, was im Rahmen des jahrelangen Projektes passierte...

„Seit langem suche ich nach Formaten, bei denen die Leute kostenlos mitmachen können und die mehr oder weniger für alle zugänglich sind. Zugleich reizt mich die Vorstellung, nach der bildende Kunst so verstanden wird, dass es nicht auf den eigentlichen Gegenstand ankommt, sondern auf die Beziehungen. Schon lange arbeite ich mit dem Hintergedanken, dass die Welt gleich schöner ist, wenn man den richtigen Menschen trifft. Dann ist es total egal, ob ich in einem hässlichen Plattenbau wohne – es funktioniert einfach. Natürlich klingt das alles schrecklich abstrakt. Trotzdem glaube ich, dass jeder weiß, wovon ich rede.“

„Nationalen Sammlung schlechter Angewohnheiten“ | Foto: Romana Kubicová,  Tschechischer Rundfunk

Ein Vorläufer der Sammlung der schlechten Angewohnheiten war 2018 das „Größte tschechoslowakische Rendezvous“, eine Art Massen-Blind-Date auf dem Messegelände in Brünn. Damals habe sie eine Datingplattform entwickelt, die auf der Kritik an den Ex-Partnern basierte, erläutert Šedá:

„Mir ist aufgefallen, dass die Menschen auf Datingportalen oft die Bedingung stellen, dass der Interessent mit seiner Vergangenheit abgeschlossen haben muss. Da hatte ich die Idee, die Leute auf Grundlage der nicht aufgearbeiteten Vergangenheit zusammenzubringen. Ich habe sie also aufgefordert, zu der Veranstaltung auf dem Brünner Messegelände fünf Dinge mitzubringen, die ihnen von ihren Ex-Partnern geblieben sind. Damit sind dort alle herumgelaufen und darüber ins Gespräch gekommen. Das Kennenlernen geschah also auf Grundlage der Kritik, manchmal aber auch der positiven Erinnerungen an die ehemaligen Partner, und das hat super funktioniert. Manche haben sich mit einer neuen Bekanntschaft schon nach einer Stunde von uns verabschiedet.“

Kateřina Šedá | Foto: Rostislav Taud,  Tschechischer Rundfunk

Als eine Art Verbindung dieses Projektes mit der aktuellen Buchpublikation plant Šedá nun, eine Onlinedating-Datenbank zu erstellen, in der sich die Teilnehmenden mit ihren schlechten Angewohnheiten präsentieren. Dass diese nicht abstoßend wirken, sondern sich darüber neue Partner finden lassen, daran hat die Künstlerin kaum Zweifel:

„Es wird immer mindestens einige Menschen geben, die ähnliche Dinge tun und auf die das sympathisch wirkt. Und außerdem werden die anderen den Eindruck haben, dass jemand Sinn für Humor hat, wenn er in der Lage ist, über so etwas zu sprechen. All das ruft also positive Emotionen hervor. Mir haben sogar Leute geschrieben, die nach der Teilnahme an einer meiner Veranstaltungen in Mladá Boleslav ähnliche Kontaktinserate aufgegeben haben. Nach ihrer Aussage haben sie davor beim Dating nie Erfolg gehabt – danach sei aber eine Lawine ins Rollen gekommen.“

„Wenn ich als Fleischverkäuferin Salami schneiden soll, die so gut riecht, dann kann ich nicht wiederstehen und muss ein Stück essen.“

„Überall auf der Welt streiten sich die Leute, wer weniger trinkt. Nur Tschechen und Slowaken streiten sich, wer mehr trinkt.“

„Die Prager glauben, Brünn würde dort liegen, wo der Orient beginnt.“

„Nationalen Sammlung schlechter Angewohnheiten“ | Foto: Romana Kubicová,  Tschechischer Rundfunk

Die schlechten Angelegenheiten müssen nun nicht gleich immer dazu führen, dass jemand den Partner fürs Leben findet. Sie würden auch in anderen Zusammenhängen ihre Wirkung entfalten, schildert Kateřina Šedá:

„Die Treffen bei der Sammlung wirkten in Firmen oft als Teambuilding. Als die Menschen auf einmal lesen konnten, was andere nicht können, was ihnen nicht gelingt und wofür sie von der Familie kritisiert werden, haben sich alle wirklich sehr amüsiert. Und plötzlich war eine Menge an Themen da, über die sich Kollegen oder auch Schüler unterhielten, die vorher nie miteinander gesprochen hatten. Das zeigt, dass die Fähigkeit zur Bekenntnis und zur Selbstreflektion etwas sehr Sympathisches ist.“

Zu einer echten soziologischen Analyse würde die „Nationale Sammlung schlechter Angewohnheiten“ jedoch nicht taugen, räumt die Publizistin ein. Immer müsse nämlich auch in Betracht gezogen werden, dass sich die Menschen für die Fragebögen einfach etwas ausdenken oder glatt lügen. Trotzdem biete das Buch eine Menge interessanter Aspekte, sagt Šedá:

Foto: Offizielle Website der Nationalen Sammlung schlechter Angewohnheiten

„Eine sehr wichtige Sache ist, über sich selbst nachzudenken. Außerdem zeigt es unsere Nation, neben einigen negativen Eigenheiten, in ihrer Fähigkeit, sich über sich selbst lustig zu machen. Das ist zwar nichts Überraschendes und wird seit langem tradiert. Aber zum Beispiel mit den Schweizern wäre es mir absolut unmöglich gewesen, eine solche Sammlung zusammenzustellen. Das hätte nie geklappt.“

Und weil das Projekt den Menschen in Tschechien nach wie vor riesigen Spaß macht, wird es weitere Veranstaltungen im Geiste der Unsitten geben. So kündigt Šedá auf ihrer Website schon jetzt ein „Weihnachtsfestival der schlechten Angewohnheiten“ an – unter dem Titel „Tak to vysyp“ (Nun schütte es schon aus).

Foto: Offizielle Website der Nationalen Sammlung schlechter Angewohnheiten
Autoren: Daniela Honigmann , Jan Pokorný | Quelle: Český rozhlas
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