Befreiung von Sušice durch die US-Armee im Mai 1945 – Ausstellung im Böhmerwaldmuseum

Die Befreiung der Stadt Sušice durch die US-Armee im Mai 1945 ist das Thema einer Ausstellung, die im Böhmerwaldmuseum (Muzeum Šumavy) in Sušice gezeigt wird. 

Unter dem Titel „80x DÍKY“ wurde im vergangenen Jahr im Böhmerwaldmuseum in Sušice eine Ausstellung eröffnet, die die letzten Kriegswochen sowie die Befreiung der Stadt dokumentiert. Der Historiker Michal Novotný hat die Schau zusammengestellt. Diese werde in vier Kojen gezeigt, jede konzentriere sich auf eine Etappe, sagte der Kurator gegenüber Radio Prag International.

Foto: Das Böhmerwald-Museum

„Wir waren bemüht, die Befreiung der Region ab den letzten Tagen oder sogar Wochen des Zweiten Weltkriegs zu dokumentieren. Es wird gezeigt, welch Kriegschaos hier damals herrschte und wie es in Sušice aussah. In der Stadt hielten sich viele Flüchtlinge auf, die aus dem Osten auf dem Weg Richtung Deutschland waren. Die Stadt verwandelte sich in eine Art großes Gasthaus, wie ich es bildlich ausdrücken würde.“

Die Flüchtlinge blieben laut dem Historiker allerdings nicht lange in Sušice. Sie seien sehr müde und hungrig gewesen, sagt er.

„Damals waren Lebensmittel und weitere Dinge des Alltags rationiert. Jeder Bewohner hatte Lebensmittelkarten bekommen, die er eintauschen konnte. Die Flüchtlinge hatten keine eigenen Lebensmittelkarten. Es gab hier Tschechen, die eine kleine Wirtschaft besaßen und darum Zugang zu Lebensmitteln hatten. Mit ihnen tauschten die Flüchtlinge manchmal verschiedene Wertstücke gegen Essen. Der Zeitzeuge Emil Kintzl (1934–2022, Anm. d. Red.), der als Kind in Sušice lebte, erinnerte sich daran, dass ihm die Jungen der Hitlerjugend für ein Stück Brot mit Marmelade Decken, Hosen und sogar Kleinkaliberpistolen anboten.“

Sušice lag ab 1939 auf dem Gebiet des „Protektorats Böhmen und Mähren“. Die einige Kilometer entfernte Gemeinde Dlouhá Ves / Langendorf war nach dem Münchner Abkommen vom September 1938 hingegen dem Deutschen Reich zugeschlagen worden. Die Reichsgrenze befand sich laut dem Kurator dort, wo man heute nahe Sušice in Richtung Vrabčov / Brabschow abbiegt.

Historiker Michal Novotný | Foto: Das Böhmerwald-Museum

„Wir zeigen hier ein Foto des Zollhauses, auf dem zu erkennen ist, wo es sich befand. Hatten die Flüchtlinge aus dem Osten bereits Sušice erreicht, gingen sie durch die Stadt und waren sozusagen bald zu Hause. Die Bahnverbindung war nicht unterbrochen, auch in den letzten Kriegswochen fuhren noch Züge. Natürlich gab es auch hier Angriffe der Tiefflieger. Diese versuchten zu verhindern, dass Soldaten und Militärtechnik Richtung Bayern befördert wurden. Am 26. April 1945 kam bei einem solchen Angriff eine Gruppe deutscher Kinder ums Leben. Sie gehörten zu einem Evakuierungstransport aus ihrer Heimat im Osten, schafften es jedoch nicht, vor dem Angriff noch aus dem Zug zu springen. Die Tragödie forderte damals 14 Menschenleben, 16 Menschen wurden leicht und elf weitere schwer verletzt. Von den Verletzten starben acht Personen hier vor Ort. Zwei davon waren vermutlich Lehrer, die die Kinder begleiteten. Sie sind alle auf dem Friedhof in Sušice bestattet.“

Auch in Sušice brach Anfang Mai 1945 ein Aufstand gegen die Okkupanten los. Wie Michal Novotný anmerkt, wurde damals nicht nur in Prag hart gekämpft, sondern zum Beispiel auch in Plzeň / Pilsen. In Klatovy / Klattau, wo die Gestapo ihr Hauptquartier in der Region hatte, seien die Kämpfe sehr blutig verlaufen, sagt der Historiker:

„Hier in Sušice gab es einen Aufstand, jedoch ohne Verletzte und Tote. Der deutsche Befehlshaber der Besatzung in der Stadt war bereit, einen Kompromiss einzugehen – dass die Deutschen die tschechischen Aktivitäten nicht verhindern und die Tschechen im Gegenzug keinem deutschen Bewohner oder Soldaten Schaden zufügen.“

Foto: Martina Schneibergová,  Radio Prague International

In der Ausstellung sind außer den verschiedensten Exponaten, die das Kriegsende in der Region dokumentieren, vor allem viele historische Fotos zu sehen. Wie der Kurator anmerkte, gab es gleich einige „erste“ Panzer der US-Armee, die von den Bewohnern der Stadt fotografiert wurden.

Foto: Martina Schneibergová,  Radio Prague International

„Der erste Panzer, der durch die Straße Volšovská aus Richtung Petrovice kam, wurde von hinten fotografiert. Dem Fotograf Emanuel Nejdl wurde damals geraten, vorsichtig zu sein. Nachdem er erkannt hatte, dass die Amerikaner nicht feindselig sind, rannte er am Panzerkonvoi vorbei und machte noch mehrere schöne Fotos. Der erste Panzer fuhr am linken Ufer des Flusses Otava Richtung Horažďovice. Damals führte dort jedoch nur ein schmaler Weg entlang. Die Besatzung des Panzers machte ihre Kollegen darauf aufmerksam, dass sie über den Marktplatz fahren müssen. Deswegen haben wir Fotos von diesem ersten Panzer in der Stadt und auch vom ersten Panzer auf dem Marktplatz.“

Laut Michal Novotný waren die Bewohner der Stadt zuerst unsicher, wie sich die Amerikaner nach den Kämpfen im Sudetengebiet verhalten werden. Ihre Häuser schmückten sie mit tschechoslowakischen Flaggen. Es zeigte sich jedoch bald, dass die Amerikaner begeistert darüber waren, wie sie in der Stadt begrüßt wurden.

Foto: Martina Schneibergová,  Radio Prague International

„Ich will nicht behaupten, dass die Bewohner von Sušice die ersten Menschen waren, die die Befreier in unserer Region begrüßt haben. Es war jedoch ein Unterschied, wenn zuvor ein paar Dorfbewohner den Soldaten zugewinkt hatten und sie auf einmal von einer ganzen Stadt begrüßt wurden. Die Amerikaner kamen aus Deutschland, wo sie sich durch das Gebiet des Feindes durchgekämpft hatten. Auf einmal befanden sie sich an einem Ort, an dem sie stürmisch begrüßt wurden. Es waren die Angehörigen der vierten Panzerdivision, deren Befehlshaber General William Hoge war. In der Ausstellung finden sich mehrere Informationen über die Division, die sich auch an der Befreiung Frankreichs beteiligt hatte. Gezeigt wird zudem eine Originaluniform, die unter den Sammlern sehr gefragt ist. Nicht zuletzt ist die Ausstattung eines der Soldaten zu sehen, einschließlich Schokolade, Zigaretten und Kaugummis.“

In der Ausstellung wird eine kurze Filmaufnahme gezeigt, mit der einer der amerikanischen Soldaten die Ankunft in Sušice dokumentierte.

„Der Soldat, der die Stadt während der Fahrt filmte, sollte vermutlich noch die Waffe anstelle einer Kamera in der Hand halten. Er wollte jedoch diesen Augenblick dokumentieren. Dabei filmte er jedoch nicht seine Kollegen, sondern die Menschen auf der Straße, die diese begrüßten. Es war ihm klar, dass der Krieg für ihn bald zu Ende gehen werde. Da irrte er sich nicht, denn zwei Tage später kapitulierte Deutschland innerhalb Europas.“

Foto: Martina Schneibergová,  Radio Prague International

Der Film stammt aus den Sammlungen des Böhmerwaldmuseums. Laut dem Historiker sind aber auch noch weitere Dokumentarfilme erhalten. Denn unter den US-amerikanischen Soldaten habe es gelernte Kameramänner gegeben. Außer Filmaufnahmen werden im Museum viele Fotos gezeigt, die von Privatpersonen geliehen wurden. Darauf sind beispielsweise Kinder zusammen mit US-Soldaten zu sehen. Auf einem der Fotos steht beispielsweise: Ich, mein Bruder und unsere amerikanische Freunde. Der Kurator macht des Weiteren auf eine Rarität aufmerksam:

Foto: Martina Schneibergová,  Radio Prague International

„Es handelt sich um ein einzigartiges Exponat vom Dachboden unseres Museums – und zwar eine Tafel mit Hochzeitfotos des Fotoateliers Javůrek aus Sušice. Auf den Fotos sind die ersten Hochzeiten zu sehen, bei denen junge Frauen aus der Stadt amerikanische Soldaten heirateten. Alle sind später mit ihnen in die USA gezogen. Eine der Frauen war Marie Šebestová. Ihre Verwandten fragten sie bereits nach der kommunistischen Machtübernahme von 1948, ob sie nicht zurückkehren wolle. Marie Šebestová antwortete, sie habe sich an das Leben in den USA gewöhnt, habe zusammen mit ihrem Mann eine Farm gekauft und sei glücklich. Ich möchte die Bewohner der Stadt sehr loben, die uns viele Fotos und weitere Erinnerungsstücke zur Verfügung gestellt haben.“

In einem weiteren Teil der Ausstellung werde das „sorglose“ Sušice gezeigt, sagt Michal Novotný. Nach sechs Kriegsjahren konnten die Menschen seinen Worten zufolge wieder frei aufatmen und das Leben ein wenig genießen.

Foto: Martina Schneibergová,  Radio Prague International

„Die US-Armee war gut versorgt, was Lebensmittel anbelangte. Die Instant-Eier und alles andere in Pulverform hingen den Soldaten jedoch damals schon zum Hals heraus. Die hiesigen Bewohner züchteten oft Hennen und hatten Keller voll von Kartoffeln. Da haben sie oft zusammen für die Soldaten gekocht, und alle hatten etwas davon. Fast an jedem Tag im Sommer gab es hier einen sportlichen Wettbewerb. Unter den Amerikanern war vermutlich Baseball am populärsten. In einigen Sommerkinos wurden zudem Filme gezeigt. Die sorglose Zeit ging im Herbst zu Ende. Die US-Soldaten zogen weg. Der letzte von ihnen verließ am 1. Dezember 1945 Kašperské Hory. Er hieß James Brodsky und war ein Nachkomme tschechischer Emigranten. Er sprach noch ein wenig Tschechisch und half beim Dolmetschen, deswegen blieb er so lange hier.“

Michal Novotný erinnert in der Ausstellung an eine lustige Geschichte, die sich um das Kochen für die US-Armee dreht.

Foto: Martina Schneibergová,  Radio Prague International

„Die Soldaten wussten es zu schätzen, wenn sich hier jemand wie ihre Mutter oder Schwester um sie kümmerte und ihnen beispielsweise die Hemden wusch. Dafür schenkten sie den Bewohnern oft Konserven. Und so erhielt eine Frau eine große Büchse Erdnussbutter. Sie wusste jedoch nicht, was das ist und meinte, es sei vielleicht ein Suppenpulver. Also kochte sie daraus eine Suppe und lud einige der Soldaten zum Essen ein. Sie waren zwar ein wenig erstaunt, haben das Gericht jedoch gegessen. Als dann erklärt wurde, wie es zu diesem Irrtum mit der einzigartigen Erdnussbuttersuppe kam, haben alle darüber gelacht.“

Wie Michal Novotný anmerkt, schließen derartige Ausstellungen zum Kriegsende meist mit der Rückkehr der Soldaten in die USA. Er sei allerdings der Meinung, dass die Geschichte der Befreiung von Sušice damit nicht geendet habe.

„Zur Geschichte gehört auch die Zeit, in der das Thema der Befreiung des Böhmerwalds durch die US-Armee zum Grund für die Verfolgung von Menschen wurde. Dem kommunistischen Regime war eine Gedenktafel am Museumsgebäude, die an die Befreiung der Stadt durch die US-Armee erinnerte, ein Dorn im Auge. Sie wurde einige Mal entfernt und dann wieder angebracht – je nachdem, wie es gerade passte. Eine der Ersatztafeln ist in der Ausstellung zu sehen. Auf dieser Gedenktafel steht, dass sie an die Teilnahme der US-Armee an den Kämpfen gegen Nazi-Deutschland erinnert.“

Foto: Karlsuniversität in Pilsen

Laut Zeitzeugen wurde 1951 erstmals die Gedenktafel am Museum durch das kommunistische Regime beseitigt. Während des Prager Frühlings von 1968 wurde die Gedenktafel dort aber wieder angebracht, um nur vier Jahre später wieder abmontiert zu werden. Kurz vor dem 35. Jahrestag des Kriegsendes, im April 1980 entstand eine Petition, in der rund 150 Bürger, die vorwiegend aus Sušice stammten, zur Wiederanbringung der Gedenktafel aufforderten. Die Unterzeichner wurden in den folgenden Jahren vom kommunistischen Regime auf verschiedene Weise bestraft, einige davon verloren ihre Arbeit, andere wurden zur Emigration gezwungen. Erst am 22. Dezember 1989 wurde die ursprüngliche Gedenktafel zum dritten Mal feierlich am Museum enthüllt.

Die Ausstellung mit dem Titel „80x Díky!“ („80. Mal Danke!“) ist im Böhmerwaldmuseum in Sušice zu sehen, und zwar bis 10. Mai dieses Jahres. Mehr über das Museum erfahren Sie unter: www.muzeumsumavy.cz.

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