Immer mehr Menschen erinnern an Massaker von Postoloprty 1945
„In Gedenken an unsere ehemaligen Nachbarn, die hier in Saaz und Umgebung nach 1945 ihre Heimat und viele von ihnen ihr Leben verloren haben.“ So beginnt der Text einer Gedenkplakette, die der deutsche Botschafter in Tschechien, Andreas Künne, am Dienstag enthüllt hat. Sie hängt nun auf dem Friedhof im westböhmischen Žatec, das früher Saaz hieß, und anwesend bei der Zeremonie war etwa auch der Vorsitzende der Sudetendeutschen Landsmannschaft, Bernd Posselt. Woran vor Ort erinnert wird, ist eines der schlimmsten Nachkriegsmassaker in der Tschechoslowakei, das mit dem Namen des etwa 15 Kilometer entfernten Ortes Postoloprty, damals Postelberg, verbunden ist. Seit einigen Jahren findet immer im Frühsommer ein Gedenkspaziergang von Postoloprty nach Žatec statt.
Als mit diesen Sätzen am Dienstag vergangener Woche die Gedenkveranstaltung auf dem Marktplatz in Žatec begann, hatten einige der Teilnehmer bereits 15 Kilometer Fußmarsch hinter sich – ganz so, wie die wenigen Sudetendeutschen der Gegend, die im Juni 1945 das Massaker von Postelberg überlebt hatten. Eine Gedenkwanderung auf der Strecke zwischen diesen beiden Orten erinnert jedes Jahr an die vielen Toten der Nachkriegswochen – und an den Weg, auf dem die Opfer zu ihrer Hinrichtungsstätte getrieben wurden. Jürgen Tschirner aus Leipzig hat in seinem Verlag Tschirner & Kosova das Buch „Was geschah in Saaz und Postelberg im Juni 1945“ herausgebracht und ist an der Organisation der Versöhnungswanderung beteiligt:
„Das Massaker von Postelberg passierte innerhalb der wilden Vertreibungen, die von Anfang Mai bis Ende Juli 1945 stattfanden. Es war das mit der höchsten Opferzahl. Und neben dem Massaker von Aussig ist es auch eines, das in Deutschland sehr bekannt ist – sowohl unter den Vertriebenen als auch unter geschichtlich interessierten Menschen. Es gibt einige Parallelen zwischen Postelberg und Srebrenica. Postelberg ist das größte Massaker auf europäischem Boden gewesen zwischen 8. Mai 1945 und Anfang der 1990er Jahre, als Srebrenica stattfand.“
Ähnlich wie bei dem Massenmord in Srebrenica im Juli 1995, also während des Jugoslawienkrieges, fielen auch in Postelberg vor allem Männer und Jungen den Erschießungen zum Opfer. Wie viele heute noch in den Massengräbern in und um Postoloprty liegen, ist unklar. Eine staatliche Untersuchungskommission ließ 1947 nur einige dieser Stätten ausheben und die menschlichen Überreste exhumieren. Darum kennt man 763 Opfer. Experten gehen jedoch von insgesamt etwa 1700 aus, manche sprechen von mehr als 2300 toten Frauen, Männern und Jugendlichen.
Direkt vor der heutigen Grundschule in Postoloprty, wo jetzt eine Asphaltstraße entlangführt und lange Zeit ein Spielplatz gewesen ist, haben im Juni 1945 ortsansässige Frauen ihren eigenen Männern ein Massengrab schaufeln müssen. So berichtet es Petr Zemánek, Geschichtslehrer aus Prag, als er mit den Teilnehmern des diesjährigen Gedenkmarsches an der benannten Stelle steht. Zemánek hatte Mitte der 1980er Jahre in der Kaserne gedient, die hundert Meter entfernt liegt und die im Mai und Juni 1945 als Sammelstelle für die deutschsprachige Bevölkerung diente. Als Soldat habe er damals nicht gewusst, welche Geschichte die Kaserne hatte, sagt der Lehrer:
„Als einziges hätte mir etwas auffallen können, als mir der Gärtner einmal – das war schon am Ende meines Dienstes – ein paar Knochen zeigte. Ich meinte, die hätten die Jungs aus der Küche wohl mit den Abfällen in den Garten geworfen. Aber er sagte, nein, das wären menschliche Knochen. Damals ist mir das noch nicht aufgegangen – auf so etwas kommt man ja auch nicht.“
Die Opfer werden symbolisch wieder lebendig
Heute weiß Zemánek genau, was sich in der Kaserne einst abgespielt hat – dass ab dem 27. Mai 1945 die Deutschen aus Postelberg und in den ersten Junitagen auch jene aus Saaz und Umgebung dort zusammengetrieben, misshandelt und ermordet wurden. Die Kaserne war nämlich als Sitz der 1. Tschechoslowakischen Heeresgruppe ausgewählt worden. Die Volksarmee und die Revolutionsgarden bekamen den Befehl, die Gegend zu „säubern“. Darum wurden alle deutschstämmigen Bewohner aufgefordert, sich auf dem Marktplatz von Saaz einzufinden. Sie erwarteten wohl ihre Ausweisung nach Deutschland, und manche befürchteten auch, nach Sibirien geschickt zu werden. Zeitzeugen sprechen von 5000, andere von 10.000 Menschen, die während der zwei Wochen in Postoloprty tagelang zusammengepfercht wurden. Weiter ist von Brutalitäten und Gräueltaten die Rede. Die amtlich bekannten Täter wurden nie zur Verantwortung gezogen.
Dieses Wissen gibt Zemánek nun an seine Schüler weiter. Seit drei Jahren ist er Mitorganisator des Versöhnungsspaziergangs und bringt nicht nur seine eigenen Klassen, sondern auch die von Schulen aus Louny, Kadaň oder Chomutov nach Postoloprty. Etwa 200 Jugendliche und weitere Teilnehmer sind in diesem Jahr von dort bis nach Žatec gelaufen. Viele trugen den Namen eines Opfers auf einem Schild am Rucksack oder an der Kleidung…
„Ich habe den Namen einer Frau auf dem Rücken, die damals als vermisst gemeldet wurde“, sagt die 17-jährige Anežka aus Chomutov. Und ihre Freundin Hedvika aus Kadaň erläutert:
„Wir konnten uns aus einer Namensliste jeweils eine Person auswählen, an die wir erinnern wollen. Damit ist der Name eben nicht mit dem Menschen zusammen gestorben, sondern lebt weiter. Also hat sich jeder von uns einen Namen ausgesucht von einer Person, für die wir heute hier dabei sind.“
Die 19-jährige Pavla vom Johannes-Kepler-Gymnasium in Prag hatte den Namen Erich Tregner auf ihrem Schild. Sie kommentiert:
„Zuerst wusste ich nicht, wen ich auswählen sollte. Dann fand ich es aber interessant, jemanden auszusuchen, der ähnlich alt ist wie ich. Erich wurde nicht ganz 18, darum ist er mir nahe. Und nun diesen Weg abzulaufen und zu wissen, dass dieser Mensch so alt war wie ich, das hat wirklich eine sehr starke Wirkung.“
Diese Form eines pietätvollen Happenings hat das Gedenken in Postoloprty erst seit Kurzem. Dazu Jürgen Tschirner:
„Was ich ganz toll finde und was hier auch eine Dynamik hereingebracht hat, ist die geniale Idee, dass die Schüler den Weg rückwärts laufen, also von Postelberg nach Saaz. Und jeder hat einen Namen mit einer Klammer an seinem Rucksack oder Rücken. Man trägt die Toten sozusagen wieder zurück an den Ausgangspunkt, zum Marktplatz nach Saaz, und macht sie so symbolisch auch wieder lebendig.“
„Zuerst waren wir zu zweit“
Auf dem Marktplatz in Žatec hat das Gedenken vor sechs Jahren auch seinen Anfang genommen. Martin Kos ist damals von Prag in die westböhmische Stadt gezogen und hat begonnen, sich mit der Geschichte seines neuen Heimatortes zu beschäftigen. Heute ist er Mitglied im örtlichen Verschönerungsverein (ŽOK), und dieser organisiert das Gedenken in Postoloprty.
„Ich empfinde sehr genau, dass die Gegend hier dieses Unrecht immer noch in sich trägt. Wir haben darum angefangen, jedes Jahr am 3. Juni diesem schicksalhaften Datum zu gedenken, als die Männer von Žatec auf dem Marktplatz zusammengetrieben und in die Kaserne in Postoloprty abgeführt wurden. Im ersten Jahr waren wir zu zweit, also meine Partnerin und ich. Im zweiten Jahr waren wir vier, dann 16, und allmählich ist das richtig schön angewachsen.“
Inzwischen unterstützt auch die Stadtverwaltung von Žatec das Gedenken, der Bürgermeister Radim Laibl (Ano) war dieses Jahr erstmals bei der Kranzniederlegung auf dem Marktplatz dabei. Bereits im vergangenen Jahr nahm der deutsche Botschafter Andreas Künne teil, der in diesem Jahr auch eine Gedenkplakette auf dem Friedhof enthüllt hat. Warum diese offizielle Ebene des Gedenkens wichtig ist, erklärt Kos so:
„Ich finde, wir Tschechen reden uns immer heraus – dass wir in unseren nationalen Mythen gefangen oder Opfer der großen Geschichte seien und dass uns die anderen ständig Unrecht tun. Ich glaube aber, dass wir genauso sind wie alle anderen auch. Wir haben unsere guten und schlechten Seiten. Ich wollte dem Schweigen ein Ende setzen und dem Unter-den-Teppich-Kehren jener Dinge, die uns unangenehm sind und die kein gutes Licht auf uns werfen. Es ist also ein Versuch, sich mit der Vergangenheit zu versöhnen, damit eine gänzlich freie Gegenwart und Zukunft kommen kann.“
Durch die beginnende Zusammenarbeit mit dem Lehrer Petr Zemánek gab es vor drei Jahren dann das erste Mal einen Gedenkmarsch mit Schülern, und deren Zahl wird seitdem jedes Jahr größer.
Die Täter haben sich gebrüstet
Bei der Wanderung geht es jedoch nicht nur um die toten Opfer von Postoloprty, sondern auch um die Überlebenden. Walter Urban war drei Jahre alt, als das Massaker in seiner unmittelbaren Nachbarschaft stattfand. Sein deutscher Vater wurde erschossen, seine tschechische Mutter blieb mit den beiden Söhnen zeitlebens in dem Ort wohnen. Als die Schülergruppe an Urbans Haus vorbeikommt, bittet Petr Zemánek den alten Herren freundlich heraus. Sie kennen sich inzwischen gut, aber für alle neuen Teilnehmer erzählt Urban jedes Jahr seine Geschichte:
„Eines Nachmittags kamen in der Straße neben der Kaserne, wo wir leider auch ein Häuschen hatten, die Deutschen zusammen. Die Polizei machte keine Unterschiede – einfach alle Deutschen mussten zur Kaserne kommen, wo ihnen eine Arbeit zugeteilt werden sollte. Alle gingen also zum Tor, und gleich wurden ihnen Ringe, Uhren und alles Gold abgenommen. In der Kaserne waren vorher Pferde, und in den Stall wurden die Menschen hineingetrieben. Dort waren sie drei oder vier Tage, und dann kam der Befehl. Ein Stück weiter, bei der Schule, war ein großes, wirklich großes Loch. Dort wurden die Leute hingeführt und erschossen. Man fragte nicht, wer wer ist – sie wurden einfach alle erschossen und fertig.“
Trotz dieser Erlebnisse blieb Urban sein ganzes Leben in Postoloprty wohnen. Er sei damals ja noch klein gewesen, wendet der Zeitzeuge ein:
„Ich habe das damals noch nicht richtig verstanden. Aber mein Bruder, der war acht Jahre alt und erinnerte sich so ziemlich an alles – zum Beispiel, wie einmal drei, vier Männer aus der Kaserne kamen, in der Straße an uns vorbeiliefen und sich erzählten: ‚Heute habe ich 40 von ihnen erledigt.‘ So haben sich diese Ochsen noch gebrüstet, dass sie dort Leute erschossen – und das sinnlos, vollkommen sinnlos. Aber so lautete eben der Befehl. Dabei war auch ein gewisser Marek, ein Polizist aus der Gegend. Das war ein totaler Mörder.“
Dieser Bohuslav Marek sagte vor der Untersuchungskommission 1947 sogar recht umfassend aus, wälzte die Verantwortung jedoch auf seine Vorgesetzten und hohe Armeeangehörige ab. Bestraft wurde keiner von ihnen.
Bei der Gedenkwanderung vergangene Woche war von Anfang an auch eine Holzfigur dabei. Sie war etwa einen Meter groß, stellte ein junges Mädchen dar und wurde abwechselnd von den Teilnehmern getragen. Vojtěch vom Prager Kepler-Gymnasium war es wichtig, sie auch eine Weile bei sich zu haben:
„Diese Puppe hat ein ehemaliger Absolvent unseres Gymnasiums geschaffen. Sie ist also mit unserer Schule verbunden, und unser Geschichtslehrer organisiert ja auch diesen Spaziergang. Noch heute Morgen haben wir über einen Namen für die Figur nachgedacht, aber bisher haben wir noch keinen. Außerdem haben wir überlegt, wo sie stehen könnte. Letztlich wird sie im Schloss Stekník bleiben, wo wir gleich vorbeikommen. Dort wird sie in der Schlosskapelle aufgestellt.“
Das Schloss Stekník, etwa auf halber Strecke des Spaziergangs gelegen, gab der großen Gruppe die Möglichkeit zu einer längeren Verschnaufpause. Diese Zeit nutzte der Schöpfer der Holzfigur, der Kunstschnitzer Štěpán Pěnka, um sie auf dem zugehörigen Sockel zu montieren, in der Kapelle zu platzieren und kurz über seine Arbeit zu sprechen:
„Ich verbinde damit eine Geschichte, die einst ein Zeitzeuge eines Massakers erzählt hat. Ich bin nicht sicher, ob es tatsächlich auch die Ereignisse in Postoloprty betrifft, aber ich habe es so von Petr Zemánek gehört. Darin wird berichtet, wie Menschen zu einem Massengrab getrieben und in Gruppen von Soldaten erschossen wurden. Unter ihnen war ein junges, hübsches Mädchen, auf das keiner der Soldaten zielen wollte. Also blieb sie als einzige am Leben. Ein Kommandeur hielt dann einem der Soldaten die Pistole an den Kopf und befahl ihm, das Mädchen zu erschießen, ansonsten würde er ihn töten. Der Soldat legte sein Gewehr nieder und stellte sich neben das Mädchen. Diese starke Geschichte hat mich sehr angesprochen.“
Und so erinnert dieses anonyme Mädchen nun in Stekník an die schrecklichen Ereignisse in der unmittelbaren Umgebung – ebenso wie die neue Gedenktafel auf dem Friedhof in Žatec. Ihr Text endet mit den Sätzen:
„Die ehemaligen und heutigen Bewohner von Saaz reichen einander die Hände zur Versöhnung und in Erwartung einer friedlichen Zukunft. An alle Opfer dieses Krieges, mit der Mahnung, dass es keinen Krieg mehr geben wird.“







