Rache an der deutschsprachigen Bevölkerung: Brünner Todesmarsch vom Mai 1945

Brünner Todesmarsch

Nach dem Zweiten Weltkrieg war die Wut der Tschechen auf die Deutschen groß. Dabei kam es zu zahlreichen Exzessen. Einer der tragischsten war der Brünner Todesmarsch Ende Mai 1945.

Ilse Weitz | Foto: Post Bellum

„Wir sind in eine Scheune gekommen, und es hat geregnet auf der Flucht. Ein Tscheche hat gesagt, dass wir weiter müssten. Meine Mutter sagte, sie ginge nicht mehr weiter, es regne, und wir könnten nicht mehr. Da drohte er: ‚Dann muss ich Sie erschießen.‘ Meine Mutter war aber sehr schlagfertig, sie sagte: ‚Erschießen sie mich, aber auch meine Kinder, weil die dann niemanden mehr haben.‘“

So erinnert sich Ilse Weitz an den Marsch, auf den die deutschen Bewohner von Brno / Brünn am Abend des 30. Mai 1945 geschickt wurden. Sie war neun Jahre alt, als sie zusammen mit ihrer Mutter, der Großmutter und der jüngeren Schwester aus der südmährischen Stadt vertrieben wurden. Dieser Akt der wilden Vertreibung ist als Brünner Todesmarsch in die Geschichte eingegangen. Ilse Weitz und ihre Familie überlebten ihn. Ihre Geschichte hat sie vor fünf Jahren im Rahmen des tschechischen Zeitzeugenprojekts Paměť národa (Gedächtnis der Nation) erzählt.

Staatspräsident heizt Stimmung an

Historiker Tomáš Dvořák | Foto: Masaryk-Universität in Brno

Der Todesmarsch war einer jener Exzesse gegenüber Deutschen, zu denen es in der nationalistisch aufgeheizten Atmosphäre nach dem Zweiten Weltkrieg kam. Tomáš Dvořák ist Historiker an der Brünner Masaryk-Universität. Gegenüber Radio Prag International nennt er die Gründe für die Radikalisierung der tschechischen Gesellschaft:

„Da war die Frustration über die politische Entwicklung, die mit dem Münchner Abkommen von 1938 über die Abtretung der Sudetengebiete an Hitler begonnen hatte. Darauf folgte die deutsche Besetzung mit ihrer Welle der Gewalt, die zu Ende des Krieges noch weiter angestiegen war. Dazu kamen die Belastungen, die der Krieg und vor allem sein Ende mit sich brachten.“

Brünner Todesmarsch 1945 | Foto: Tschechisches Fernsehen,  ČT24

Schätzungen zufolge befanden sich zu Kriegsende rund 3,5 Millionen Deutsche auf tschechoslowakischem Boden. Die meisten gehörten zur deutschen Minderheit des Landes. Doch die Regierung in Prag und eigentlich alle zugelassenen Parteien wollten nicht nur mit den Nazis abrechnen, sondern die Deutschen massenhaft aussiedeln.

Speziell in Brünn heizte Staatspräsident Edvard Beneš die Stimmung noch an. Nur vier Tage nach der Kapitulation der deutschen Wehrmacht trat er auf den Balkon des Rathauses, wo sich 1939 Hitler gezeigt hatte. Vor Benešs Auftritt waren die Deutschen in der Stadt für drei Tage eingeschlossen worden. Der Staatspräsident skizzierte dann in seiner Rede am 12. Mai 1945 die wichtigsten Ziele seiner Politik. Und er rechnete mit Deutschland und den Deutschen ab:

Edvard Beneš | Foto: APF Tschechischer Rundfunk

„Das deutsche Volk ist blind und taub ins blutige Morden gegangen. Es hat sich nicht aufgelehnt, nicht nachgedacht und war nicht zu stoppen. Es marschierte und hat dumpf oder fanatisch gemordet und gemordet. Dieses Volk hat im Krieg aufgehört, menschlich tragbar zu sein. Uns erscheint es nur noch wie ein einziges großes Ungeheuer. Dieses Volk muss für alles eine große und strenge Strafe erhalten.“

Den Sudetendeutschen warf Edvard Beneš vor, die Tschechoslowakische Republik verraten und sich an ihrer Zerschlagung mit beteiligt zu haben. Daher forderte er nun, „das deutsche Problem in unserer Republik definitiv (zu) beseitigen“.

Befreiung von Brünn durch die Rote Armee | Foto: ČTK

Schon nach der Befreiung Brünns am 25. April 1945 wurden die Deutschen dazu gezwungen, weiße Armbinden zu tragen, auf denen ein schwarzes „N“ war – für němec, also Deutscher. Sie durften den öffentlichen Nahverkehr nicht mehr nutzen und bekamen keine Lebensmittelmarken. Nicht zuletzt wurden mehrere Tausend Deutsche in Lagern interniert. Und weiter Dvořák...

„Das bekannteste Lager war das Kaunitz-Wohnheim. Zu Zeiten der deutschen Besatzung war es ein Gestapo-Gefängnis gewesen, in dem massenhaft tschechische Widerstandskämpfer oder allgemein Tschechen hingerichtet und gefoltert wurden. In der ersten Phase nach dem Krieg wendete sich das Blatt. Auch ehemalige Gefangene der Gestapo nahmen jetzt die Zügel in die Hand, und dieses Lager für Deutsche wurde ein Ort der Rache. Es gab in Brünn aber noch weitere solche Orte“, so der Historiker.

Hof des sogenannten Kaunitz-Wohnheims | Foto: Tschechisches Fernsehen

In den Lagern kam es zu Gewalt gegenüber den Internierten. Dazu gibt es zahlreiche Aussagen von Zeitzeugen. Das Innenministerium ließ sogar die Zustände im Lager Kaunitz-Wohnheim untersuchen. Untersuchungskommissar Miroslav Jirásek gab im Laufe des Jahres 1945 einen mündlichen Vorabbericht im Ministerium in Prag. Seine Aussagen wurden aufgezeichnet und sind erhalten. Dort steht unter anderem, Zitat:

„Ich bin durch das Lager gegangen und erwischte ein Mitglied der Nationalgarde, das öffentlich mit einem Schlagstock einen Gefangenen dazu nötigte, Fäkalien zu essen. Ich wollte den jungen Mann sofort in Gewahrsam nehmen. Er wandte sich aber mit dem Revolver gegen mich und sagte, er sei Mitglied der kommunistischen Partei, und ich habe ihm nicht hineinzureden.“

Wie viele Menschen in den Lagern aufgrund von Misshandlungen starben oder gezielt getötet wurden, ist allerdings unbekannt. Die Schätzungen liegen bei mehreren Hundert.

Druck der Straße

Laut Tomáš Dvořák wurden schon während der nationalsozialistischen Besetzung in Brünn Pläne geschmiedet, die deutsche Bevölkerung künftig aus der Stadt zu vertreiben. Als nach dem Krieg die Lage vor Ort schwierig war, habe dies die Umsetzung der Pläne befeuert, so der Experte:

„Es gab hier einen starken Druck der Straße. Dies floss in die politische Debatte ein und führte zu einer Radikalisierung. Angeblich wurden einige Teile der tschechischen Bevölkerung immer ungeduldiger. Und letztlich brachte die Volkssozialistische Partei im Landesnationalausschuss den ersten entsprechenden Beschluss ein, der dann im städtischen Nationalausschuss bestätigt wurde.“

Vertreibung der Deutschen aus der Tschechoslowakei | Foto: Bundesarchiv,  Bild 183-W0911-501,  CC-BY-SA 3.0 Unported

Wie der Historiker weiter erläutert, lieferten sich damals die Volkssozialisten mit den Kommunisten einen politischen Wettstreit darum, wer radikaler vorgeht. Der Brünner Polizeichef Josef Babák warnte hingegen vor den möglichen tragischen Folgen eines Vertreibungsmarsches. Doch er konnte ihn nicht verhindern.

Brünner Todesmarsch | Foto: Post Bellum

Die Idee war, dass die männliche Bevölkerung im produktiven Alter zunächst noch in Lagern interniert bleibt und zu Aufräumarbeiten herangezogen wird.

„Das Hauptmotiv des Marsches war – auch aus der Sicht einiger Beamter –, den Druck in Brünn zu senken. Dabei ging es sowohl um das Verhältnis zwischen Tschechen und Deutschen, aber auch um die schlechte Versorgungslage und die Wohnungsnot in der Stadt. Da die deutschen Männer aus praktischen Gründen bleiben sollten, bezog sich der Beschluss auf alte Menschen, Kinder und Frauen. Sie bildeten allerdings die große Mehrheit der Deutschen in Brünn, da viele Männer noch nicht von der Front oder aus der Kriegsgefangenschaft zurückgekehrt waren“, so Tomáš Dvořák.

Quelle: Bundesarchiv,  Bild 183-R77448,  CC-BY-SA 3.0

Am späten Abend des 30. Mai wurden die Deutschen in der Stadt zusammengetrieben. Allerdings geben manche Zeitzeugen auch den 31. Mai an. Denn ganz allgemein fehlen schriftliche Aufzeichnungen zu dem, was bei dem Marsch dann geschah, und die Erinnerungen weichen nicht nur in Details voneinander ab. Laut späteren Aussagen jedenfalls wurde den Deutschen gesagt, sie sollten für drei Tage packen. Geld, Sparbücher und weitere Wertsachen wurden ihnen abgenommen. Von insgesamt 13 Sammelstellen setzte sich dann ein langer Zug aus über 20.000 Frauen, Kindern und alten Menschen in Bewegung. Er wurde in Richtung der knapp 60 Kilometer südlich gelegenen Grenze zu Österreich getrieben.

Gewalttaten und Epidemie

Einer der Zeitzeugen ist auch Roman Frait aus einer tschechisch-deutschen Familie. Seine Erinnerungen finden sich im Zeitzeugenprojekts Paměť národa. Unter anderem sagte er:

Roman Frait | Foto: Paměť národa

„Für einige der Menschen war dies sehr drastisch. Alte Leute wurden mit dem Gewehrkolben vorangetrieben. Ein Erlebnis ist mir noch lange nachgegangen. Einer Frau nahmen sie das Kind weg und schlugen seinen Kopf gegen einen Baum. Ob das Kind vorher noch gelebt hatte, weiß ich nicht. Die Frau aber brach zusammen, andere halfen ihr.“

Rund 3600 meist junge Männer trieben den Zug voran – trotz Hitze, ohne Wasser, Essen oder etwa ärztliche Versorgung, und ohne Möglichkeit zum Halten. Die Aufseher waren meist Arbeiter des Rüstungsbetriebs Zbrojovka, Sicherheitskräfte und Mitglieder der „Revolutionären Garden“. Zeitzeugen berichteten später von brutalen Behandlungen, auch von Vergewaltigungen.

Roman Frait  (links),  Stiefvater Bruno Frait,  Mutter Marie und Schwester Mariana,  Brünn 1942 | Foto: Paměť národa

Zwischen den frühen Morgenstunden des 31. Mai und des 1. Juni 1945 erreichte der Zug wohl in mehreren Wellen den Ort Pohořelec / Pohrlitz auf der Hälfte der Strecke zur Grenze. Viele der Vertriebenen konnten nicht mehr weiter. Zwei Drittel wurden aber bis Drasenhofen getrieben oder setzten den Marsch aus eigenem Willen fort. Im Zug befanden sich aber zum Beispiel auch Mitglieder gemischter Familien mit tschechoslowakischer Staatsbürgerschaft. Ihnen wurde die Umkehr erlaubt. So ging es etwa Roman Fait. Mehrere Tausend blieben aber in dem provisorischen Lager in Pohrlitz, in dem erbärmliche Bedingungen herrschten. Das war auch der Fall von Ilse Weitz, ihrer Mutter, Großmutter und kleineren Schwester:

„Wir kamen nach Pohrlitz ins Lager, wo wir circa acht Tage waren. Dort haben wir meine Tante gefunden, das war die Schwester meines Vaters. Sie hat sich jedoch die Pulsadern geöffnet. Am nächsten Tag haben wir sie noch einmal besuchen wollen, doch sie war schon gestorben. Während wir die acht Tage in dem Lager waren, brach die Ruhr aus – mit sehr vielen Toten. Die Tschechen wussten nicht, was sie mit uns machen sollen. Es kamen Männer mit Leiterwagen, haben uns aufgeladen und zur Grenze gebracht. Und an der Grenze hat man uns noch alles weggenommen, aber wir hatten eh nur noch unsere Sachen am Körper.“

Wie viele Todesopfer?

Wie schon erwähnt, gibt es fast keine schriftlichen Quellen zum Brünner Todesmarsch. Daher gehen auch die Zahlenangaben weit auseinander. Mindestens 20.000 Menschen wurden wohl auf den Marsch geschickt, aber von sudetendeutscher Seite werden auch 27.000 oder bis zu 35.000 genannt. Nicht anders verhält es sich mit den Todesopfern. Öffentlich erfasst wurden 1691 Teilnehmer des Marsches, die auf unterschiedliche Weise zu Tode gekommen sind. Doch gerade auf sudetendeutscher Seite werden ebenso 4000 bis 5000 Todesopfer genannt. Und auch über die Todesursachen wird diskutiert.

„Die Frage dreht sich um die Gewalttaten, die den Marsch begleitet haben sollen. Über ihren Umfang besteht bis heute keine Einigkeit. Zweifelfrei ist jedoch, dass die meisten Todesopfer auf Kosten von Erschöpfung und dann besonders der Ansteckung mit der Ruhr bei völlig unzureichender ärztlicher Versorgung in dem Notlager in Pohrlitz gehen. Die Gesamtzahl ging in die Hunderte. Und ebenfalls besteht die Frage nach den späteren Opfern in der Umgebung von Pohrlitz und Nikolsburg sowie vor allem auf der österreichischen Seite. Da gehen die Schätzungen in Richtung von eintausend Menschen“, erläutert Historiker Dvořák.

Denn auf österreichischer Seite warteten Rotarmisten, und ohnehin waren die vertriebenen Brünner meist nicht willkommen im südlichen Nachbarland.

 Gedenkstein für den Todesmarsch in Brünn | Foto:  (ios),  public domain

Die es schafften, schlugen sich bis nach Wien zu Verwandten und Bekannten durch. Einige waren aber schon auf südmährischer Seite zurückgeblieben, wo sie sich zu Saisonarbeiten verdingen ließen. Diese Menschen kamen dann spätestens mit der regulären Vertreibung nach Deutschland. Manche seien aber auch in österreichischen Ortschaften geblieben, sagt der Experte:

„Wie wir wissen, blickten die Österreicher damals nicht positiv auf den Zustrom von Flüchtlingen aus der Tschechoslowakei. Trotzdem blieb ein Teil dort und fand Arbeit. Die meisten aber wurden über Melk und andere Auffanglager in Österreich weiter nach Deutschland geschickt.“

Letztlich gelangten sie vor allem nach Bayern und Schwaben. Die Familie von Ilse Weitz blieb aber in Niederösterreich und ließ sich dort nieder.